Oberbürgermeister-Wahl in Mainz: Warum gibt es nur diese Kandidaten?

17 Jan
17. Januar 2023

290/2023
Guten Tag,
der Wikipedia – Eintrag über Mainz liest sich im Einstiegstext wie folgt:
Mainz sich (lateinisch Mogontiacum) ist die Landeshauptstadt des Landes Rheinland-Pfalz und mit 217.556 Einwohnern zugleich dessen größte Stadt. Mainz ist kreisfrei, eines der fünf rheinland-pfälzischen Oberzentren und Teil des Rhein-Main-Gebiets. Mit der angrenzenden hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden bildet sie ein länderübergreifendes Doppelzentrum mit rund 500.000 Einwohnern auf 301,67 Quadratkilometern. Im Verbund mit den jüdischen Gemeinden der oberrheinischen Städte Speyer und Worms wurden die Monumente dieser SchUM-Städte am 27. Juli 2021 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Die zu römischer Zeit gegründete Stadt ist Sitz der Johannes Gutenberg-Universität, des römisch-katholischen Bistums Mainz sowie mehrerer Fernseh- und Rundfunkanstalten, wie des Südwestrundfunks (SWR) und des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Mainz ist eine Hochburg der rheinischen Fastnacht.
Mainz gilt zu Recht als eine liebenswerte Stadt. Und zudem unverhofft als eine Stadt mit Aufstiegschancen, zu verdanken Biontechs Erfolg weltweit, der die Stadt aus ihrem Schuldenverlies befreit. Kürzlich kam ihr der Oberbürgermeister abhanden und zwar ebenso unverhofft. Michael Ebling (SPD) nutzte den Rücktritt des bisherigen rheinland-pfälzischen Innenministers zum lange angepeilten politischen Aufstieg. Die Parteien in Mainz mussten also Kandidaten finden. Ich habe im Leserbrief in der lokalen AZ die These aufgestellt, dass die Nominierten allesamt nicht den Anforderungen entsprechen, die an diese Position zu stellen ist. Es gibt zwei Möglichkeiten der Erklärung. Entweder sind die Parteien nicht in der Lage, geeignete auch auswärtige Kandidaten zu finden oder sie sind nicht willens. Beides ist problematisch. Am Geld kann es eigentlich nicht liegen, denn alleine das Grundgehalt des Mainzer OB liegt bei 10.000 € monatlich. Oder sind immer weniger Persönlichkeiten bereit, sich einer solchen Aufgabe zu stellen? Sie verlangt Einsatz rund um die Uhr und große Nehmerqualitäten. Unfreundlicher Umgang, mangelnder Respekt vor Menschen in Verantwortung haben auch die lokale Ebene erreicht. Zu untersuchen wäre, ob die Kandidatensituation in Mainz ein Ausreisser ist oder Beispiel einer Entwicklung. Letzteres wäre sehr bedenklich.Für Mainz bleibt zu hoffen, dass der Gewinner der Wahl aus Potential Qualität entwickelt.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Was 2023 zu tun ist: Deutschland braucht das soziale Pflichtjahr! Ein Gastbeitrag und nun ein weiterer Befürworter

05 Jan
5. Januar 2023

289/2023
Guten Tag,
die Silvesternacht war nicht für jeden vergnüglich. Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter wurden teilweise, besonders in Berlin, heftig attackiert. Jetzt passiert, was immer passiert. Die einen fordern strengere Strafen, die anderen weisen darauf hin, dass die Bestrafungsmöglichkeiten ausreichen, sie müssten nur angewendet werden. Es handle sich um kein Integrationsproblem, es handle sich um ein Integrationsproblem von Jugendlichen, die sich nicht integrieren wollen. Man kann dies verallgemeinern, man kann dies nicht verallgemeinern. Zaghaft taucht eine Forderung auf, die seit Jahren vorgetragen wird, ohne dass sie auf der politischen Agenda bisher eine Chance hätte: die nach einem sozialen Pflichtjahr. Hätten rabiate Jugendliche anders gehandelt, wenn sie Erfahrungen bei der Feuerwehr oder mit Sanitätern gesammelt hätten? Wären sie gegen andere Jugendliche von sich aus eingeschritten mit einer solchen Erfahrung? Niemand weiß es. Aber Stephan Grünewald, Gründer des renomierten Rheingold- Meinungsinstituts, hatte schon kurz vor Weihnachten, also unabhängig von den Vorfällen der Silvesternacht, nochmals den Versuch gemacht, das Thema „Soziales Pflichtjahr“ zu pushen. Hat es nun endlich eine Umsetzungschance?
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

P.S.Der nachfolgende Text erschien am 25.12.2022 als Meinungsbeitrag einer Serie im The Pioneer unter der Überschrift „Was 2023 zu tun ist: Deutschland braucht das soziale Pflichtjahr!

