Ein Fall von Mobbing?

28 Jun
28. Juni 2022

276, Juni 2022
Guten Tag,
ausnahmsweise mal ein Beitrag zur Lokalpolitik.
Bekanntlich ist die Stadt Mainz durch den Erfolg von Biontech ohne jedes eigene Verdienst in einen Geldregen geraten. Die hochverschuldete Stadt – Eigenverdienst der städtischen Wohnbaugesellschaft – kann sich so aus der Schuldenfalle herausarbeiten. Um das folgende zu verstehen, muss man noch wissen, dass durch kuriose Umstände bei der Neuwahl des Wirtschaftsdezernenten ein Kandidat der CDU, eigentlich völlig chancenlos, ins Amt kam: Manuela Matz. Dies hat von Anfang an für Gegenreaktionen gesorgt. Der Übergang war keiner, der diesen Namen verdient, wichtige Akten fehlten, Informationen wurden vorenthalten, bisher mit dem Dezernat verknüpfte Zuständigkeiten verschoben. Doch nun wurde dieses parteipolitische Machtspiel offenbar nochmals gesteigert, als ein 50 Millionen Sonderprogramm aus den Biontech Steuereinnahmen den Dezernenten angeboten wurde. Michael Ebling, Oberbürgermeister, teilte das Ergebnis der Presse mit und sagte dabei, alle Dezernenten seien angefragt worden. Die Wirtschaftsdezernentin bestreitet diese Darstellung und die lokale Tageszeitung hat dies berichtet. Der nachfolgende Leserbrief ist so, mit der Überschrift der Redaktion, am 27.6.2022 publiziert worden:

Die Stadtspitze in Mainz (Oberbürgermeister Michael Ebling ,SPD, Stellvertreter Günter Beck, Grüne) haben von dem Geldsegen, denen ihnen Biontech bescherte, 50 Millionen Euro für dringliche spezielle Vorhaben bei ihren Dezernenten ausgelobt und diese haben Vorschläge gemacht, aus denen Ebling und Beck ein Paket geschnürt und der Presse vorgestellt haben. Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz, CDU, beklagt sich, in dieses Vorhaben nicht eingebunden worden zu sein. Wenn das stimmt, hätten wir es mit einem schweren Fall von Mobbing zu tun, bei dem alle anderen Dezernenten und deren Mitarbeiterschaft eingebunden wären. Denn wie sonst ist es erklärlich, dass dieses Vorhaben nicht im Dezernenteam oder über Flurfunk bei Frau Matz angekommen wäre, hätte der OB sie absichtlich oder unabsichtlich außen vorgelassen. Wie darf man sich als Bürger das Klima zwischen den Dezernenten und in der Stadtverwaltung insgesamt vorstellen? Wer hat wann wen zum Schweigen verdonnert? Das ist der eine Aspekt: Mobbing. Der zweite Gesichtspunkt ist der fachliche: Selbst wenn, warum auch immer, ein Dezernat nicht liefert, wäre es dann nicht die Aufgabe der Verwaltung und ihrer Spitze (Ebling, Beck), auf Abhilfe zu drängen? Ist nicht Wirtschaft eines der essentiellen Themen der Stadtentwicklung? Kurzum: Hier ist erheblicher Aufklärungsbedarf. Im Parlamentarismus auf Landes- und Bundesebene würde die Opposition einen Untersuchungsausschuss beantragen. Wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, müssen die Schlussfolgerungen glaubwürdig gezogen werden. Als Bürger wünscht man sich eine Stadtführung, die als Team agiert und mit diesem Spirit die Verwaltung mitnimmt und die Zivilgesellschaft der Stadt begeistert.

Mangelwirtschaft? Mangelwirtschaft! Sagt Helena Melnikov.

22 Jun
22. Juni 2022

275/Juli 2022
Guten Tag, was heißt hier guten Tag? Die Hiobsbotschaften stauen sich wie die Containerschiffe vor den Häfen. Ich habe mit Helena Melnikov, neu als Hauptgeschäftsführerin des BME, des Verbandes für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik, für den VerbändeReport gesprochen. Da bist du gewissermaßen an der Quelle der Misere, nicht derer, die sie verursachen, aber derer, die sie mit ihrem Know-how abfedern wollen und sollen.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
VR-Gespräch Melnikov – Kopie

