Meine nächsten Termine
- 10.03.2026: BK online Martin Mosebach
- 25.03.2026: Vortrag Ev Kirchengemeinde Tübingen
- 16.05.2026: Bei Buchmesse Gießen
- 10.06.2026: Auferstehungsgemeinde Mainz „Die Glücksverwöhnten“ Lesung
347/März 2026
Guten Tag,
Wir hängen fest. Einen Tag früher und wir hätten die Vereinigten Emirate ganz normal verlassen können. Ein Freund hatte noch gesagt, hoffentlich greifen die Amerikaner den Iran nicht an. Das war vor drei Wochen. Er hatte Saudi-Arabien und die Emirate besucht und hatte dabei offenbar ein besseres Lagebild über die Situation erhalten als wir in Deutschland. Unsere Medien hatten über die fortschreitend positiven Gespräche zwischen den USA und Iran in Sachen Atomkontrolle berichtet. Man sei kurz vorm Durchbruch.
Unser Aufenthalt verlängert sich nun mindestens um eine Woche. Meine Tochter wohnt mit Blick auf den Arabischen Golf, die Iraner sprechen vom Persischen Golf. Irgendwo dahinter liegt Iran, die kürzeste Entfernung beträgt 336 km. Nachts, seltener am Tag, hören wir ein Wummern, eigentlich nur einen kurzen Bums. Wir lernen, dass dies ein gutes Geräusch ist: Der Abwehr ist es gelungen, eine Rakete oder eine Drohne abzuschließen. Ein amerikanisches System namens Thaad, besser als das Patriot System, wie stolz berichtet wird, scheint effizient zu funktionieren. Jenes Patriot System, dass die Ukraine so gerne hätte und wir nicht liefern, ist hier schon veraltete Technologie. Die transparente Berichterstattung der offiziellen Stellen schafft Vertrauen. Demnach wurden (letzter Zwischenstand) 186 ballistische Raketen bisher entdeckt und 172 erfolgreich abgefangen. Die anderen fielen ins Meer. Eine landete im Land ohne große Schäden zu verursachen. 812 Drohnen wurden entdeckt, 755 abgefangen, 57 sind innerhalb der VAE abgestürzt oder gelandet. Acht Kreuzflugkörper wurden erkannt und zerstört.
Was wir von den deutschen und englischen Medien mitbekommen, ist Panikmache. Berichtet wird von Urlaubern, die pleite oder todesängstlich sind und der Hölle der VAE nicht entkommen. Vor allem auf Dubai haben es die Medien abgesehen. Ende der Glitzerwelt, die Reichen und Schönen auf der Flucht. Natürlich im SUV, natürlich auf dem Weg zum Privatflugzeug. Die englische Presse jubiliert, weil es wohl nicht wenige britische Steuerflüchtlinge gibt, die in Dubai leben. Und in der Tat meldet KI 240.000 Briten in den Emiraten, gefolgt von Russland mit 150.000 und Frankreich mit 60 oder 65.000. Die Deutschen sind mit 12-15.000 Menschen eher vernachlässigbar . Es sind bei Leibe nicht alle Europäer Steuerflüchtlinge, wenn auch das Fehlen einer Einkommenssteuer attraktiv ist.
Ebenfalls zur Story eignen sich die Riesendampfer, die in Abu Dhabi oder Dubai festliegen. Angeblich dürfen die Kreuzfahrer nicht nur nicht von Bord, sondern auch nicht an Deck und sollen von den Fenstern wegbleiben. Wenn das so wäre, wäre eine unnötige Stresssituation unausbleiblich.
Aber auch hier in Amelies Wohnblock gibt es Ängstliche, Überängstliche und Panikmacher. Einige schlafen in ihren Autos im Parkkeller. Jemand will von Deportationsvorhaben der Regierung gehört haben. Ein anderer weist darauf hin, dass derartige Gerüchtemacherei strafbar sein könnte. Denn die emiratische Führung bemüht sich um business as usual. Die beiden Scheiche von Abu Dhabi und Dubai haben sich kürzlich in einer Mall getroffen und demonstrativ Tee getrunken. Alle Geschäfte sind geöffnet, die Schreckenseinkäufe sind schon wieder Vergangenheit.
Die ersten Flieger gen Europa sind erfolgreich unterwegs gewesen. Es waren Sonderflüge. Der Normalbetrieb nach Europa ist noch nicht wieder aufgenommen. Freunde wundern sich, dass wir nicht dabei waren. Ein Freund will mich erkannt haben. Der Doppelgänger ist entweder Ritterkreuzträger, einer der emiratischen Airlines oder er (Frauen und Kinder zuerst) konnte herausragende Leiden vorweisen.