Nachtrag 6.1.2023 Meinungsbeitrag in:The Pioneer
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Fiedler sich ebenfalls für ein soziales Pflichtjahr ausgesprochen. Er sitzt seit 2021 im Bundestag. Zuvor war er drei Jahre lang Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter.Er meint:Der Anstoß von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für die Einführung sozialer Pflichtzeiten ist keinesfalls die Lösung aller dieser Probleme. Es gibt aber Anknüpfungspunkte. Bitte scrollen. Der Beitrag ist hinter Gründewalds Beitrag.

Meinungsbeitrag Stephan Grünewald

Ein soziales Pflichtjahr stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Wir-Gefühl, aus psychologischer Sicht eine der wichtigsten Aufgaben für die nahe Zukunft.
Denn in vielen Studien stellen wir fest, dass die Angst vor einer zunehmenden gesellschaftlichen Entzweiung und dem damit verbundenen sozialen Klimawandel wächst. Vor allem in den Pandemiejahren hat das Wir-Gefühl großen Schaden erlitten. Viele Menschen haben sich in ihr privates Schneckenhaus zurückgezogen und die Kontaktpunkte zu der Welt da draußen reduziert.
Ein soziales Pflichtjahr kann der daraus resultierenden Selbstbezüglichkeit und Weltfremdheit wirkungsvoll begegnen, denn es eröffnet jungen Menschen einen anderen Blickwinkel auf das Leben in Deutschland. Sie verlassen ihren kleinen Kosmos und kommen mit wildfremden Leuten aus den verschiedensten sozialen Milieus zusammen.
Den Jugendlichen wird so bewusst, dass es Menschen gibt, die ganz andere Nöte haben oder aus einem anderen kulturellen Kontext kommen. Diese Horizonterweiterung ist vor allem wichtig, weil der Sozialisationsraum Schule schon nach vier Jahren einer Separationslogik folgt und zu einer Verengung des sozialen Gefüges führt: Am Gymnasium oder auf der Realschule sind die Schüler überwiegend mit ihresgleichen zusammen.
Auch die sozialen Medien forcieren, dass der Blick nur noch auf die eigene Blase gerichtet und mehr und mehr das Verständnis für Andersdenkende und Anderslebende verloren geht.
Eine demokratische Gesellschaft braucht daher ein erweitertes Inzest-Tabu – also die Aufhebung einer selbstbezüglichen, durch die sozialen Medien noch geförderten sozialen und mentalen Inzucht. Ein soziales Pflichtjahr greift damit das Konzept der Lehr- und Wanderjahre auf.
Der Ausbruch aus der wohlvertrauten Enge von Familie, Schule und Umgebung ermöglicht es erst, andere Wirklichkeiten und Gepflogenheiten kennenzulernen und zu verstehen. Der damit verbundene Perspektivwechsel und die Auseinandersetzung mit fremden Lebenswelten bedeutet nicht nur eine Erziehung zur Toleranz, sondern auch einen Schritt zur persönlichen Reife.
Das Pflichtjahr wird auch zu einer biographischen Entlastung junger Leute führen.
Denn der Druck, der auf ihnen lastet, ist groß – gerade weil sie in einer Welt leben, die ihnen viel ermöglicht: Sie haben tolerante Eltern und – jenseits der prekären Verhältnisse – meist eine gute materielle Grundausstattung.
Dadurch wächst der Anspruch an sich selbst etwas ganz Besonderes zu werden. Mittelmaß oder Durchschnittlichkeit wird beinahe zwanghaft aus der Lebensplanung ausgeschlossen.Zudem müssen Jugendliche durch die verkürzte Schulzeit jetzt schon mit 17 entscheiden, wohin es im Leben gehen soll. Das schürt nicht nur einen immensen Konkurrenzdruck, sondern führt auch zu einer strukturellen Überforderung angesichts eines dauernden Gefühls latenten Ungenügens.Das Pflichtjahr schafft so durch einen begrenzenden und bestenfalls erdenden Aufgabenbereich ein produktives Moratorium, in dem der eigene Berufswunsch reifen kann.
Als Argument gegen das Pflichtjahr wird oft angeführt, dass der Vorschlag zur Unzeit kommt, da den Jugendlichen durch die Auflagen und Beschränkungen der Corona-Zeit doch schon genug zugemutet worden sein.
Eine für den Stern durchgeführte Jugend-Studie öffnet in seinen alarmierenden Ergebnissen jedoch den Blick auf die sozialen Spätfolgen der Corona-Zeit.
Fast die Hälfte der befragten Jugendlichen beschreiben, dass sie nach den Coronajahren Angst haben, mit anderen in Kontakt zu treten.
© ThePioneer
Es besteht also ein gravierender sozialer Nachschulungsbedarf. Bereits in der Schule sollte daher im nächsten Jahr die Etablierung eines neuen Miteinanders Priorität haben. Mehr Klassenfahrten, mehr Schulfeste und der gemeinsame Austausch über die seelischen Auswirkungen der multiplen Krisen: Was macht der Krieg mit euch? Welche Spuren hat Corona hinterlassen?
Ein soziales Pflichtjahr mit einer angemessenen Bezahlung unmittelbar nach dem Ende der Schulzeit bietet darüber hinaus den zeitlichen und organisatorischen Rahmen wieder – jenseits von Konkurrenzdruck und Turboeffizienz – kontaktfähiger und kontaktfreudiger zu werden.

