Beheimaten und Vertrauen in einer offenen Gesellschaft? Eine Rezension „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“

13 Okt
13. Oktober 2019

Blog 215/Oktober 2019
Rezension_Vieregge_VR 6_19, Seite 1
Rezension_Vieregge_VR 6_19, Seite 2

Guten Tag,
bagfa-Geschäftsführer Tobias Kemnitzer hat eine Rezension meines Buch „Wo Vertrauen ist, Ist Heimat, Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft“ geschrieben: instruktiv, klug und weiterführend. Sie ist im Verbändereport Nr.6/2019 S.52,54 erschienen.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

oekom verlag München, 2018
240 Seiten
ISBN-13: 978-3-96238-089-2
16,00 Euro

Nicht alles über den Ost-West Leisten schlagen, Viel Unsinn zum Tag der Einheit, Städter dominieren den Diskurs

02 Okt
2. Oktober 2019

Blog 214/Oktober 2019
Guten Tag,
ich stelle in diesen meinen Blog selten Fremdtexte ein. Die Ausnahme in diesem Fall kann ich dreifach begründen. Erstens sind die medialen Scheinwerfer im Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung auf die Ost-West-Beziehung gedreht mit der Folge, dass auch Themen, die in einen anderen Kontext gehören, jetzt unter Ost-West subsummiert werden. Die Vernachlässigung der Interessen der Landbewohner passiert eben nicht nur in der ehemaligen DDR. Wolf Schmidt, lange in Hamburg ansässig als Vorstandsmitglied der Körberstiftung, und dies ist der zweite Grund, vom Üblichen abzuweichen, ist ein passionierter Dorfbewohner in Mecklenburg geworden, auch ein kluger Vertreter von bürgerschaftlichem Engagement und dazu verbindet uns Freundschaft. Und drittens stammt meine mecklenburgische Familie vom Lande und immer, wenn wir dort sind, was wir gern sind, geht es in den Gesprächen auch um die unfassbare Arroganz der Stadtmenschen, die in Parteien und Medien den Takt abgeben und somit schwierige Lagen eher noch schwieriger machen anstatt Probleme mindestens zu mildern.

Wolf Schmidts Text ist dem „Landblog“ entnommen.

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung. Autor von „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“

Der Text:
Zum Einstieg ein Zitat einer prominenten Dorfbewohnerin vom vorigen Monat:
„Ich mag den Begriff ‚abgehängt‘ nicht, aber wenn du in einer Gegend wohnst, wo keine Infrastruktur mehr vorhanden ist – kein Arzt, keine Schule, kein Geschäft – , wo das staatliche Handeln einfach nicht mehr sichtbar ist, haben die Leute schon das Gefühl, dass die Politik an ihrem Leben und ihren Bedürfnissen total vorbeigeht. … Und dann kommen die Grünen mit Forderungen zu Elektrotretrollern oder Pappkaffeebechern – das kommt einem hier draußen total absurd vor. Denn hier fehlt es eigentlich an allem. Das ist kein ostdeutsches, sondern ein ländliches Problem.

Man müsste den Menschen glaubwürdig versprechen, dass sich die alltäglichen Lebensbedingungen massiv verbessern. Dafür müsste man richtig Geld lockermachen. Das finde ich in der Tat alternativlos. Man kann nicht über Diesel-Fahrverbote in Städten reden, wenn die Leute hier auf ihr Auto angewiesen sind, weil es keinen Nahverkehr gibt. So eine Parallelwelt können wir uns nicht erlauben, weil die Menschen sonst das Gefühl haben, nicht gesehen zu werden. … Die AFD plakatiert im Wahlkampf ‚Diesel retten!‘ Mehr brauchen die gar nicht. Wer auf dem Dorf würde dieser Forderung widersprechen? Diese Diskrepanz zwischen Stadt und Land gefährdet unseren gesellschaftlichen Frieden – und zwar für uns alle. Denn wenn es kracht, dann richtig!“
Juli Zeh, Autorin, brandenburgische Verfassungsrichterin und SPD-Mitglied im Interview mit „Focus“, 17.8. 2019