Zu einem Sonderflug typisch deutschen Zuschnitts startete eine riesige Lufthansa-Maschine: leer. Man habe, heißt es, kein Personal zur Verfügung gehabt. Und ohne Personal keine Passagiere. Dass hier von renommierten Konkurrenten vermutlich Personal auf seinen Einsatz wartet und hätte angeheuert werden können, war offenbar kein Gesprächsthema. Man mag sich gar nicht wünschen, die ganze Litanei der Bedenkenträger der Lufthansa vorgeführt zu bekommen. Die Lufthansa war auch die erste Airline, die gleich für eine ganze Woche alle Flüge absagte.
Da lobe ich mir einen Menschen aus der WhatsApp Gruppe meiner Tochter, der ein Selfie herumschickte. Er unterm Küchentisch mit Stahlhelm auf dem Kopf, sein Hund zur Seite, mit einem Kochtopf auf dem Kopf. Ich könnte wetten, der Mann ist ein Engländer.
So, ich schließe den Bericht, weil wir jetzt spazieren gehen. Das Meer rauscht, der Wind ist heute ungewöhnlich stark und die Sonne scheint so wie gestern und morgen auch.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v.Vieregge
P.S. Wir werden die kommenden Tage nutzen, um nochmals Abu Dhabis Museen anzuschauen. Wer weiter das Gerücht verbreitet, in Abu Dhabi gäbe es nichts von Interesse, der ist schlicht uninformiert. Abu Dhabi ist ein musealer Hotspot geworden, nach Quantität und Qualität vielleicht auf engem Raum einmalig in der Welt: Zayed National Museum, Louvre Abu Dhabi, Natural History Museum, teamLabPhenomena, Abrahamic Family House. Fehlt nur noch, dass das Abu Dhabi Guggenheim Museum, der größte Guggenheim-Standort der Welt. geöffnet ist.
346/Februar 2026
Guten Tag,
Mariam Lau hat in der ZEIT vom 5. Februar 2026 ein lesenswertes Portrait über den AfD Co-Vorsitzenden Timo Chrupalla geschrieben. Darin berichtet sie, dass Chrupalla in Maischberger Talkshow das Wort „Metapher“ in etwas fragwürdigem Zusammenhang benutzte, worauf der frühere Sozialminister Heil zu seinem Diskussionspartner sagte: „Sie können das Wort Metapher ja nicht mal definieren.“
Mich würde interessieren, ob Hubertus Heil es inzwischen für geboten hält, sich bei Timo Chrupalla für sein Benehmen zu entschuldigen. Oder ob er findet, dies sei ein legitimer Beitrag zur Verteidigung unserer Demokratie. AfD- Menschen seien schließlich Feinde und nicht Gegner. Das Resultat solchen Verhaltens, schreibt Lau, ist Wut bei der AfD, die die Reihen in dieser eigentlich disparaten Partei geschlossen hält.
Heils Verhalten ist nur ein Beispiel für eine Brandmauer-Mentalität, die im persönlichen Umgang auf Arroganz setzt. Ist es nicht möglich, sich politisch zur AfD abzugrenzen, aber sich dabei aber im persönlichen Umgang anständig und fair zu verhalten, ganz so, wie man selber behandeln werden möchte? Das wäre meiner Meinung nach nicht nur ethisch geboten, sondern auch taktisch klug.
Mit herzlichen Grüßen
Henning von Vieregge
345/Februar 2026
Guten Tag,
Unter Demokratiegesichtspunkten kann es nicht nur eine Brandmauer geben, sondern die Demokratie mit ihrem Konzept einer offenen Gesellschaft ist nach allen Seiten zu schützen. Brandmauern sollten den Kernbestand der Demokratie bewahren. Sie sind nicht zu verwechseln mit roten Linien.
Die Verfassungsväter und – Mütter des Grundgesetzes wollten, dass die offene Gesellschaft sich nicht wehrlos ihren Feinden ausliefern muss. Jenseits der Grenzen der offenen Demokratie beginnt die Wehrhaftigkeit. Nicht nur der Nationalsozialismus, sondern auch der Stalinismus nach dem Kriege in den Nachbarländern der Sowjetunion und zuletzt Putin im Umgang mit dem Erbe von Gorbatschow und Jelzin liefern Beispiele eines solchen Vorgehens: erst formal einigermaßen korrekt, dann nach Eroberung der Schaltstellen nur noch machtbezogen und das zarte Pflänzchen Demokratie systematisch zertrampelnd.