Meinungsbeitrag Sebastian Fiedler

Das Ausmaß der Gewalt in der Silvesternacht ist schockierend, kommt aber nicht vom Himmel gefallen. Schon seit Jahren zeigt sich, dass Teile unserer Gesellschaft keinen Respekt mehr vor staatlichen Institutionen haben. Eine soziale Pflichtzeit könnte ein Schritt sein, dies zu ändern.
Für eine Beschreibung der Silvesterereignisse in Berlin und andernorts benötigt man Superlative. Die Bilder dieser Nacht und insbesondere einige der Angriffe, wie das Ausrauben eines Feuerwehrwagens, das Locken in Hinterhalte oder der gezielte Beschuss mit Feuerwerk, werden uns lange im Gedächtnis bleiben. Aus eigener Erfahrung: Den Angegriffenen bleiben solche Einsätze ein Leben lang im Gedächtnis. Dieser allemal.
Zur Wahrheit gehört, dass zwar das Ausmaß der exzessiven Gewalt schockieren muss. Vom Himmel gefallen ist sie jedoch nicht. Gewaltforscher beschreiben schon seit Jahren, dass verschiedene Teile unserer Gesellschaft staatlichen Institutionen mit großer Distanz gegenüberstehen und den Sinn für das Gemeinwohl verloren haben – sofern sie ihn je hatten. Die Blaulichtorganisationen (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste…) repräsentieren diesen Staat, mit dem sie nicht viel am Hut haben wollen. Sie sind zu Feindbildern geworden.
Um es klar zu sagen: Die Blaulichtorganisationen betreiben bei diesen Ereignissen lediglich Symptombekämpfung. Das ist ihnen, insbesondere den Feuerwehr- und Rettungskräften, in solchen Nächten kaum mehr zuzumuten. Für das Bearbeiten der strukturellen, gesellschaftlichen Probleme und die Ursachenbekämpfung tragen nicht sie, sondern wir die Verantwortung: die Politik.
Wir müssen uns zumuten, die vielen verschiedenen Problemschichten anzugehen, ohne die eine gegen die andere auszuspielen.
Wenn der Bundespräsident im vergangenen Jahr bei einer Veranstaltung im Schloss Bellevue sagte: „Öffentliche Räume müssen wir verteidigen“, hatte er keine Silvesterkrawalle im Sinn. Dennoch traf er unbeabsichtigt einen wichtigen Punkt. Jemand, der sich außerhalb seines gewohnten sozialen Umfeldes für eine Weile den Sorgen und Nöten anderer Menschen gewidmet hat, wird kaum Rettungsdienste oder die Feuerwehr angreifen oder ausrauben. Es ist daher ein Teilaspekt einer ohnehin sinnvollen Debatte.
Nach langem Zögern und Abwägen des Für und Wider bin ich inzwischen ein Befürworter sozialer (Pflicht-)zeiten. Nicht wegen gewalttätiger Jugendlicher, die mit dem Staat auf Kriegsfuß stehen – aber durchaus auch deswegen.
Jedenfalls habe ich wenig Verständnis für eine reflexhafte Ablehnung der Vorschläge des Bundespräsidenten. Die Reflexe machen sich an der „Pflicht“ fest. Pflicht wird als Freiheitseinschränkung begriffen. Mich überzeugen die Gegenargumente nicht.
