Der Hype um Respekt: drei respektlose Geschichten

28 Sep
28. September 2021

Beitrag 259/September 2021
Guten Tag,
Respekt ist das Wort der Stunde. Ob auf der Brust von Fußballern oder auf Plakaten politischer Parteien: Es geht um Respekt. Als Angebot oder Forderung?

Neulich, wir waren an der Nordsee und hatten uns einen Strandkorb gemietet, hatten wir folgendes Erlebnis: Unser Strandkorb war besetzt. Normalerweise kein Problem. Der Besetzer entschuldigt sich, man sagt, das macht doch nichts, der Strandkorb wird geräumt und fertig. Dieses Mal war der Besetzerin deutlicher Unwille darüber anzusehen, dass wir unser Recht wahrnehmen wollten. Kein Wort der Entschuldigung. Zu sehen waren Handtuch und Badeanzug an der Seite des Strandkorb und Turnschuhe und Handtuch im Strandkorb. Darauf folgenden Dialog
Ich: Eine kleine Entschuldigung wäre nett.
Sie: Wieso? Mein Handtuch liegt neben dem Strandkorb.
Ich: Und die Turnschuhe?
Sie: Da müssen Sie meinen Mann fragen, es sind seine.

Erlebnis zwei: Parkplatz mit Tankmöglichkeit für Elektroauto, wir haben ein solches und wollen parken. Der Parkplatz ist besetzt. Eine Frau steht neben einem Benziner, der den Parkplatz füllt. Ein Mann steht dahinter. Wir stehen mit unserem Auto dar und warten. Keine Ansprache. Darauf folgenden Dialog:
ich: Sie fahren gerade heraus?
Der Mann: Was soll das? Das sehen Sie doch.
Ich: bisher habe ich es nicht gesehen.
Der Mann: Jetzt sehen Sie es (die Frau beginnt langsam einzusteigen)
ich: Sie wissen aber schon, dass dies ein Parkplatz für Elektrofahrzeuge ist?
Der Mann: (drohend) Wollen Sie Streit?
Ich versichere, dass ich keinen will. Der Mann schüttelt mehrmals den Kopf, um anzuzeigen, dass ihm eine solche Unverschämtheit noch nicht begegnet ist.

In beiden Fällen hätte eine kleine Respekt-Bezeugung jede Verärgerung im Kern erstickt. Wer Respekt fordert, muss sie selber geben wollen. Andernfalls ist der Hype um Respekt problematisch. Schlechte Vorbilder sind besonders wirksam. Eine Geschichte, die ich nicht selbst erlebt habe, aber glaubhaft erzählt bekommen habe, ist ein besonders nachdenkenswertes Beispiel von demonstrativer Respektlosigkeit. Eine Mutter und ihr Sohn im Flugzeug, die Stimme des bringt dem Sohn das gewünschte Getränk, der Sohn bedankt sich, die Mutter sagt: „Du musst dich nicht bedanken. Die Frau tut nur, was sie ihre Pflicht als Stewardess ist.“

