Verwirrung: Der neue Nachbar stellt sich vor

21 Mai
21. Mai 2019

Blog 205/Mai 2019
Guten Tag,
es ist schwieriger geworden, sich Nachbarn zu nähern. Der Brauch, dass der Neuling sich seinen Nachbarn vorstellt, ist irgendwann aus der Mode gekommen. A. V. lud beim Einzug ihrer kleinen Familie alle Hausbewohner mit einem Brief zum Kennenlernkaffee ein. Von 13 Angeschriebenen meldeten sich zwei. Die einePartei konnte terminlich nicht, die andere kam. Der Rest: Schweigen.
Das hat sie nicht entmutigt. Da sie auf der Klingel unten rechts steht, ist sie mittlerweile Anlaufstelle für den Paketboten. Und weil sie die Sendungen weder mürrisch noch wortlos ihren Nachbarn übergibt, hat sich inzwischen im Haus etwas getan. Babywäsche wird weitergegeben, selbst gebackener Kuchen vorbeigebracht, Kleinkinder vom Nachbarn gehütet. Die Distanz ist nicht aufgegeben, aber es ist ein freundliches Miteinander, gewissermaßen ein Grundrauschen an Beziehung im Haus entstanden. Erst wenn diese Beziehungen
in akzeptierte Gewohnheit (»So machen wir das hier in unserem Haus«) übergehen, wird der Auszug von V. das inzwischen Aufgebaute nicht
wieder veröden lassen.

Ein schönes Beispiel der Vertrauensbildung beschreibt der Journalist Sebastian
Kempkens in der Wochenzeitung »Die Zeit«
. Er ist neu in ein Haus
gezogen. Die Wohnung wurde auf den fünfstöckigen Bau aufgesetzt, und
der Autor fragt sich, jung und feierfreudig, wie er zusammen mit seinem
Freund ist, ob ihn die Mietpartei unter ihm nicht eigentlich hassen müsste.
Es ist ein altes Ehepaar, das schon seit Jahrzehnten im Haus wohnt. Er
nimmt seinen Mut zusammen und besucht das Paar. Frau Otto sagt: »Nachbarschaft
gibt’s hier doch gar nicht mehr. Fängt ja schon damit an, dass
einen keiner mehr grüßt!« Einige Wochen später fragt der Autor nach einer
weiteren lauten Feier, ob dies für das alte Ehepaar sehr störend gewesen sei.
Darauf sagt Herr Otto: »Ach, nicht der Rede wert, wir sind ja jetzt Nachbarn.«
Bedarf und Bedürfnis zum Ausbau nachbarlicher Bindungen sind also
vorhanden, die Furcht, sich etwas dabei zu vergeben, ist aber ein Hemmnis.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Quelle: Auszug aus meinem Buch „Wo Vertrauen ist, ist Heimat- Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft“, oekom München 2018 S.83

Gerade erreichte mich eine Kurzrezension von Prof.Dr. Manfred Domrös: „Ganz schön mutig, aber voll zutreffend und nachdrücklich dokumentiert: Engagiertes Leben lohnt sich. Und hilft, stärkt Vertrauen und schafft Heimat. Danke für die vielen wissenschaftlich fundierten als auch praktischen Hilfestellungen, die Mut zum Engagement machen. Richtig: ‚Ohne Engagement geht wenig gut.‘ (Seite 214). Denn: ‚Es ist nicht wenig, was in unserer Hand ist.‘ (Seite 221). Das erfrischende und lebendig geschriebene Buch aus einer reichen Expertenerfahrung lohnt sich gelesen zu werden. ‚Heimat‘ wird trefflich in den Focus gerückt.

TV- Beitrag zum Buch „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“

05 Mai
5. Mai 2019

href=“https://www.vonvieregge.de/cms/wp-content/uploads/2019/05/player1.htm“>player[1]Blog 204/ Mai 2019

Guten Tag

in der Sendung Landesart im SWR Fernsehprogramm Sonntag, 5. Mai 1845 Uhr wurde ich zu meinem Buch interviewt.
Der kurze Beitrag ist in der swr-Mediathek einsehbar.
Das Interview war natürlich viel länger, aber es wurde fair gekürzt.
Die Interviewerin ist Patricia Küll.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

https://swrmediathek.de/player.htm?show=edd89191-6e90-11e9-a7ff-005056a12b4c

Vorbereitendes Papier zum Interview

1. „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“ heißt die Neuerscheinung des Mainzer Autors Henning von Vieregge. Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft ist der Untertitel. Was hat bürgerschaftliches Engagement mit dem Gefühl von Heimat zu tun?

Ich hätte das Buch nicht geschrieben, wenn der Zusammenhang nicht ein wenig kompliziert wäre. Heimat hat mit Ankommen, mit Zugehörigkeit zu tun. Zugehörigkeit entsteht wesentlich durch soziale Kontakte. Die höchste Form des sozialen Kontakts ist meiner Überzeugung nach bürgerschaftliches Engagement, also der beachtliche Einsatz für den Nächsten, der nicht zu meiner Familie gehört.

