Der Zeitungsausträger: Eine beispielhafte Zweitkarriere und ihr Ende+++ Auch eine Leseprobe

17 Aug
17. August 2016

Unser Zeitungsausträger sagt Tschüss
Vor einigen Tagen fand ich einen Zettel im Briefkasten: mein Zeitungsausträger – er heißt Ludwig Schlee- hat sich verabschiedet.

Ludwig Schlee

Er müsse leider seine Tätigkeit als Zeitungsausträger schweren Herzens nach über 20 Jahren im Alter von nun 82 Jahren aufgeben. Nach sechs Monaten krankheitsbedingter Auszeit habe es nochmal versucht,

„doch meine Knochen machen nicht mehr mit, meine Beine tragen mich nicht mehr über solch eine Strecke, meine Arme können den Zeitungswagen nicht mehr ziehen, mein Körper hat die Kraft nicht mehr…Es war meine Leidenschaft, die mich so lange durchhalten ließ.“

Besser lässt sich die Lust an einer zweiten Karriere nicht in Worte fassen. Ich habe ihn daraufhin besucht. Er schilderte nochmals, wie er an den Job kam, was ihm dieser bedeutete und wie schwer ihm das Aufhören gefallen sei. Beim letzten Punkt schluckte er, seine Stimme wurde brüchig und er hatte Tränen in den Augen.
Das ist verständlich. Denn das zweite Aufhören, ob nun aus bezahlter oder unbezahlter Arbeit, fällt besonders schwer, wie mir von verschiedenen Gesprächspartnern versichert wurde. Denn dieses Mal ist der Abschied endgültig. Deswegen, sagt beispielsweise Ulla Mailänder, hauptamtliche Leiterin der Tübinger Begegnungsstätte für Ältere „Hirsch“ , sei es so wichtig, dass dieser Abschied besonders aufmerksam und liebevoll gestaltet wird.
Aufmerksam? Liebevoll? Hierzu können Unternehmen von zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen eher lernen als umgekehrt. So auch in diesem Fall. Als der Zeitungsausträger nach zwanzig Jahren erkrankte und das Austragen unterbrechen musste, wurde seine Bitte, ihm in dieser Zeit doch ein Exemplar der Zeitung zu überlassen, abgelehnt. Heute, nach seinem endgültigen Ausscheiden, muss er sich seine Heimatzeitung, die Mainzer Allgemeine, die er so viele Jahre verlässlich austrug, kaufen. Wäre nicht ein Freiabo für, sagen wir, ein Jahr eine naheliegende Dankesgeste gewesen?
Kleiner Trost: Ein Leser mit Beziehungen zur Lokalredaktion ging der Brief des alten Zeitungsausträgers zu Herzen. So gab es dann wenigstens noch einen Abschiedsartikel.

buch-cover-Kopie

Leseprobe:
Eine beispielhafte Zweit-Karriere

Neulich, es ist nun schon drei Jahre her, traf ich unseren Zeitungsausträger. Erstmals, denn wer ist normalerweise schon um halb sechs an seinem Briefkasten? Für ihn war es an jenem Tag spät. Heute sei es eine Ausnahme, sagte der Mann, als er mit einer Art Bollerwagen die Straße heraufkam. Er sprach gleich von seinen 79 Jahren, und erzählte, wie er zu seiner 2. Karriere gekommen ist, die ihn so offensichtlich jung und behänd hält. Er sei gelernter und gegautschter Buchdrucker gewesen, hatte also einen ehedem hoch angesehenen Beruf im Druckgewerbe ausgeübt, den der technische Wandel voll traf. Ihm wurde ein Abschied mit goldenem Handschlag angeboten, als er 58 war. Er nahm an. Aber was dann? Er habe seiner Frau aus der Zeitung vorgelesen. Da habe seine Frau gesagt: „Ich lese die Zeitung seit mehr als 40 Jahren allein. Das gedenke ich auch in Zukunft zu tun.“ Also hatte sich der Ehemann gesagt: „Ich muss was tun, sonst verbeule ich nur das Sofa vorm Fernseher und verzanke mich mit meiner Frau.“ Und er wurde Zeitungsausträger. Er bereue, sagt er, seine Entscheidung keinen Tag. Wenn er 80 werde, wolle er aber nur noch „Springer“ sein.
Unlängst –auch schon wieder ein Jahr her- war wieder so eine Morgensituation. „Sie wollten doch nach 80 nur noch Springer sein?“, fragte ich. Er antwortete, während der Regen uns in den Hals rann, er habe beschlossen, seinen Job fortzusetzen, solange es gehe.“ „Aber bei dem Wetter?“, wendete ich ein. Er lächelte mich kurz an: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung“.
Der Zeitungsausträger gehört zu jenen, die sich die Frage „Was nun?“ erst stellten, als sie unumgänglich war. Er merkte nach seinem Ausscheiden aus dem Job: so geht es mit mir nicht gut weiter. Er hat sich dann gegen den Nur-Ruhestand und zugunsten einer bezahlten Teilzeit-Tätigkeit entschieden. Er hat eine zweite Karriere gemacht und so seine Antwort auf die Frage „Was nun?“ gefunden.

Aus: Henning von Vieregge, Neustart mit 60, Anstiftung zum dynamischen Ruhestand, Wiesbaden 2016, Verlag Neue Ufer S.20 f

Großes Interview mit Olaf Zimmermann

07 Aug
7. August 2016

Blog 125/ August 2016
Guten Tag,

Olaf Zimmermann, Deutscher Kulturrat

„Interessenvertretung ist ein Ausdruck unserer Demokratie. Ohne organisierten Lobbyismus bricht sie zusammen. Überall, wo die zivilgesellschaftlichen Strukturen nicht gut ausgebaut sind, entstehen Probleme. Wir müssen endlich aufhören, uns wegzuducken, uns zu verstecken. Beim Deutschen Kulturrat gibt es überhaupt nichts Geheimes“.