Mit respektvollen Grüßen
Henning v. Vieregge

Zwei Tage FAZ Vollstudium – Lesearbeit im Urlaub: ein Selbstversuch

02 Sep
2. September 2021

Beitrag 258/September 2021

Guten Tag,
eine Tageszeitung wie die Frankfurter Allgemeine hat pro Seite zwischen fünf und neun Beiträge, kurze und lange, Nachrichten, Reportagen, Kommentare, Bilder nicht gerechnet und ohne Lokalteil und Verlagsbeilagen. Sonderausgaben wie Technik und Motor oder Natur und Wissenschaft werden umfassen vier Seiten. Die beiden Ausgaben vom 30. August und 1. September hatten 28 Seiten +4 Seiten Sonderteile. Ohne es also genau ausgezählt zu haben, kommt der Leser auf 150 bis über 200 Lesestücke, wenn er den Ehrgeiz hat, die Zeitung von vorne bis hinten gründlich zu lesen. Schaut er sich eine vermeintlich gründlich gelesene Zeitung nochmals an, stellt er fest, dass er grob geschätzt 60 % genau gelesen hat, 20 % wie üblich überflogen und 20 % übersehen hat. Kurzum: Das Zeitungsstudium kann einen Strandtag füllen, zumal wenn zwischendurch noch mal mit Ehefrau und Freunden geplaudert und Hund und Wetter beobachtet sein wollen.
1
Was bleibt denn eigentlich hängen? Wenn man beim Lesen mit dem Textmarker arbeitet und sich die angefärbten Stellen hinterher betrachtet, stellt man fest, dass einerseits Sätze angestrichen wurden, die Positionen unterstreichen, die der eigenen entsprechen, andererseits aber doch Argumente notiert werden, die einem in dieser Form vielleicht noch nicht begegnet sind (oder die man wieder vergessen hatte).
2
Ich beginne mit der Wiedergabe einer besonders übergreifend gemeinten Aussage und verbreitere diese nochmals: „Die Bereitschaft zum Kompromiss ist geringer, der Ton der Auseinandersetzungen schärfer und verletztender geworden.“ Dieser Satz ist von Herausgeber Berthold Kohler auf Deutschland gemünzt, bezogen auf die Themen Energiepolitik, Impfen und, kurios aber wahr, das Binnen-I. Dahinter steht die These: Die politischen Lager würden stärker zerfallen als früher. Noch allgemeiner lautet die Behauptung, die Gesellschaft würde stärker zerfallen als früher. Hauptursache sollen die Globalisierung und die damit einhergehende Auseinanderentwicklung zwischen Menschen mit und von Menschen ohne Chancen sein, innerhalb der Länder und im Vergleich der Kontinente. Bessere Chancen haben verallgemeinernd Menschen, die dort leben, wo die Bevölkerung langsam oder gar nicht wächst. Auch die Klimaveränderungen richten dort, wo das Wachstum der Bevölkerung stärker ist, stärkeren Schaden an. Die Pandemie, so geht die Argumentation weiter, habe alle diese Gegensätze noch deutlicher hervorheben lassen.
3
Die ganzseitige Reportage von Claudia Bröll aus Phoenix, Südafrika, zeigt, wie Gegensätze von Bevölkerungsgruppen, hier zwischen Schwarzen und lange in Südafrika lebenden Indern, schwelen und jederzeit losbrechen können. Hier war der Auslöser der lange verzögerte Haftantritt des früheren Präsidenten Jacob Zuma, eines überaus korrupten Zulus mit nach wie vor treuer Gefolgschaft. Unruhen und Plünderungen in mehreren Provinzen folgten den Protesten und als es der bedrohten indischen Community in Phoenix bei Durban, dort wo einst Mahatma Gandhi gelebt und gewirkt hatte, gelang, die Übergriffe durch selbstorganisierte auch bewaffnete Nachbarschaftsverteidigung abzuwehren, die Polizei war nicht in Erscheinung getreten, riefen die linksradikalen Economic Freedom Fighters anschließend zum Marsch nach Phoenix gegen rassistische Inder auf. Von einem Massaker mit 100 Toten war die Rede, offensichtlich übertrieben nach Sprache und Fakten. Ein Bischof, Zuma verbunden, marschierte mit Kollegen im Protest zur Polizeiwache von Phoenix und forderte auf, den Tod der mehr als 30 unschuldigen schwarzen Menschen aufzuklären. Bevor man nun den Argumentationslinien wie oben ausgeführt folgt, ist es gut zu wissen, dass schon 1949 und wieder 1985 gewaltsame Übergriffe von Schwarzen auf Inder erfolgten.
4
Und Deutschland? „Der Glaube, das Land sei gut gerüstet für Herausforderung aller Art, ist nicht nur von Steinzeit – Islamisten, sondern auch von einer Flutkatastrophe und vor allem von einem Virus erschüttert worden. Die Seuche deckte erbarmungslos Schwächen im politischen System, der Verwaltung und der Infrastruktur auf.“ Diese zentralen Aussagen im Kommentar „Die Chance nach Merkel“ eines der Herausgeber (Berthold Kohler) dürften in der hiesigen Bevölkerung weithin auf Zustimmung stoßen. Alle drei Themen werden in den beiden Ausgaben auf verschiedene Weise beleuchtet
5
Zu Afghanistan schreibt der Londoner FAZ Korrespondent Jochen Buchsteiner in Erwiderung auf einen Beitrag von Navid Kermani , der die Auffassung vertreten hat, „Es hätte gelingen können“: „Nein, hätte es nicht, niemals.“ Es habe zwar Afghanen gegeben, insbesondere auch Frauen, die den von den Interventionisten gewünschten Weg einer Modernisierung nach westlichem Vorbild gernund vertrauensvoll mitgegangen seien, „aber noch größer waren die Beharrungskräfte.“
Was die Flüchtlinge aus der muslimischen Welt angeht, so wählen sie, Buchsteiner folgend,“ den Westen nicht wegen, sondern trotz seiner Freiheiten, die sie allzu oft als Bedrohung der eigenen Familienwerte betrachten.“
Der Autor rät dringend davon ab, weiterhin den Versuch zu machen, in islamischen Krisengebieten unsere Werte exportieren zu wollen. Eine Transformation könne man nicht exportieren, sondern sie müsse von innen kommen. Buchsteiner rät, statt des Exports die Verteidigung zu stärken, „namentlich gegen die neue Weltmacht China“. Die USA hätten dies augenscheinlich gelernt.
6
Einen Tag zuvor hatte übrigens im Leitartikel auf Seite 1 Nikolaus Busse „Zurück zur Realpolitik“ eine ähnliche Aussage getroffen: Der amerikanische Präsident suche „vor allem Verbündete zur Eindämmung Chinas“, endete sein Kommentar.
7
Zur Flutkatastrophe gibt es in der Ausgabe vom 1. September im Politikteil einen Bericht über eine Diskussion im rheinland-pfälzischen Landtag. Oppositionsführer Christian Baldauf zählte Fehler der Regierung auf und kam zu dem Vorwurf, die Landesregierung habe möglicherweise im Sturm die Brücke verlassen. Es sei zu tödlichem Unterlassen gekommen. Erwartungsgemäß verwahrten sich die Regierungsparteien gegen diesen Vorwurf und nannten ihn unverschämt und hinterhältig.