Vielmehr hat der Bundespräsident Recht, wenn er beschreibt, dass es in unserer Gesellschaft zwar ein weit verbreitetes, vorbildhaftes und bewundernswertes Engagement vieler Menschen gibt. Allerdings gibt es tatsächlich auch Gruppen, die unter sich bleiben und von denen der Bundespräsident sagt, sie hätten „gläserne Wände“ um sich herum errichtet und blieben in ihrem sozialen Umfeld. Ich finde, wir sollten Debatten über soziale Zeiten nicht aufs Abstellgleis verbannen, indem wir gleich mit den großen Keulen der Verfassungswidrigkeit (das Grundgesetz könnte man ändern) oder der Europäischen Menschenrechtskonvention (es gibt auch gute Argumente für eine Vereinbarkeit) oder der untragbaren Freiheitseinschränkung schwingen. Vielmehr sollten wir gemeinsam nach Wegen und Modellen suchen, die mehrheitsfähig und gewinnbringend für alle sind. Schließlich muss die Zeit kein ganzes Jahr sein.
Aus der Pflicht könnten neue Anreizsysteme werden. Eine Begrenzung auf junge Menschen hat der Bundespräsident ohnehin nicht vorgeschlagen. Es gäbe viele Wege. Vor allem hat er Recht: „Die Debatte darf nicht im Nichts enden.“ Und sie hat einen nicht unbedeutenden Nebenaspekt: Zeiten des sozialen Engagements stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das wiederum wirkt dem Entstehen von Kriminalität entgegen

12 Neujahrsverabredungen mit einem selbst, zugeschickt aus Bethlehem

01 Jan
1. Januar 2023

288/Januar 2023
Guten Tag, die nachfolgenden Empfehlungen habe ich dem Rundbrief des Palästinensers Mazin Qumsiyeh
entnommen, mit dem ich in Manchem voll übereinstimme (Biodiversität, Nachhaltigkeit z.B.) und in Manchem ausdrücklich nicht. Sein Abstand zu Israel und den Israelis scheint mir unüberbrückbar zu sein.
Aber wollten wir uns nicht vornehmen, im neuen Jahr stärker auf Positionen zu achten, die, zumindestens auf den ersten, vielleicht auch auf den zweiten Blick nicht die unserigen sind?
Mit allen guten Wünschen für 2023
Henning v. Vieregge

Zum Autor
Mazin Butros Qumsiyeh (born 1957 in Beit Sahour)[1] is a Palestinian scientist and author,[2] founder and director of the Palestine Museum of Natural History (PMNH) and the Palestine Institute for Biodiversity and Sustainability (PIBS) at Bethlehem University where he teaches.[3][4] After serving on the faculties of the University of Tennessee (1989–1993), Duke University (1993–1999), and Yale University (1999–2005), he now researches and teaches at Bethlehem and Birzeit Universities since 2008. Here Qumsiyeh joined with other professors to introduce the first Biotechnology Masters program in the region. (Wikipedia ausschnittsweise)

P.S. 2023 erleichtert einem Jubeloptimismus nicht. Dafür steht der Schnappschuss vom Schlussbild einer Aufführung Silvester im Darmstädter Theater „Frau Luna“