Juli Zeh umreisst eine Diskrepanz von Erfahrungs- und Denkwelten zwischen Stadt und Land. Dafür passt der Begriff „Diskurs“, der etwas anderes meint als bloß Diskussion oder Debatte. Diskurs bezeichnet hier im Sinne des französischen Soziologen Michel Foucaults eine quasi institutionalisierte gesellschaftliche Redeweise, die das Handeln der Menschen bestimmt. Dabei bilden sich Regeln heraus, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf und von wem es wann in welcher Form (z.B. als wissenschaftliche Aussage) gesagt werden darf. Der dominante Diskurs in Deutschland ist ein urbaner – urbaner Politik, urbaner Verwaltung, urbaner Medien, urbaner Experten. Das heißt nicht, dass alle in der Stadt so und alle auf dem Land anders ticken. In der Realität mischt sich manches. Außerdem: Jedes Dorf ist anders…

Wo zwischen Stadt und Land Ressentiments immer unversöhnlicher aufeinandertreffen, gilt es rationale Interessenkerne herauszuarbeiten und damit verhandelbar zu machen. Dabei hilft es, Diskurse in einigen Politikfeldern auf ihre Interessenlage zu durchleuchten.

Energiewende:
Der dominante Diskurs…

– zur Förderung des Bahnverkehrs hilft denen wenig, die keinen Bahnhof erreichen können, möglicherweise aber sogar unter dem Ausbau von Schnelltrassen leiden.

– gegen den Dieselmotor (und Benziner) ignoriert diejenigen, die auf absehbare Zeit auf diese Antriebe angewiesen sind (wegen Entfernungen, Kosten, fehlender Infrastruktur).

– zur Zurückdrängung des Pkws in den Großstädten (z.B. City-Maut, Wegfall von Parkplätzen, Ausbau von Radwegen und Busspuren) benachteiligt Landbewohner, die solche Städte bei vertretbarem Aufwand nur mit PKW erreichen können.

– zur Förderung der Windenergie hält Städte von Windkraft frei und etabliert 240 m hohe Anlagen in nur 1000 m Entfernung von ländlichen Siedlungen – wobei die wirtschaftlichen Vorteile überwiegend bei städtischen Investoren liegen

…und belastet Windenergie-Überschussgebiete wie Schleswig-Holstein und MV durch Netzentgelte mit den höchsten Strompreisen

…und entzieht Energie-Ansiedlungsentscheidungen demokratischen kommunalen Entscheidungen

…und steht für eine Werte-Hierarchie, bei der Vögel höheren Schutz genießen als Menschen

…und hat sich abgewandt vom Ursprungsideal dezentraler Erzeugung erneuerbarer Energien hin zu einer riesig dimensionierten Zentralisierung von Erzeugung einerseits und Verbrauch andererseits, die durch gewaltige Trassen verbunden werden, unter denen ländliche Räume leiden.

Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse:
Der dominante Diskurs…

– hypt das Urbane und verkennt, dass nur florierende ländliche Räume die städtischen Ballungsgebiete vor dem Kollaps bewahren.

– redet über „Gleichwertigkeit“ der Lebensverhältnisse und verschweigt, dass die EU-Förderpolitik das irreale Ziel der „Gleichheit“ der Lebensbedingungen (gemessen in BIP pro Kopf) verfolgt und zwingt so Fördersuchende in absurde Argumentationen

…bzw. zieht durch Schließung von Bildungs-, Kultur-, Kirchen- und medizinischen Einrichtungen, Behörden und Gerichten Bewohner ab, die wichtig für das ländliche Bildungs- und Engagementprofil sind. Read more →

Zwei Leserbriefe, die wahrscheinlich nur hier erscheinen: Warum immer auf die Bahn schimpfen, warum als SPD-Mann auf unabhängig machen?