8
Fest steht, dass es wohl eine ganze Kette von Versagen gegeben hat, wie auch ein zweiter Beitrag nahelegt, bei der auf der Medienseite der Zeitung nach der Rolle des SWR, also des für Rheinland-Pfalz zuständigen ARD Senders, gefragt wird. In der Hochwassernacht vom 14. auf 15. Juli gab es einen Mitarbeiter im Funkhaus. Im Normalfall reiche die reduzierte Personenzahl aus, wurde offiziell nach dem Unwetter mitgeteilt. Dass dies kein Normalfall war, haben die Verantwortlichen im Sender offensichtlich nicht mitbekommen und verweisen auf mangelnde Warnungen zuständiger Landesbehörden. Das am 14. in den Spätnachrichten kurz vor 22:00 Uhr ein Reporter aus der Eifel von einem „rasant steigenden Wasserpegel“ und „von Häusern, die wirklich absaufen“, berichtete, , so der FAZ-Bericht, hatte die Verantwortlichen im Funkhaus nicht aktiviert. Der Sender beschäftigte sich in den Tagen danach ausführlich mit dem Versagen des Landrats im Ahrtal , der erst nach 23:00 Uhr den Katastrophenfall ausgerufen atte und dafür heftig kritisiert wird. Mit dem eigenen Verhalten beschäftigte man sich, dem Bericht der FAZ folgend, nicht. Jedenfalls nicht medienöffentlich.
9
Die Impf – Diskussion macht sich im Augenblick an der Frage fest, ob Arbeitgeber ihre Beschäftigten fragen dürfen, ob sie geimpft sind. Unter dem Titel „Politik als Luftfilternummer“ geht Jasper von Altenbockum in seinem Kommentar das Thema grundsätzlicher an: „Traurige Wahrheit ist, dass nicht eingetreten ist, was sich die übergroße Mehrheit der Bevölkerung im vergangenen Jahr gewünscht und die Politik als Ausweg aus der Pandemie versprochen hatte: Herdenimmunität durch Impfung.“ Auf diesem Hintergrund sei die Diskussion um Luftfilter nicht „Symbol einer langsamen, sondern einer verirrten Coronapolitik geworden…. Wären alle Beteiligten, um die es jetzt noch geht, im Namen der Freiheit geimpft, müsste über den Lockdown. nicht mehr geredet werden.“
10
Natürlich geht es in beiden FAZ Ausgaben auch um den Wahlkampf, beispielsweise mit einer langen Reportage über die angebliche oder tatsächliche Entfremdung des einst so harmonischen Spitzenduos der Grünen. Warum die Partei sich überhaupt entschied, die Gleichrangigkeit von Habeck und Baerbock aufzulösen, wird in der Reportage nicht erörtert.
11
Im Feuilleton gibt es zwei Beiträge zum sogenannten Triell, zum Aufeinandertreffen der drei Kanzler Kandidaten bei RTL.Beobachter Claudius Seidl schreibt grundsätzlich und argumentiert gegen alle drei. „Wer das eigene Programm fehlerfrei, präzise und in der angemessenen Lautstärke herunterrattert, der rattert immer noch nur das Programm herunter. Wer jede Pointe, jede Ironie und das Bekenntnis, auch mal etwas nicht zu wissen, verweigert, der zeigt damit nicht nur einen Mangel an Respekt vor der Intelligenz des Publikums. Er offenbart damit auch, wie schwer es ihm fällt, sich ein Jenseits der Parteiprogramme vorzustellen.“ Und dann offenbart Seidl, wie er es sich vorstellt, wie es sein müsste. „Dieses Jenseits ist aber der Ort, wo die moralischen, ästhetischen und womöglich die religiösen Kraftquellen guter Politik liegen könnten. Und zugleich ist es der Ort, wo das Volk sitzt und zuschaut und wie es an diesem Abend wieder hieß, abgeholt werden könnte. Wenn es der Auftrag der Politik ist, dem Volk das gute Leben zu sichern, dann sollten Politiker fähig sein, in ihren Performances auch einen Vorschein dieses Lebens zu inszenieren.“