12 Empfehlungen für ein besseres Leben
1) Children of all ages need to be in nature. Play with dirt and smell
nature. It improves immunity (latest epidemiological studies of those who
died with COVID19). Plant things, harvest, and enjoy (ornamental plants,
herbal plants, fruits, vegetables. You can even do it on walls, ceilings,
balconies and window-sills).
2) Eat healthy seasonal food always. Not processed food.
3) Open your mind: shed the chains imposed on your brain from your
background (education, religion, culture, society, conformity,
nationalism), The world changes – do not try to be fossilized.
4) Corollary: Read a lot and challenge yourself to read more every year
than the year before. Knowledge is power. You can also teach yourself or
via the internet speed reading.
5) Talk less and listen more (ask questions, art of attentive talking). No
matter your age, listen to young people, listen to old people, listen to
all people of all backgrounds.
6) Find your passion and follow it, be it music, poetry, agriculture,
painting, biology, computers or whatever. Never study something or do a job
because you think there is money in it. Follow your passion and money will
follow (or at least follow your passion while doing a job that you can eat
from temporarily). You also really do not need a lot of money to live a
decent healthy life.
7) Corollary: be passionate about a cause bigger than yourself: political,
human rights, helPing disenfranchised people etc. Getting involved in
something bigger than yourself makes you live longer and healthier
(physical and emotional) and life.
8) Time is your most valuable asset. Never waste it.
9) Walk a lot (important for all ages). Minimum one kilometer every day.
Run if your health allows it. Preferably in natural areas.
10) Challenge your mind and your body to do new things.
11) Make friends with people who care about society and about nature. Hang
around them and have fun while doing productive work (service. See #6).
12) Be kind to all (all animals including humans and plants) and never give
up (especially on the potentiality of the future) no matter the challenges.
Keep the hope alive.

Eine Privatschule in den USA, die Großeltern rücken an

23 Dez
23. Dezember 2022

287/Dezember 2022
Guten Tag,wenn einer eine Reise tut….Hier ein kurzer Blick über den Teich in eine Privatschule in Atlanta. Großelterntag, die rücken an und beobachten. Was ist das Fazit mit Blick auf unser staatlich dominiertes Schulsystem?
Mit herzlichen Weihnachts- und Neujahrsgrüßen
Henning v. Vieregge

Flug nach Atlanta zur Familie von Sohn Constantin mit Schwiegertochter Laura und Enkeln Milo und Kai
Am nächsten Tag – wir mit sechs Stunden Zeitunterschied- Aufbruch in die Privatschule von Milo (5. Klasse) und Kai (1. Klasse), in der Mont Vernon Schule.Grandparents Day.

Selbstbeschreibung der Schule: „The Mount Vernon School (MVPS or MV) is a private, Christian, (Presbyterian), independent, coeducational day school in Sandy Springs, Georgia, United States, with an Atlanta postal address. It was founded in 1972. The Mount Vernon School is also known as Mount Vernon Presbyterian School.)“

Freundlicher Empfang. Erst einmal in die Mensa, Kaffee und kleine Snacks warten. Ansprache der Gesamtschuldirektorin, ein Gemälde aus Perfektion und kalter Zuneigung. Sie sagt: 1200 Schüler, jeder ist anders, jeder wird von den Mitarbeitern gekannt.

Wir bekommen Namensschilder, draußen ist eine Fotostation aufgebaut, da werden Großeltern und Kinder zusammen aufgenommen und können das Foto gleich mitnehmen und sich dazu einen MV-Rahmen geben lassen.

Erst Kai, dann Milo führen uns zu ihrem Klassenraum und danach in Projekträume. Alle Wände in den Räumen wie auch die Flurwände sind beklebt mit Arbeitsbeispielen oder Sprüchen, die das Selbstverständnis des Lernansatzes dieser Schule täglich nahe bringen sollen und , in Schulen dieser Art eine Selbstverständlichkeit, Lob und Wertschätzung dokumentieren.

Zum hohen Kostenbeitrag der Eltern kommt die Erwartung, dass sie sich engagieren, kostenlos selbstverständlich. Laura hat diverse Aufgaben übernommen, C. arbeitet neuerdings als Basketballcoach eines Teams, in dem Milo spielt.