Eine zu enge Definition von Demokratiefeinden steht andererseits im Gegensatz zum Konzept einer offenen Gesellschaft. Schlimmstenfalls wird Demokratie unter dem Vorwand beschädigt, sie zu schützen. Die Macht der Demokratiefeinde wird auf diesem Wege unfreiwillig erhöht. Die Diskussionen und Proteste um die Notstandsgesetze und um den Radikalenerlass bewegten sich genau auf dieser Gradwanderungnzwischen behaupteter Notwendigkeit von Wehrhaftigkeit und Demontage der Offenheit.
Nun liegt es nicht außerhalb jeder Fantasie, dass die Parteien das Argument der Demokratiefeindlichkeit ins Feld führen, wenn es um ihr Eigeninteresse geht. Das erschwert die Bewertung jeder definierten und praktizierten Brandmauer. Was ist Parteien -Interesse, was ist Demokratie-Schutz?
Es wäre wünschenswert, wenn bei einer Diskussion um Brandmauern der Blick über Parteiinteressen hinausginge und wenn ins Bewusstsein käme, dass es nicht nur um die Brandmauer nach einer Seite geht. Insofern ist der Vorschlag des Mainzer Historikers Andreas Rödder und seiner Mitstreiter bedenkenswert, von roten Linien statt von Brandmauern zu sprechen (https://denkfabrik-r21.de/brandmauer-durch-rote-linien-ersetzen/)
Rechter, linker und islamistischer Terror gefährden unsere Demokratie.Der Staat braucht seine Bürger, um diese Gefahren abzuwehren, mindestens einzudämmen.Gleichzeitig schützt uns eine Diskussion um die Grenzzziehung der Brandmauern und, davon abgesetzt, um die roten Linien der Parteien vor Ausgrenzung zum Schaden einer pluralen Gesellschaft.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
344/ Januar 2026
Guten Tag, den Leserinnen und Lesern dieser Zeilen meine Hochachtung, Im Gegenzug kann ich nur alle umlaufenden guten Wünsche für 2026 einsammeln und an Sie adressieren.
In der Lokalzeitung Mainzer Allgemeine erschien fast an meinem Geburtstag ein Beitrag über mich, der schon länger auf Halde gewesen war, was mich sechs Wochen zu morgendlich angespanntem Durchblättern des Lokalteils bewegte.Kommt er heute? Nein, wieder nicht. Vielleicht morgen?
Der Beitrag ist fair und gut geschrieben, danke an Eric Scherer, und somit lesenswert. Beim Foto im Garten hatte ich vergessen, meine Bücher mitzunehmen und vor die Brust zu halten. Aber vielleicht kam mir das auch ein bisschen zu viel des Guten vor.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
2025-12-30_Allgemeine_Zeitung_Mainz___Rheinhessen__Boomer__unter_die_Lupe_genommen
343/ Dezember 2025
Guten Tag, ich habe vor einigen Wochen einen Text zu den Schülerstreiks gegen Wehrpflicht geschrieben. Der war auch als Leserbrief gedacht.
In diesen Tagen sind die Schüler in den Ferien.
Damit ist Ruhe im Karton.
Damit scheint der Text erledigt.
Aber in wenigen Wochen geht der Krieg in der Ukraine ins vierte Jahr.
Und die Fragebögen zur Erfassung Freiwilliger zum Bundeswehrdienst werden ab Januar verschickt.
Dann könnte die Debatte in die zweite Runde gehen.
Und, falls das Wetter mitmacht, könnten die Streiks wieder aufflackern.
Deswegen grundsätzlicher: Die Regierung will 2026 zum Jahr der großen Reformen machen. Da wäre doch der Ausbau der jetzigen Beschlusslage ein schönes Beispiel. Einfach mal Mut haben und machen. Es gibt noch sehr viel mehr Themen. Aber da sind die Landtagswahlen, schon am 8. März in Baden-Württemberg, am 22. März in Rheinland-Pfalz und dann am 6. September in Sachsen-Anhalt, am 20. September in Berlin und Mecklenburg – Vorpommern, also fünfmal Aufregung und Ablenkung. Tagesgeschehen schlägt strukturelle Veränderungen. Und da sind die Blendraketen aus Washington oder Moskau oder Peking noch gar nicht einbezogen. (Hoffentlich bleiben es Blendraketen)
Ich schlage vor, und dieser Vorschlag ist weiß Gott nicht originell, einfach mal bei der eigenen Reformagenda zu bleiben. Stück für Stück erledigen.