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Von dieser hohen Warte ist es ein weiter Weg bis zur Verärgerung des Andy Murray über seinenTennisgegner Stefano Tsitsipas , der bei einem engen Match bei den US-Open sich acht Minuten Zeit nahm, um pinkeln zu gehen und sich bei dieser Gelegenheit in trockene Kleidung zu werfen, während sein Gegner wartete und wartete. Murray verlor das Match. Tsitsipas hat gegen keine Regel verstoßen. Die Frage, ob man eine Regel genauer fassen muss, wenn Fairnessgebote nicht mehr befolgt werden, ist keine, die nur auf dem Tennisfeld immer wieder neu gestellt und beantwortet werden muss.

Wie sichert Rotary Zusammenhalt und Relevanz?

20 Aug
20. August 2021

Blog 257/August 2021
Guten Tag,
mich hat in der Tat die Frage in der Überschrift „Wie sichert Rotary Zusammenhalt und Relevanz?“ Von Anbeginn meines stärkeren Engagements für Rotary interessiert, vorher galt die gleiche Frage der evangelischen Kirche. So kann denn meines Erachtens der nachfolgende Text Rotary spezifisch und mit gewissen Abstrichen auch für andere Organisationen der Zivilgesellschaft geltend gelesen werden. Er ist bei Rotary online erschienen.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Ego zügeln, aber sichtbar sein: Was Rotary zusammenhält und relevant macht.

Wodurch wirkt man? Für Theodor Fontane war die Antwort eindeutig: Wenn seine Eltern sich darin versuchten, „mit den herkömmlichen pädagogischen Mitteln einzugreifen, (wurde) unser normaler Nicht – Erziehungsprozess gestört, teils nutzlos, teils geradezu schädigend.“ Entscheidend sei gewesen, wie die Eltern sind, „wie sie durch ihr bloßes Dasein auf uns wirken“.
Bei Rotary gibt es ein Agieren in Zurückhaltung, weniger, weil es aufgeschrieben ist (es gibt Benimm-Regeln), sondern vielmehr, weil es immer wieder vorgelebt wird. Das lässt sich nach innen wie nach außen beobachten. Nach innen verdeutlicht sich diese Haltung darin, dass ganz im Gegenteil zu den Gründern innerhalb von Rotary direkte Geschäftsanbahnungen verpönt sind, was nicht heißt, dass sie nicht vorkommen. Aber dann ergeben sie sich, weil ein Netzwerk ein Nützwerk ist, aber nicht, weil man sich dazu verpflichtet fühlt. Ähnliches gilt für die Vertretung von Glaubensauffassungen. Es herrscht der Comment der Zurückhaltung. Das Miteinander wird, das zeigen die Selbstcharakteristika der Clubs unzweifelhaft, vorrangig als freundschaftlich beschrieben. Trotzdem oder deswegen?