Pädagogischer Ansatz in der Selbstdarstellung
„Through design thinking , project-based learning, and maker design and engineering efforts, students engage with their community in order to solve real problems affecting organizations (both private and non-profit). Students have collaborated with for-profit and nonprofit organizations to create bio-engineering solutions, draft digital blueprints, redesign corporate collateral, and consult.“

Design Thinking gehört in die Kiste Agilität und Disruption, aktuelle Schlagworte der Unternehmensberatung. Immer geht es um die Behauptung, mit dem (jeweils) aktuellen Ansatz könne man schneller und genauer auf Kundenwünsche reagieren. Dafür wird fortwährend eine neue Begriffs-Sau durchs Dorf getrieben, in Wirklichkeit ist es eine Veränderung mit Kleinstabweichungen, zum Beispiel durch neue technische Hilfsmittel, aber ansonsten die alte Sache. Marketing und Werbung geben sich da nicht viel. Neue Begriffe sind ein Verkaufsargument. Nun also auch Schulen. Sie stehen ja im Wettbewerb, wenn sie privat geführt werden. Milo hat sich in Atlanta beim Umzug aus Südafrika bei zehn Schulen beworben, mit vieren wurden Gespräche geführt, beidseitige Prüfung.

Was könnte Design Thinking in der Schule bedeuten? Aus den Fehlern und der Annäherung an die richtige Lösung auf verschiedenen Wegen sollen sie lernen, erklärt Constantin. Schlagwort:, „Aufwärts scheitern“, wie es auf einem Spruchbild aufmunternd steht.
Das, zugegeben, praktiziert wäre ein großer Fortschritt, an den sich hierzulande vor allem das Lehrpersonal zu gewöhnen hätte. Selbst die konsequente Projektausrichtung als Zwischenschritt auf diesem Weg ist für Privatschulen diesen Typs selbstverständlich, in Deutschland mit seinem fachbezogenen Stundendenken an öffentlichen Schulen wohl immer noch zu selten betretenes Neuland. Das ist nicht nur schade, sondern auch gefährlich. Denn wenn das Veränderungstempo an unseren öffentlichen Schulen nicht erhöht wird, werden wir wie in den USA ein Kastenschulsystem mit großem Abstand zwischen privat und öffentlich bekommen.Notwendig sind größere Gestaltungsfreiräume der einzelnen Schulen. Vieles hat sich in den letzten Jahren positiv entwickelt, zweifelsohne, aber in der Pandemie konnte man beobachten, dass aus Sicht von Schülern, Eltern und Lehrern viel mehr Schulleitungen mit Courage, die nicht auf Weisungen warten, sondern handeln, wünschenswert sind. Nur so gewinnt der Wandel des Lernens an Tempo und Profil.

USA: Ein Sieben Punkte Fazit

13 Dez
13. Dezember 2022

286/Dezember 2o22

Guten Tag,
wir waren knapp drei Wochen in Georgia und Anrainerstaaten, haben uns in Atlanta, Catanooga, Gatlinburg, Asheville, Charleson, Savannah, Macon umgesehen. Hier ein 7 Punkte Fazit
Mit vorweihnachtlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

1 Die Frage der Gerechtigkeit zwischen Schwarz und Weiß hat das Zentrum der Politik erreicht. Die Ursprünge der Ungerechtigkeit, die Sklaverei, interessiert nicht mehr nur Schwarze So gut diese Entwicklung ist, so hat sie zwei Extrem Seiten: zum einen, die geballte Faust markiert den Unterschied zur Predigt der Gewaltlosigkeit von Martin Luther King, die Zuspitzung, wie sie sich insbesondere an den amerikanischen Hochschulen verdeutlicht. Stichwort: Cancel Culture. Zum anderen weckt die Bewegung hoher Ängste bei Weißen. Ergebnis: der Trumpismus, der Trump überdauern wird.
2 Die Wirtschaftskrise mag zwar weltweit sein, wird aber jeweils national erlebt und fördert die Kritik an der Demokratie.
3 Es wird gelobt. Allenthalben. Das ist ein probates Mittel gegen Angst und Pessimismus, so lange das Lob nicht routiniert und hohl erscheint,
4 Das Vaterland, die Fahne, der Stolz, wozu auch der Dank an Veteranen und die Heraushebung von Opfern für das Vaterland gehört.
5 Weiter auf der Positivseite steht das breite zivile Engagement der Amerikaner, so wie wir es beispielhaft am Flughafen Washington erlebt haben, oder auch die Pflege von Straßenabschnitten durch Rotary, Lions oder Unternehmen sowie die deftigen Strafen für Müll aus Autos.
6 In den Südstaaten wird die Erinnerung an den Bürgerkrieg durch zahllose Inschriften, Denkmäler und Verweise wachgehalten. Nicht im Sinne eines Schamgefühls (analog Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg), sondern im Sinne einer ungerechten Niederlage (analog Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg). Allerdings ist die Erinnerung auch eine Mahnung, die Einheit des Landes nicht noch einmal in Frage zu stellen.
7 Und als kritische Bemerkung: wenn große Teile der Bevölkerung so verfetten, was mag da noch an Resilienz zur Verfügung stehen, wenn die Zeiten wirklich schlechter werden?