2. D.h., für Heimatgefühle ist es nicht mehr unbedingt entscheidend, dass ich an einem bestimmten Ort oder in der Nähe meiner Familie lebe?

Was für Menschen Heimat ist, entscheiden diese. Es gibt beispielsweise türkische Nachbarn, die sagen, ich wohne in Mainz, aber meine Heimat ist das Dorf, aus dem ich stamme, denn dort ist der Friedhof. Den Begriff Heimat müsste es eigentlich im Plural geben. Ich kann an verschiedenen Orten beheimatet sein und dies auf verschiedene Weise. Der soziale Kontakt ist dabei ganz wichtig.. Und dazu kann jeder von uns beitragen. Und der beginnt mit einem Gruß, einem freundlichen Zunicken. Das ist weniger als verlässliche Hilfestellung, aber ungeheuer wichtig zum Gefühl, angekommen und angenommen zu sein. Ich habe eine Freundin gefragt, wann sie sich an ihrem neuen Wohnort beheimatet geführt hat. Sie sagte, als es klingelte und eine mir fremde Frau in der Tür stand. Sie sagte, unsere Kinder sind zusammen im Kindergarten und da wollte ich dich kennen lernen.

3. Sie leben seit einigen Jahren in Mainz. Wann und wie haben Sie sich dort beheimatet gefühlt?

Ich bin ja in ein Beziehungsgefüge meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau gekommen. Das war ein Anfang, ein Geschenk. Dann die Bereitschaft, sich die Stadt mit den Augen eines Touristen anzuschauen. Zu flanieren. Im Stadtteil mit der digitalen Plattform nebenan.de eine Nachbarschaft über das Netz aufbauen. Den Lokalteil der Zeitung zu lesen. Entscheidend aber war die Auseinandersetzung um die Erweiterung des Gutenbergmuseums. Ich war für den Bibelturm und geriet über Freunde in die Bürgerinitiative, wurde einer der beiden Sprecher. Wir haben den Bürgerentscheid haushoch verloren. Aber ich habe Freunde gewonnen und in kurzer Zeit so viel über die Stadt gelernt, dass Sie nun für mich meine neue Heimat geworden ist. Heimatsbildung ist nie abgeschlossen. Es gibt Beheimatung und Entheimatung. Wenn Entheimatungstendenzen spürbar sind, wenn Menschen darüber klagen, dass sie sich dort, wo sie sich immer beheimatet fühlten, nun nicht mehr zu Hause fühlen, muss man aufpassen. Nicht nur Politiker, sondern auch wir selber sind dann gefragt. Getreu dem Motto „Lass Dir die Fremde zur Heimat, aber die Heimat nie zur Fremde werden!“

Selbstbeheimatung: ein Vorschlag

24 Apr
24. April 2019

Blog 203, April 2019
Guten Tag, jemand ist neu in der Stadt, vergleicht sie mit dem Ort, wo sie herkommt und ist nicht froh. „Wäre ich doch in X-Stadt geblieben“, schreibt sie. Und wenn das nicht geht? Dann hilft nur Selbstbeheimatung. Die Liste enthält dazu Vorschläge.

1. Flanieren
2. Am Ort einkaufen
3. Auf Nachbarn zugehen
4. Die unmittelbare Natur kennenlernen
5. Im Ort essen gehen
6. Lokalteil lesen
7. Vor Ort etwas Neues machen
8. Am Ort sich Freunde machen
9. Sich engagieren (erst einmal in Projekten)
10. Loyal bleiben

Quelle: Henning von Vieregge, Wo Vertrauen ist, ist Heimat, Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft, München 2018 S. 172

Viel Erfolg damit.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Wenn Bürgerengagment fragwürdig ist

07 Apr
7. April 2019

Blog 202, April 2019

Guten Tag,
Wie lässt sich vermeiden, dass Engagement den Staat schwächer und starrer macht statt effizienter und flexibler?

Die Antwort in Kurzform: Engagement allein reicht nicht, um die Gefahr zu bannen. Es geht um die Frage, ob der Staat als aktivierender und ermöglichender, in manchen Fällen auch nur zulassender statt bevormundender Staat seine neue Rolle findet und nicht das Engagement seiner Bürger in Zeit, Ideen und Geld dazu nutzt, sich nicht weiterzuentwickeln. »Deutsche
Gründlichkeit ist super, aber es wird jetzt deutsche Flexibilität gebraucht
.«hatte Kanzlerin Angela Merkel mal gesagt.
Die Aufgabe bürgerschaftlichen Engagements besteht darin, den Staat auf diesem Weg kritisch zu begleiten. Das kann durch eigene Aktivitäten, die im wohldurchdachten Ausnahmefall auch Rechtsbrüche einschließen, geschehen.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
(aus dem Text „Fragen und Antworten“ aus meinem Buch „Wo Vertrauen ist, ist Heimat, Auf dem Weg in eine aktive Bürgergesellschaft“ soll in lockerer Reihenfolge, d.h. unterbrochen durch andere Beiträge, der Text hier eingebracht werden. Hier Folge 2)

Bitte keine Rechtsbrücke beim Thema Sauberkeit. Das Gegenteil wäre wünschenswert: Mehr Konsequenz durch die Ordnungsmacht.