Lesen Sie sich bitte mal durch, wie sich ein Club in Jerusalem 1931 selbst beschrieben hat und nehmen wir an, die Selbstbeschreibung entsprach (mindestens weitgehend) der Realität. Dann könnten wir uns fragen, was das Geheimnis eines solchen Miteinanders ist. Und zweitens, warum uns ein Clubleben in solcher ideologischer Divergenz heute nicht mehr möglich scheint:
Wir haben ein buntes Gemisch in unserem Club, etwa zehn Nationalitäten, fünf verschiedene Sprachen. Rotary liefert uns den gemeinsamen Rahmen, ungeachtet aller Unterschiede in Rasse, Religion und Sprache. Wir haben überzeugte Zionisten und ebenso überzeugte anti – zionistische Araber im Club, Briten, Amerikaner, Deutsche. Sie alle begegnen sich als Rotarier freundschaftlich, obwohl sie sich im Übrigen bei vielen Themen deutlich unterscheiden.

In früheren Jahren konnten Rotarier in einem Club über Jahre verbunden sein und sind gleichwohl beim „Sie“ und „rotarischen Freund“ geblieben. Erst durch die Globalisierung und den damit verbundenen Siegeszug des Englischen ist das „Du“ gesellschaftlich derart beherrschend geworden, dass es auch den Weg in die Rotary Clubs gefunden hat. Aber der Unterschied zwischen einem rotarischen Freund und einem Freund ist damit nicht aufgehoben. Was freilich nicht ausschließt, dass aus einem rotarischen Freund ein Freund wird, von denen man im Durchschnitt, das zeigen Befragungen, fünf oder sechs hat. Nicht mehr.

Die gleiche Zurückhaltung gilt in aller Regel nach außen. Hilfe ja, politische Einmischung nein. Als unser Distrikt aus guten Gründen, die hier nicht näher erläutert werden sollen, eine Petition an politische Instanzen in Berlin und Brüssel schickte, man möge alles tun, um eine weiteren Niederschlagung der Zivilgesellschaft in Belarus zu verhindern, spendeten die einen Rotarier Beifall („Endlich mal gesellschaftliches Engagement“), während andere prinzipielle Bedenken anmeldeten („Rotary soll nicht politisch agieren.“).

Weltpräsident Holger Knaack riet dazu, als Rotarier sich gesellschaftlich zu engagieren, als Rotary freilich sich zurückzuhalten. Ist diese Unterscheidung eine überzeugende Antwort auf die Frage, wann man im Club die Reißleine ziehen und sich von Mitgliedern trennen sollte, wenn diese nach Auffassung anderer Clubmitglieder sich ethisch zu angreifbar verhalten haben? Ist diese Unterscheidung eine überzeugende Antwort auf die Frage, wann man als Club, als Distrikt, als Deutscher Governorrat oder gar als Rotary International sich politisch engagieren sollte, vielleicht sogar Partei nehmen müsste, wie es Rotary International im ersten Weltkrieg beispielsweise mit Parteinahme für die Alliierten getan hat, gegenüber der nationalsozialistischen Herrschaft angesichts des drohenden Verbots der Clubs aber unterließ?
Es gibt keinen eindeutigen Königsweg. Aber ich glaube schon, dass in der DNA von Rotary ein gewisses Maß an Zurückhaltung, ja Enthaltsamkeit enthalten ist. Wer glaubt, ein solches Verhalten könne ja nicht schwierig sein, soll sich bitte nochmals das Jerusalem-Zitat durchlesen und sich fragen, ob er (oder sie) in einem solchen harten Meinungsmix freundschaftliches Wohlfühlen entwickeln könnte. Das Modewort heißt Ambiguitätstoleranz und deren Schwinden wird konstatiert und als Verlust an demokratischer Substanz beklagt: die Fähigkeit nämlich, ohne selber werte- und meinungslos zu sein, um des freundschaftlichen Umgangs willen sein Ego, das auf Unzweideutigkeit drängt, zu zügeln.
Zum besseren Verständnis dieses Gedankens hilft ein Zitat vom Gründungsvater von Rotary, Paul Harris (1868-1947), der sagte „Rotary ist der Ansicht, dass die Interessen der Gesellschaft einen Raum verlangen, in dem sich Menschen verschiedener Herkunft, Glauben und politischer Parteien in glücklicher Gemeinschaft treffen können und möchte diesen Raum zur Verfügung stellen.“