Schnappschüsse zur Lage

30 Mai
30. Mai 2022

274/Mai 2022
Guten Tag, ich habe Fotos sortiert. Hier Schnappschüsse.
Da ließe sich das Spiel spielen: Was gehört unter welchem Gesichtspunkt zusammen.
Beispiel: Vier Fotos haben etwas gemeinsam. Was?
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Kämpferische Parkbank
Idyllisches Durchhängen
Pause mit zwei Katzen
Malerische Hängelage
Ausgezeichneter Bratort





Skipis und die Meinungsfreiheit

04 Mai
4. Mai 2022

273/Mai 2022
Guten Tag, wieder ein schönes Lesestück: mein Interview mit Alexander Skipis, erschienen in der März-Ausgabe vom VerbändeReport, wie immer ausführlich: Seite 6-13.Alexander Skipis war ein Quereinsteiger in die Verbände-Welt, und hat als Hauptgeschäftsführer den Börsenverein über viele Jahre nachhaltig geprägt. Sein Werdegang war von Politik geprägt und politisch führte er auch das Amt. Meinungsfreiheit und Börsenverein waren eine Einheit; Skipis scheute auch Kontroversen nicht. Aber lesen Sie selbst.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
VR 2022 Interview Skipis

Aufbruch im Alter

15 Apr
15. April 2022

272/April 2022
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Guten Tag, wenn der obige Link funktioniert, dann führt er in ein pralles Heft katholischer Gemeinden zwischen Steinbach und Oberursel bei Frankfurt. Ein gutes Beispiel kirchlicher Kommunikation. Familie ist ein Beitrag zum Rahmenthema „Aufbruch“ dabei. Ostern und Aufbruch, das passt. Ich stelle den Text nachfolgend ein.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

P.S. Einen besonderen Ostergruß aus dem Sternberger Land möchte ich nicht vorenthalten.

Aufbruch im Alter
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sprach von der „Gnade der späten Geburt“. Damit meinte er alle Jahrgänge, die mit dem Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft und dem 2. Weltkrieg aus eigenem Erleben nichts zu tun hatten.
Man könnte den Begriff aber auch anders deuten. Gegenüber unseren Vorvätern, die um 1870 lebten, haben wir rund 45 Jahre Lebenszeit hinzugewonnen. Auch eine Gnade, aber was machen wir aus ihr?
Für die meisten von uns beginnt bewusstes Alter mit dem Ruhestand. Ein Begriff freilich, der von den Betroffenen inzwischen vielfach als unpassend empfunden wird. Übergangsweise wird von Unruhestand gesprochen. Denn die „fitten Alten“, wie sie oft genannt werden, haben noch Einiges vor. Ein Aufbruch in eine neue Lebensphase steht an.
Wie bei jedem Neuanfang ist Abschied vom Vorherigen zu nehmen. Man sollte die Schwierigkeit nicht unterschätzen, mit dem nun weitgehenden Wegfall von Erwerbsarbeit klarzukommen. Wer vorher über seine Arbeit gestöhnt hat, merkt nun, was sie ihm (oder ihr) gegeben hat: Struktur, soziale Kontakte, Anerkennung, Zufriedenheit (auch wenn man manchmal unzufrieden war). Manche wollen sich mit ihrer nun lebenslangen Arbeitslosigkeit nicht zufrieden geben und suchen sich einen Job, zumeist in Teilzeit. Das bringt auch noch zusätzliches Einkommen, denn für viele Menschen sind die finanziellen Einbußen im Alter beträchtlich. Andere, vor allem diejenigen, die finanziell besser dastehen, verstärken ihr ehrenamtliches Engagement. Kirchengemeinden, Sportvereine, musikalische Vereinigungen, sie alle können Freiwillige gebrauchen. Wer sich allerdings noch nie vorher für Dritte eingesetzt hat, tut gut daran, sich erst einmal in Ruhe umzuschauen, was für ihn (oder sie) wirklich passt. Auch hier gilt: Probieren geht über Studieren.
Manche kümmern sich mehr um ihre Familie, Enkel vorneweg. Andere bringen Wohnung und Garten in Ordnung, Dritte legen ihren Schwerpunkt auf alte Hobbys, die sie neu beleben. Meine Frau hat sich immer einen Hund gewünscht, nun ist er da, freundlich, zugewandt, eine Investition in gutes Leben, die aber mehr Zeit kostet als vordem gedacht.
Manche haben einen Plan, andere haben keinen. Beides kann richtig oder falsch sein. Wer einen Plan hat, muss die Fähigkeit behalten, vom Plan abzuweichen, wenn sich etwas Neues, Spannendes auftut. Wer keinen Plan hat, muss sich dennoch Gedanken machen, denn aus allen Zutaten entsteht ein neuer Lebensmix und dies in Selbstorganisation. Freiheit kann auch anstrengend sein. Wer die zusätzliche Lebenszeit aber verdaddelt, dem geht es wie dem Schwiegervater einer Freundin, der bei überwiegend guter Gesundheit über 100 wurde und sagte: „Hätte ich gewusst, wie alt ich werde, hätte ich mit meinem Leben im Alter viel mehr angefangen.“