Was Mainz von Ulm lernen sollte, Man kann auch am Dom (bzw. Münster) bauen, aber die Architektur muss erstklassig sein

27 Mrz
27. März 2019

Blog 201/ März 2019

Guten Tag und gleich ein Dementi: das ist nicht der Blick aus dem Bibelturm zum Gutenberg-Museum auf den Mainzer Dom. Der Blick hätte aber so sein können, ja, wenn das Mainzer Stadtparlament nicht seine eigene Entscheidung gekippt und die Mainzer Bevölkerung das Bauwerk anschließend in der Bürgerbefragung abgelehnt hätte.
Was könnte Mainz von Ulm lernen?
1986 wurde per Bürgerentscheid die Bebauung des Münsterplatzes abgelehnt, aber das Quorum reichte nicht und das Stadtparlament beschloss gleichwohl eine Ausschreibung zur Bebauung. Der weltbekannte amerikanische Architekt Richard Meier, zur Teilnahme durch die Ulmer Stadtspitze aufgefordert, erkundigte sich bei einem Freund, dem ebenfalls berühmten Wiener Architekten Hans Hollein, ob der, auch aufgefordert, teilnehme. Hollein, gut informiert, riet ab: Die Ulmer kriegen ohnehin nichts gebacken. Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhundert gab es 17 Wettbewerbe, keiner kam ans Ziel. Auch Meiers Siegerentwurf führte zu erbitterten Debatten innerhalb der Ulmer Bürgerschaft. Er war der Durchbruch zur Neugestaltung von Ulms Mitte, an der sich nun führende Architekten wie Gottfried Böhm und Stephan Braunfels mit Gebäuden beteiligten. Das ist es, was Mainz von Ulms lernen könnte: Endlich mal was hinbekommen von Weltniveau. Das Gutenberg-Museum mit einer auf den Liebfrauenplatz vorgezogenen Bebauung wäre ein guter Anfang. Eine Stadt mit Anspruch braucht Architektur mit Anspruch. Auch Mainz muss den Ruf verlieren, Wettbewerbe auszuschreiben und dann politisch nicht durchzustehen. Die Bevölkerung kann man bei Entscheidungen einbeziehen, auch das lehrt Ulm. Aber eben nicht so dilettantisch und halbherzig wie dies beim Bibelturm der Fall war.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

Angstszenarien der Demografie, Fragen und Antworten aus: „Wo Vertrauen ist, ist Heimat – Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft“

21 Mrz
21. März 2019

Blog 200/ März 2019

Guten Tag,
in meinem Buch „Wo Vertrauen ist…“ stehen 33 Fragen und Antworten in einem der Eingangskapitel. Ich möchte diese Texte nach und nach hier einstellen, um zum einen das Interesse an meinem Buch weiter zu stacheln und zum anderen zur Diskussion anzuregen.

Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Erste von 33 Fragen
Demografie: Welches Angstszenario hätten Sie denn gern?

Antwort
Die demografische Herausforderung spitzt sich auf zwei Aussagen zu, die
einander widersprechen: Die Bevölkerung nimmt stark ab, die Bevölkerung
nimmt stark zu. Beide treffen zu. Welche Wahrheit stimmt, hängt davon ab,
in welchem Teil der Welt man zu Hause ist. Diese gegensätzliche Entwicklung
– hier zu wenige, dort zu viele – drängt auf Ausgleich, zumal wenn
Kriege, schlechte Regierungen, »Failed States« und Klimakatastrophen vor
allem dort zu finden sind, wo die Menschheit stark wächst. »Die heutigen
Risiken und Gefährdungen unterscheiden sich also wesentlich von den äußerlich
oft ähnlichen des Mittelalters durch die Globalität ihrer Bedrohung
(Mensch, Tier, Pflanze) und ihre modernen Ursachen. Es sind Modernisierungsrisiken.
( so Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986,
S. 29.)
Die Frage an uns ist, ob uns das Angstszenario »Überalterung« mit
verschiedenen Untervarianten (zum Beispiel Herrschaft der Greise, systembedingte
Unterversorgung der Kranken und Alten) mehr schreckt oder das
Szenario weiterer massiver und nur teilweise steuerbarer Einwanderung.
Vertrauensbildung, Beheimatung, bürgerschaftliches Engagement sind
drei Stichworte bei der Angstbekämpfung.

© Copyright - Henning von Vieregge