Atheistenplakat, gesehen in San Diego im Balboa-Park 2021, Foto v. Vieregge

Dieses Selbstverständnis von Rotary war in den Gründerjahren nach 1905 noch nicht präsent. Paul Harris, der eine feine Witterung für Probleme hatte, fand, dass Rotary sechs Jahre nach Gründung eine Neuausrichtung brauche, weg vom rein selbstbezogenen Agieren. Er lernte Arthur F. Sheldon (1868-1935) kennen, einen durchaus erfolgreichen Unternehmer, der sein Hobby, anderen Unternehmern zu erzählen wie sie erfolgreich sein könnten, mehr und mehr zum Beruf gemacht hatte. und er sah in Sheldon den geeigneten Verkünder dieser Umpositionierung. Beim zweiten Treffen aller nationalen Clubs in Portland, Oregon, 1911 wurde in Abwesenheit des Urhebers sein Referat vom langjährigen Generalsekretär von Rotary, Ches Perry, vorgetragen und der Satz „He Profits Most Who Serves Best“ soll Beifallsstürme ausgelöst haben. Zwei Zitate als Reaktion:“We simply had the cart before the horse.“ (Rufus Chapin) und „Caveat emptor“ (Möge der Käufer sich in acht nehmen) sei somit überwunden, rief ein anderer . Für uns heute ist es gar nicht einfach, die damalige Begeisterung nachzuempfinden.

Es ging um das Wort Service. Das kannte man eigentlich als Gottesdienst oder als Dienst am Vaterland. Sheldon übertrug es in die Arena der Ökonomie. Was bedeutet dies bei einem Autor, der Fachbücher unter dem Titel The Art of Selling oder The Science Of Succesfull Salesmanship publiziert hatte? Die Rotarier sollen nicht länger nur Geschäfte unter sich, sondern mit allen machen. Dabei sollen die die Kunst (oder gar Wissenschaft) erfolgreichen Verkaufens beherzigen. Sie sollen zurückhaltend agieren wie ein versierter Verkäufer, der nichts von sich offenbart, was eine Kluft zwischen ihm und seinem Kunden öffnen könnte Jeder Mensch ist ein potentieller Kunde. Agiere respektvoll und fair und halte dich in allem, was die entstehende Beziehung stören könnte, zurück. Das zahlt sich letzten Endes auch für dich aus.

Die Wirkung dieser Argumentation sollte nicht unterschätzt werden. Schließlich war (ist?) Rotary im Kern eine Gruppierung von Menschen aus der Wirtschaft. So wie auch der zweite Großethiker der Organisation, Herbert J.Taylor (1893-1973). Er hatte den Erfolg seiner Vier-Fragen-Probe bei der Rettung eines Unternehmens erprobt, als er den Mitarbeitern auftrug, sich in ihrem Verhalten miteinander und gegenüber Kunden und Lieferanten entlang der vier Fragen zu orientieren. Somit wurde die Service-Leitidee „Verhalten wie gegenüber Kunden“ in die DNA von Rotary eingebrannt, und zwar gleichermaßen für den Umgang innerhalb der Clubs als auch in ihren Außenaktivitäten, die sich im Laufe der Jahre zunehmend bis ausschließlich auf die zivilgesellschaftliche Arena orientierten. Auch hier soll derjenige, dem geholfen wird, davon überzeugt sein, dass es um seinen Nutzen geht.
Der Begriff Servicewüste – für Deutschland oft in Gebrauch – soll anzeigen, dass das Verständnis als Dienstleister mangelhaft ist. Man bekommt keine Hilfe, wenn man sie braucht. Bezogen auf den bisherigen Argumentationsgang gibt es aber noch ein zweites Füllung dieses Begriffs: ungezügeltes Ego im Umgang miteinander lässt Vertrauen miteinander nicht entstehen. Das Ergebnis ist ebenfalls verheerend.

Eine Organisation, in der weder das eine noch das andere Verhaltensmuster dominiert, ist im Inneren vor Entzweiung geschützt und kann nach außen durch sein Handeln – siehe Fontane – wirksam gegen Nationalismus, Rassismus und andere Ideologien sein. Ich finde es bemerkenswert, dass ethische Verhaltensvorschläge aus dem Felde der Wirtschaft besser in das Konzept einer offenen Gesellschaft passen als konkurrierende Vorstellungen, deren Wahrheitsobsessionen nahezu zwangsläufig die gute Absicht in böse Praxis umschlagen lassen.