02 Sep
2. September 2019

Blog 213/September 2019

Guten Tag,
in der FAZ im Rhein-Main Lokalteil verdeutlicht ein Redakteur, was seiner Meinung nach in Deutschland ein Höllenritt ist. Unter der Überschrift Höllenritt nach Hofheim wird von einer Bahnreise dieses Herren erster Klasse von Sylt nach Hofheim berichtet, bei dem angeblich alles schiefging, was schief gehen kann. Mich ärgert dieses Bahn-Bashing.
Im zweiten Fall ging es um die Mainzer Allgemeine Zeitung, die zum Dreikampf um den Oberbürgermeisterposten zwischen Amtsinhaber Michael Ebling und seinen Herausforderungen Tabea Rössner von den Grünen und Nino Haase immer unverhohlener den Amtsinhaber stützt und den unabhängigen Kandidaten Nino Haase runterschreibt. Haase war mein Gegenspieler beim Bürgerentscheid zum Bibelturm. Aber mich ärgert
Unfairness und wer sich wie Ebling in SPD Funktionen wählen lässt und gleichzeitig seine Parteizugehörigkeit auf den Plakaten weglässt, gehört kritisch befragt und nicht umsäuselt.
Ich war die letzten Tage verreist aber soweit ich es übersehen kann, sind beide Leserbriefe bisher nicht gekommen und mich würde wundern, wenn sie erschienen. Es gehört zur Königsdisziplin der Journalisten, andere zu kritisieren. Kritisiert zu werden, und sei es nur mit Ironie oder indirekt, das lieben sie gar nicht.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Leserbrief FAZ
Bezug Rhein-Main Zeitung Nummer 198 vom 27.8.2019“ Höllenritt nach Hofheim“

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich beglückwünsche Sie zu Ihrer neuen Serie zum Thema Mobilität in Deutschland. Der Beginn mit einem Fünf-Spalter „Höllenritt nach Hofheim“ war sehr vielversprechend. Der Titel traf den Inhalt, der FAZ Journalist hatte zwischen Sylt und Frankfurt anderthalb Stunden Verspätung und sein erster Klasse Sitz war auch nur zeitweise verfügbar. Welch ein Schicksal! Als nächstes kommt der im letzten Absatz angekündigte Read more →

Heimat braucht Vertrauen braucht bürgerschaftliches Engagement

15 Aug
15. August 2019

Blog 212, August 2019
Prof.Dr. Jörg Tropp hat mein Buch rezensiert.
Hier ist der Text.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

Zunächst irritiert das Buch. Der Dreisprung bürgerschaftliches Engagement – Vertrauen – Heimat passt zunächst so gar nicht in das klassische Assoziationsspektrum des Heimatbegriffs. Ein Mensch hat doch seine Heimat, einen Ort, einen Raum, der ihm angestammt ist, den er liebt, an den er in der Ferne wehmütig denkt. Damit räumt Henning von Vieregge, promovierter Politologe und engagierter Bürger, radikal auf. Und das ist gut so. Denn Heimat wird als Handlung konzipiert und damit als etwas, was geschaffen werden kann, was nicht vorgegeben ist. Wir können uns engagieren und damit beheimaten, also einen Prozess initiieren, der in Heimat mündet. Heimat ist ein sozialer Akt, den wir verantworten. So kann Henning von Vieregges Leitidee zusammengefasst werden.
Diese Haltung ist nicht nur modern, sondern vor dem Hintergrund der dringend zu lösenden gesellschaftspolitischen Themen äußerst hilfreich. Wir beheimaten uns über unser Engagement, das Vertrauen schafft, sei es in Sachen Migration, Klima oder aber auch Nachbarschaft. Ein derartiges Heimatkonzept ist ideologisch neutral, distanziert sich aufs Schärfste von nationalistischer Klein-Klein-Denkerei und der leider teilweise zu beobachtenden populistischen Vereinnahmung.
Das stimmt zuversichtlich und macht Mut, ja es motiviert! Und: nein, ein solches Heimatverständnis irritiert nicht. Ich bin froh, dass ich das nach der Lektüre schnell begriffen habe. Nicht zuletzt auch aufgrund der vielen Beispiele, der klugen Argumentation und dem eingängigen Schreibstil. Man kann dem Buch nur wünschen, dass es eine breite Rezeption findet. Das Zeug, den gesellschaftspolitischen Diskurs über aktuelle Themen nachhaltig zu bereichern, hat es allemal.