Schaumküsse für Fasnachter

16 Nov
16. November 2022

Blog 285/November 2022
Guten Tag, neulich las ich in der Mainzer Lokalzeitung einen Beitrag, der mich zu einem Leserbrief reizte. Der Leserbrief ist bisher noch nicht erschienen. Ich möchte ihn aber nicht vorenthalten.Es geht exemplarisch um das Einknicken verantwortlicher staatlicher Instanzen vor der kompromißlosen Meinungsvertretung von Minderheiten.Betroffenheitskult ist nichts Neues, das gleichnamige Buch von Cora Stephan erschien 1993. Aber mit der vermeintlich linken Cancel Culture und den Möglichkeien, über soziale Medien Entrüstung zu organisieren, die dann von den klassischen Medien aufgegriffen und verstärkt wird, ist die Unsicherheit staatlicher Verantwortungsträger, wie in Einforderungsfällen zu verfahren ist, erheblich gewachsen. Advokaten der Betroffenen lassen ,wie Ijoma Mangold treffend schildert, den Betroffenen kaum eine Wahl, nicht mitzumachen.
Hier der Leserbrief:

Meine Frau hat mich gewarnt. Ich soll diesen Leserbrief lieber nicht schreiben, denn alleine die Beschäftigung mit dem Thema würde mich in den Augen der mittlerweile nahezu allgegenwärtigen selbsternannten Sprachpolizisten zum Rassisten stempeln. Und wen der Vorwurf des Rassismus trifft, der hat nichts zu lachen. Aber um Humor geht es eigentlich. Da hat, lese ich, auf dem Hochheimer Markt sich eine Besucherin darüber echauffiert, dass an einem Süßigkeitenstand ein Schild dazu einlud, „Schaumküsse, Mohrenköpfe, Negerküsse“ zu erwerben. Die Standbetreiberin, zur Rede gestellt, habe daraufhin einen Zettel zu dem Schild gehängt, auf dem stand: „Schokoladenüberzogene Eiweißmasse mit Migrationshintergrund.“ Ist dies eine intelligente, humorvolle Replik? Die eine (!) besagte Besucherin hat sich , not amused, bei der Marktführung, offenbar nachhaltig beschwert. Die Marktführung hat die Besucherin nicht beruhigt, sondern die Standbetreiberin, wie man behördlicherseits nicht ohne Stolz vermeldete,“ zur Einsicht gebracht.“ Der Zettel wurde abgehängt. Damit nicht genug: Mittels einer ethischen Richtlinie sollen Vorfälle wie diese bei Verträgen mit Schaustellern und Händlern künftig vermieden werden. Was hier passiert, ist Stoff für Büttenredner, wenn sie sich denn trauen. Diese N-Geschichte (AZ: Man darf das Wort nicht mehr schreiben)wäre lustig, wenn sie nicht ein trauriges Beispiel mangelnden Humors und mangelnder Zivilcourage wäre. Bei Ijoma Mangoldt, Journalist und Schriftsteller, Sohn aus einer afrikanisch/deutschen Beziehung, findet sich dazu ein treffendes Zitat: „Ich kannte wahre Meister der Rassismus – Hermeneutik, vor deren Blick nichts sicher war und die mit der Selbstgewissheit der Beleidigten Diskriminierungen sahen, wohin sie nur schauten.“

© Copyright - Henning von Vieregge