Zugespitzt wurde dieser Ansatz in der noch einfacheren Formel
„Service above self“, seit 1989 das Hauptmotto von Rotary. Es bedeutet nicht jeglicher Verzicht auf Eigeninteresse; das wäre entweder irreführend oder überfordernd.
Aber im Moment des Agierens soll das Eigeninteresse durch. Zurückhaltung, ja Enthaltsamkeit, gekennzeichnet sein. Das gilt innerhalb der Clubs und ist somit eine Voraussetzung für freundschaftlichen Umgang und es gilt für die Projektarbeit, die nur so in eine Entwicklungspartnerschaft münden kann, die beide beschenkt, den Nehmer und den Geber

Mehr Sichtbarkeit durch Brückenbau
Wer allerdings aus dieser Zurückhaltung, die sich auch gern mit dem Beiwort „vornehm“ schmückt, die Aufforderung zur öffentlichen Unsichtbarkeit versteht, sollte sich nochmals das Paul-Harris-Zitat am Anfang diesen Beitrags anschauen. Der Raum, den Rotary der Gesellschaft zur Verfügung stellen sollte, kann der interne, aber auch der öffentliche sein. Hier ist in Zeiten identitärer Argumentation von links und rechts ein wahrhaft großer Bedarf an Brückenbau, damit die klaffenden gesellschaftlichen Gegensätze nicht in feindlicher Unverbundenheit verbleiben. Rotary kann auf dem Hintergrund seiner Praxiserfahrungen und mit der Intelligenz und Führungsfähigkeit seiner Mitglieder der Offenen Gesellschaft Riesendienste erweisen, damit diese Gesellschaftsform zukunftsfähig bleibt. Und Relevanz und Attraktivität für neue Mitglieder unter Beweis stellen.. Also: Selbstlos im Agieren, aber keineswegs interessenlos.

Henning von Vieregge ist Publizist, iPDG in 1820. Der Text ist eine leicht überarbeitete Version aus dem gleichnamigen Beitrag in Henning von Vieregge/Reinhard Fröhlich/Hans-Werner Klein (Hrsg.), Clubleben im Stresstest, kostenlos bestellbar (kleine Spende für Nachhaltigkeitsprojekte erbeten) unter rotary.de/shop. Autoren sind neben den Herausgebern u.a. Holger Knaack, Rainer Hank, Gert Scobel, Volker Mosbrugger, Rupert Graf Strachwitz sowie fast vollständig die Governorcrew 20/21.

Der Hebammenverband hat einen Geschäftsführer mit Visionen – ein Interview

30 Jul
30. Juli 2021

Günther, Hebammenverband_Druckfassung

Blog 256, Juli 2021

Guten Tag,
das Interview mit Dirk Günther, Geschäftsführer des Deutschen Hebammenverbandes, erschien im Verbändereport Nr.3/2021 unter der Überschrift „Die Geschäftsführung hält den ‚Maschinenraum‘ am Laufen.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

Gastbeitrag Strachwitz: Massives Staatsversagen in der Pandemie

28 Jun
28. Juni 2021

Blog 255, Juni 2021
Guten Tag,
wenn jemand das sagt, was man selber sagen würde, wenn man es könnte,dann soll er das bitte tun.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Vergl, auch den Beitrag von Rupert Graf Strachwitz, Rotary gehört zur Zivilgesellschaft: Neue Chancen für eine alte Institution, in: Henning von Vieregge, Reinhard Fröhlich, Hans-Werner Klein (Hrsg.), Clubleben im Stresstest, bestellbar kostenlos (freiwillige Spende erbeten) über Rotaryverlag/Shop

Rupert Graf Strachwitz,
(aus dem Vorwort des gerade publizierten Jahresberichts der Macenata-Stiftung)