Kirche als Akteurin der Zivilgesellschaft

06 Apr
6. April 2022

271/April 2022
Guten Tag,
Wer krisenhaft lebt, kann sich einer Sache sicher sein: es wird nicht an Hinweisen mangeln, wie man sich aus der Krise herausarbeitet. Je spektakulärer, umso besser. (Bezogen auf die Wahrnehmungschance). Auch die Möglichkeit, eine Krise schlichtweg in Abrede zu stellen („Uns stört Mitgliederverlust nicht im geringsten“), ist nicht überzeugend. Was also tun? Ein Befund der Umfragen ist unstreitig: Es sind die Pastoren vor Ort, die binden. Ein Pfarrer,m,w oder d, wird als Einzelkämpfer aber wenig ausrichten können, dazu sind die Kirchengemeinden zu komplexe Gebilde. Apropos Gebilde: erst wurden Kirchen gebaut, dann Gemeindehäuser, schlägt jetzt die Stunde der Bürgerhäuser? Adrian Schleifenbaum hat die Argumente zusammengetragen, die dafür sprechen, dass sich Kirche viel stärker als bisher in die lokale Zivilgesellschaft einbettet. Kein Patentrezept, aber ein Weg. Nachfolgend eine Rezension, die im hessischen Pfarrblatt Nummer 2 – 22 Seite 20 erschienen ist.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Adrian Micha Schleifenbaum, Kirche als Akteurin der Zivilgesellschaft, Göttingen 2021, ISBN 978-3-525-51705-5

Der Autor, Adrian Schleifenbaum, mittlerweile Pfarrer in Gießen, nennt mit dem Titel sein Erkenntnisinteresse: „Kirche als Akteurin der Zivilgesellschaft“. Jan Hermelinks vier auf Kirche angewendete Sichtweisen (Organisation, Institution, Interaktion und Inszenierung) werden mit führenden gesellschaftstheoretischen Ansätzen (vor allem von Ulrich Beck und Zygmundt Baumann) verknüpft. Für Schleifenbaum ist klar: Der gesellschaftliche Trend geht von der soliden zur liquiden Moderne und trifft alle Institutionen. Damit ist es nicht hinreichend, die Zukunft der Kirche allein unter der Veränderung innerkirchlicher Wünsche und Bedingungen zu diskutieren. Befunde aus der Zivilgesellschaft lauten: Menschen wollen durch ihr Handeln gestalten, Orientierung ohne Bevormundung erleben und sind Bindungsangeboten gegenüber zögerlich bis abweisend. Auch Kirche kann diesen Trends nicht ausweichen. Auf der Suche nach zukunftsfähigen Konturen von Kirche für sich und seine Generation hat Schleifenbaum folgerichtig im letzten Drittel seines knapp 300 Seiten Textes einen empirischen Teil angefügt, bei dem insbesondere die Beschreibung aus eigenem Erleben von Fresh X, eine Bewegung der anglikanischen Kirche, die auch in Deutschland Fuß fasst, Lesefreude bereitet. Vergessene Möglichkeiten ergeben sich überdies, zweiter Teil der exemplarischen Empirie, durch eine Rückbesinnung der Einheit von Kirche und Diakonie, durch Gemeinwesendiakonie. Auch nicht kirchlich interessierte Menschen sollten die Möglichkeit erhalten, so der Autor, „Kirche selbstbestimmt und nach eigenen Vorlieben zu prägen.“: Die Folgerung: „Kirche bemüht sich gar nicht erst, die Menschen ihrer Nachbarschaft so zu verändern, dass sie endlich in die Kirche kommen, sondern sie öffnet und verändert sich selbst so, dass Kirche endlich in der Nachbarschaft ankommt.“ Wünschenswert wäre es, wenn dieser weite und durchaus kühne, erfreulich lesbar formulierte Entwurf einer „zivilgesellschaftlichen Kirchentheorie“. (so der Untertitel des Buches) bei den laufenden Reformdebatten in beiden Kirchen nennenswert berücksichtigt würde.

© Copyright - Henning von Vieregge