Interessenvertreung mit Charme und Biss: Christoph Minhoff

07 Aug
7. August 2019

Blog 211/August 2019

2019 Interview Minhoff

Guten Tag,
das Interview mit Christoph Minhoff, Verbandskommunikator 2019, hat es in sich.
Der Interviewer (ich) und sicher auch Leser und Leserin spüren: Da wird Lobbyismus nicht auf leisen Sohlen betrieben.
Interessenvertretung auf allen Medienkanälen und mit Charme und Biss.
Ist das der Weg der Verbandskommunikation der Zukunft?
Lesen Sie selbst.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

„Jesus wird in Syrien gekreuzigt“ Differenzierte Solidarität der EKHN

29 Jul
29. Juli 2019

Blog 210/Juli 2019
Guten Tag,
unter der Überschrift „Jesus wird in Syrien gekreuzigt“ berichtete die Frankfurter Kirchenzeitung „Sonntagszeitung“ über den Bericht des syrischen Juristen Tarek Bashour bei der Synode der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und die Reaktion darauf . Mich hat die Reaktion empört und ich habe einen Leserbrief geschrieben, der aber nicht gedruckt wurde. So möchte ich wenigstens hier an dieser Stelle verdeutlichen, was mich zu diesem vergeblichen Leserbrief veranlasst hat. Bashour wird in dem Zeitungsartikel mit den Worten zitiert: „Seit acht Jahren warten die Syrer auf jemanden, der etwas sagt, der etwas tut. Und seit acht Jahren, mit jedem Sonnenaufgang, enttäuscht uns die ganze Welt auf ein Neues.“ Jesus werde jeden Tag gekreuzigt, man solle doch wenigstens für die Menschen, Opfer des Terrors der Islamisten, beten. Co-Referent Pfarrer Andreas Goetze mahnte zur Differenzierung: Die Christen seien nicht die Meistverfolgten, man solle sich nicht exklusiv um sie kümmern und nicht jede Verfolgung sei religiös motiviert. Kirchenpräsident Volker Jung ergänzte, mit dem Begriff „Christenverfolgung“ müsse differenziert umgegangen werden. Der Vorschlag eines synodalen Mitglieds, die Bitte von Tarek Bashour aufzunehmen und für die Christen in Syrien zu beten, wurde, hörte ich ergänzend zum Zeitungsbericht, unter Verweis auf die Agenda abgelehnt. Man könne diesen Aspekt im Schlussgebet berücksichtigen. Der Präses der Synode stellte ein Positionspapier zum Thema Religionsfreiheit und Friedensethik in Aussicht. In dieses Positionspapier wird sicherlich die per Bildunterschrift mitgeteilte „Warnung“ des Zweitreferenten eingearbeitet: „Pfarrer Andreas Götze warnt vor einer Reihenfolge der Opfer bei Menschen, die wegen ihrer Religion verfolgt werden.“ Übersetzt heißt dies wohl: „Christliche Kirchen kümmern sich bei Verfolgung wegen Religionszugehörigkeit nicht in erster Linie um Christen.“ In der gleichen Bildunterschrift wird der Terror der Islamisten als“ die Brutalität fremder Mächte, die sich das Land angeeignet haben“ umschrieben. Im Lichte dieser Ausführungen erscheint der Wunsch des syrischen Referenten nach Unterstützung als reichlich naiv.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

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