Mit herzlichen Grüßen
Henning von Vieregge
Schülerstreiks gegen freiwilligen Dienst in der Bundeswehr
Die Bundeswehr soll wachsen. Dazu sollen Jugendliche gemustert werden, alle Männer, Frauen freiwillig. Offenbar soll auf diesem Weg die Bereitschaft, anschließend freiwillig einige Zeit (7-23 Monate) Soldat zu sein, geweckt werden. Der Wehrsold soll kräftig angehoben werden (2600 € brutto). Ob beides reicht, um den angesteuerten Aufwuchs zu erreichen, ist zweifelhaft.
Also wogegen richten sich die angekündigten Streiks der Schüler eigentlich? Ist die Mehrheit der Schüler wirklich der Meinung, unsere Demokratie, also alles, was unser Leben lebenswert macht, sollte im Zweifelsfall aufgegeben werden?
Russlands Krieg gegen die Ukraine hat uns gezeigt, dass die Aussetzung der Wehrpflicht bei gleichzeitiger Abschaffung des Zivildienstes ein Fehler war. Die jetzt beschlossenen Maßnahmen zur Stärkung der Bundeswehr sind merkwürdig halbherzig. Ebenso wäre eine Wiedereinführung der Wehrpflicht, der die neue Regelung den Weg bahnt, meines Erachtens unzureichend. Demokratie verteidigt man auch zivil. Richtig wäre deswegen die Einführung eines Gemeinschaftsjahres, eines Friedensdienstes mit und ohne Waffen. Würden sich Schülerstreiks auch gegen ein solches Pflichtjahr für alle wenden?
342/Dezember 2025
Guten Tag,
niemand bestreitet, dass eine Rentenreform für die Politik extrem unangenehm ist. Deswegen wird sie im Grundstz seit den Geburtszahlen der Babyboomer verschoben. Das Bild wurde von Jahrgang zu Jahrgang immer klarer, weil jederman sehen konnte, die Geburtenraten bewegten sich fast auf die Hälfte der Babyboomerzahlen.
Als der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm am 21. April 1986 den Slogan „Die Rente ist sicher“ eigenhändig plakatierte, musste jedem klar sein, die Rente ist nicht sicher. Beamte und Politiker ausgenommen. Denn mit dem höchsten Geburtsstand 1964 von 1,36 Millionen bei nachfolgendem Rückgang Jahr um Jahr auf nahezu die Hälfte (2024 ca. 677.000) war klar, da muss etwas geschehen. Es geschah aber (fast) nichts. Es wurde und wird im Gegenteil sogar bei den Leistungen draufgesattelt.
Die notwendigen Schritte werden unter Experten schon lange diskutiert. Ich plädiere für drei psychologisch wichtige Schritte:
– automatische Anpassung des Verrentungsszeitpunkts an die durchschnittliche Lebensdauer,
– Verteuerung des vorzeitigen Ausstiegs und
– Einbringen aller Neueinstellungen im öffentlichen Dienst in die BfA (plus Betriebsrente nach dem Vorbild großer Unternehmen) .
Jede Maßnahme löst heftige Proteste bei Parteien und Lobbygruppen aus. Das muss durchgestanden werden, dann können weitere Schritte folgen. Allerdings sollte die maximale Höhe der Rente nicht unterschritten werden. (Jung-CDUler: überlegt nochmals Eure Forderungen) Deutschland tut im EU – Vergleich wenig für seine Rentner.
Nach OECD Berechnungen liegt in Deutschland die sogenannten Netto – Ersatzrente bei 53 %, in Frankreich bei 66 %, in Polen bei 40 %, in Österreich bei 87 %, den Niederlanden bei 97 % und in der Schweiz bei 59 %. Das Renteneintrittsalter ist in Deutschland mit schrittweise 67 Jahren im Vergleich hoch. Vergleicht man allerdings durchschnittlichen Jahresarbeitszahlen, muss man feststellen, dass in Deutschland im Erwerbsleben im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich lange gearbeitet wird. Bei einem OECD Schnitt von 1752 Stunden rangiert Deutschland mit maximal 1349 Stunden unterdurchschnittlich. Vergleichbar ist die Arbeitszeit in Dänemark und Holland. Drei Faktoren nennt KI (Gemini): die hohe Teilzeitquote (ca. 29 %, eine der höchsten in der EU), der vergleichsweise umfangreiche bezahlte Urlaub samt Feiertagen und schließlich die tarifvertraglich vereinbarten geringen Wochenarbeitszeiten. Es wird sicher nicht einfach werden, die Bevölkerung dafür zu gewinnen, an diesen drei Stellschrauben zu drehen, wenn die Rentenhöhe erhalten werden soll.
Mit herzlichen Grüßen
Henning von Vieregge