Was für ein Jahr! Kluge Menschen, nicht zuletzt aus der Zivilgesellschaft, hatten jahrelang gewarnt, die Frage sei nur, wann, nicht aber, ob wir von einer Pandemie heimgesucht werden würden. Aber die Regierungen wollten es nicht hören.
Als die Pandemie dann ausbrach, behaupteten sie allen Ernstes, sie hätten sich das nicht vorstellen können, aber nun würden sie alles in die Hand nehmen, um Schaden von den Bürgerinnen und Bürgern abzuwenden. Für eine abschließende Bewertung, ob und inwieweit sie dies geschafft haben, ist es zu früh – und wir als Denkwerkstatt für Zivilgesellschaft und Philanthropie können nur einzelne Facetten dazu beisteuern.
Was uns aufgefallen ist, ist der große Gegensatz zur letzten großen Krise bei der Frage, wie sich die Bürgerinnen und Bürger helfend einbringen können. Damals war klar: Das berühmte „Wir schaffen das!“ war ohne bürgerschaftliches Engagement nicht zu verwirklichen, und in der Tat engagierten sich in der organisierten Zivilgesellschaft ebenso wie spontan -zig Tausende und schafften es. Jetzt war und ist nur noch von der „Bevölkerung“ die Rede, die den immer neuen Anordnungen zu gehorchen hat. Wer das auch nur partiell nicht widerspruchslos tat, sah sich schnell als Verschwörungstheoretiker, Unruhestifter und im schlimmsten Sinn „Querdenker“ abgestempelt.
Sachkenntnis und Erfahrung wurden ebenso vom Tisch gewischt wie Einsatzbereitschaft und Empathie. Es regierte der allmächtige Verwaltungsstaat –selbst dann noch, als längst klar war, daß dieser es eben nicht schaffen würde, zumal er politischen und das hieß allzuoft vom Wahlkampf bestimmten Vorgaben folgen mußte.
Die Pandemie hat das Vertrauen in die immer gepriesene deutsche Staatsverwaltung grundlegend erschüttert und lange verdrängte schwere Defizite offengelegt. Der Digitalisierungsrückstand ist nur eines davon. Zu konstatieren ist ein massives Staatsversagen.
In dieser Lage hat die Zivilgesellschaft die ebenso undankbare wie schwere wie notwendige Aufgabe zu helfen, wo sie kann, Read more →

Mit dem Abflauen der Pandemie kehrt die Hast zurück

21 Jun
21. Juni 2021

Brief 254/Juli 2021
Guten Tag,

Mit dem Abflauen der Pandemie kehrt die Hast zurück. Zum zweiten Mal geimpft habe ich das Bedürfnis, mir die Haare schneiden zu lassen. Ich bewundere das Tempo, mit dem der Friseur ans Haarwerk ging.
„Wir sind zwar Ausländer, aber dies ist ein deutscher Laden“, sagt der Friseur
„Und was bedeutet das?“ frage ich
„20 Minuten“.
Ich verstehe nicht, der Marokkaner erklärt:
„Ein deutscher Mann will nicht länger als zwanzig Minuten beim Haare schneiden zubringen.“
20 Minuten? Mir fällt ein, dass ich von dieser Zeiteinheit schon einmal gehört habe. Ich erzähle die Geschichte dem Friseur und die geht so.
Es war in Kenia, im Massaigebiet, am Rande zum Schutzgebiet. Walter, Brigitte und ich saßen im Jeep auf der Suche nach Löwen. Aus dem halbhohen Gras tauchte eine Gruppe von Massais auf. Sie boten ihre Dienste an. Wir einigten uns mit dem Chef und mein Freund fragte ihn, wie lange es dauert, bis er uns Löwen zeigen könne.“Twenty Minutes“, sagte der Massai. Wir fuhren ein Stück, unser Führer hatte sie als erste gesehen. Keine Löwen, sondern Touristen Autos, zumeist Jeeps, 3, 4 Stück, im Stillstand. Jeder erfahrene Safari Tourist weiß, das bedeutet, da ist was zu sehen. In der Tat: Es war eine Löwengruppe, die sich zufrieden und gesättigt hinter den Resten eines Gnus gruppiert hatte. Hyänen in Sichtweite lauernd, auch Geier waren im Anflug. Kurzum: ein großartiges Erlebnis. Unser Führer wurde entlohnt und befragt:
– How did you know that we would find lions within twenty minutes?“
– I didn’t know.
– But you promised 20 minutes.
– That’s what the tourists want to hear.
In Kenia rufen die Einheimischen den Touristen „Pole, pole“ zu und lachen. Das heißt „langsam, langsam“. Sie sollten besser auf den marrokanischen Friseur oder ihren Massai-Landsmann hören. „Ready in latest 20 minutes“ wäre der touristentauglichere Spruch, eine Maßeinheit der Eile, die nicht nur bei Urlaubsreisen gilt.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

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