Das ganze Interview (Quelle: Verbändereport Nr. 5/2016)

2016,5 VR Interview Zimmermann

Mit freundlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Das reiche Rothen

14 Jul
14. Juli 2016

Blog 124/ Juli 2016
Guten Tag,

Rothen, Treffpunkt Rothener Kelle
Treffpunkt Rothe Kelle
Das kleine Rothen, gelegen im Sternberger Land in Mecklenburg zwischen Schwerin und Güstrow, ist besonders reich. Jedenfalls dann, wenn man das Sozialkapital bewertet. Sozialkapital bildet sich durch Kenntnis voneinander. Dadurch entsteht Vertrauen und Vertrauen schafft Bindung. Wenn man sich aber aufeinander verlassen kann, geht Vieles im Zusammenleben einfacher. Jeder gibt sich dann mehr Mühe. Diese guten Beziehungen zueinander sind also ein geldwerter Vorteil. Eben Sozialkapital.
Und so erlebe ich Rothen.
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Wie Kirchengemeinden effektiver kommunizieren +++++ Neun Empfehlungen

04 Jul
4. Juli 2016

Blog 124/Juli 2016

Kreuz im Nebel: Hier hilft keine Positionierung Kreuz im Nebel: Hier hilft keine Positionierung

Guten Tag,

Erfolgreiches Werben nimmt im Aufmerksamkeitswettbewerb durch konsequente Nutzerperspektive und berührende Emotionalität die erste Hürde: es wird wahrgenommen. Ob die Botschaft dann auch verstanden wird und ob ihr gefolgt wird, das sind Anschlussfragen. Also müsste ich, bezogen auf diesen Text, die Nutzerfrage „What’s in for me?“ überzeugend beantworten. Was haben diejenigen, denen – um die Überschrift zu bemühen – Hinweise zu effektiverer Kommunikation gegeben werden, davon, wenn sie den Empfehlungen folgen? Kann ihre Berufsausübung so mehr Freude bereiten? Zweifellos wird doch eine Zusatzanstrengung empfohlen: Wärmt solche Mehrarbeit zum Ausgleich das Herz, das eigene und das der Gemeinde?
Die Antworten liegen nicht bei mir. Ein Akzeptanzproblem kann ich ansprechen, aber nicht beseitigen. Die Barrieren „Rat von Leuten aus der professionellen Kommunikation nicht abweisen“ und „Effektivität als Maßstab akzeptieren “ müssten geräumt sein, wenn die im Text ausgesprochenen Empfehlungen es bei der Leserin, beim Leser in die Abwägung schaffen sollen.
Zur Erklärung der Entstehung: Der Text ist nach Interviews mit führenden Experten der Werbe- und Kommunikationswirtschaft über ihr Bild von Kirche und ihre Empfehlungen zur Kommunikation von Kirche entstanden.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Quelle: Hessisches Pfarrblatt Nr. 3/ 2016
(dort nachlesbar und ausdruckbar mit Fußnoten)

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Goldabiturient 1916-2066

19 Jun
19. Juni 2016

Blog 123/ Juni 2016

Guten Tag,

Abiturfeier Leibnizschule Hannover am 16.6.2016: Wer eingeladen wird zur 50. Wiederkehr seines Abiturs, kommt unvermeidlich ins Grübeln. „Wir sind ja ein richtiger Nachkriegsjahrgang“, sagt einer, als hätte er eine Neuigkeit entdeckt.  Wir, das sind  die zwischen 1946 und 1948  geborenen, die letzten Jahrgänge von bescheidener Aufmüpfigkeit, bevor die 68er Bewegung die Schulen erreichte. Reinhard Kurz, Mit-Goldabiturient, sieht uns in der Rückschau so: „ Die meisten von uns arbeiteten sich wohl in der Mittelstufe schlichtweg an den autoritären Köpfen ihrer Lehrer mit mehr oder weniger erfindungsreichen Jungenstreichen ab –sozusagen in der literarischen Tradition der Werke von Musil, Torberg, Wedekind etc. So sind wir schulisch aufgewachsen mit Menschenleben, wie sie uns  im Sturm der Studentenbewegung kaum noch begegneten.“ Mit Lehrern, von denen keiner unversehrt an Körper und Seele war. Die uns, wenn sie dazu einen Anlass sahen,  ohrfeigten, mit Hausschlüsseln und Tauen schlugen, in Papierkörbe versenkten. Dies alles  aus erlernter Erzieherbrutalität oder erlittener Lebensverzweiflung, wie wir erahnten und nicht unterscheiden konnten.
Dr Horst Berkowitz1

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Was macht alte Menschen glücklich?

02 Jun
2. Juni 2016

Blog 122/Juni 2016

Guten Tag,

fast alle Hochalterigen müssen irgendwann gegen Ende einen Großteil ihrer Autonomie aufgeben, oft aus heiterem Himmel. Zumeist fängt es damit an, dass die Person stürzt und sich etwas bricht oder in ihrer Wohnung ohnmächtig wird . Man findet sie und die wohlmeinenden Kinder sagen: „So geht es nicht mehr weiter, dass, Mutter oder Vater, wirst du doch einsehen?“ Es sind nicht nur die gewohnten sozialen Kontakte, die dann wegbrechen, es ist auch der bis dahin noch mögliche Einsatz für noch Schwächere. Die Rundumversorgung im Seniorenheim ist nicht nur ein Segen.

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© Copyright - Henning von Vieregge