Meine nächsten Termine
- 15.09.2026: BK Online Christian von Eiff
- 16.09.2026: ECAM Treffen Haarlem
355/ Juli, August
Guten Tag,
Fußballexperte Matthias Sammer rät der deutschen Nationalmannschaft, von der argentinischen Nationalmannschaft zu lernen. Offenbar geht er davon aus, dass die Rüpelart der Argentinier und einiger anderer Mannschaften bei der Weltmeisterschaft die Zukunft ist. Das Endspiel gegen Spanien war eine ununterbrochene Abfolge von Fouls und Theatralik bei angeblichen Fouls des Gegners. Nach Spielende wurde weiter gehauen und ein Schild hochgehalten, wonach Falkland zu Argentinien gehört. Spieler als politische Sendboten, strikt verboten und nicht geahndet. Der Schiedsrichter wurde ebenfalls gegen alle Regeln bei jeder Entscheidung von einem Trupp argentinischer Spieler umzingelt. Erlaubt ist, dass nur die beiden Kapitäne mit dem Schiedsrichter bei fraglichen Entscheidungen ihre Position vorbringen dürfen.
Was mich wundert: der Schiedsrichter (ebenso wie in vorherigen Spielen andere Schiedsrichter) ließ die Brutalisierung des Spiels, die sich deshalb steigerte und in regelrechte Keilereien insbesondere bei Ecken im Strafraum ausartete, zu wie ein Lamm unter wilden Tieren. Irgendwann gab es dann eine erste gelbe Karte, nach 40 Minuten viel zu spät, und irgendwann war eine gelb-rote Karte sehr zum Erstaunen der Argentinier, die sich zu wundern schienen, dass so etwas zulässig ist, unvermeidbar.
Könnte es sein, dass die Brutalisierung im Fußball und die zunehmende Regellosigkeit in der Kommunikation auf allen Ebenen der Gesellschaft bis hin zum amerikanischen Präsidenten einander bedingen? Für diesen Fall gibt es zwei Möglichkeiten: Es wird weiter gewütet und Regellosigkeit wird zur neuen Regel. Oder Es handelt sich um einen einmaligen Ausrutscher. Nötig sind dann aber auch Maßnahmen zur Regel-Einhaltung für eine Vielfalt ohne Wut und Häme. Im Netz und auf dem Feld. Auch eine Aufgabe für die hierzulande aktuell zu wenig wertgeschätzte Zivilgesellschaft; der Staat ist ebenso überfordert wie der DFB in seinem Zuständigkeitsbereich: Der Rückbau ist aufwendig, lang und mühselig, hier wie dort.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
353/Juni, Juli 2026
Guten Tag, passend zum Wetter ein Schwimmbad-Thema.
KI informiert, dass es zwischen 6000 und 6500 öffentliche Frei- und Hallenbäder gibt, 5 bis 6 Prozent verantwortlich von Bürgern geführt und betrieben werden.Das wären 300 bis 360 Schwimmbäder bundesweit in Vereinsregie. Ki konnte auch meine Anschlussfrage beantworten, nämlich wie viele dieser vereinsgeführten Schwimmbäder so wie das in Mainz ansässige Mombacher Schwimmbad geschlossen wären, wenn Bürger nicht gerettet hätten. Laut KI (Gemini) beträgt die Quote 70 Prozent.200 bis 250 Schwimmbäder würden nicht mehr existieren. Im Fall Mombach kommt eine Besonderheit hinzu. Hier handelt es sich um ein Freibad und ein Hallenbad. Hallenbäder sind aus Kostengründen kaum zu retten. Und noch eine Besonderheit der Mombacher: Das Olympiabecken wird in den kalten Monaten mit einer Traglufthalle überdacht.KI schätzt, dass es zehn bis 15 solcher Bäder gibt, „eine absolute Rarität“. Ein wichtiger Gesichtspunkt: Vereinsgeführte Bäder „arbeiten drastisch günstiger als städtische Bäder“. Gründe: Personal preiswerter, Öffnungszeiten flexibler,ebenso bei Reperaturen.Mombach spart die Stadt jährlich eine Million, soweit ich weiß.
In Ergänzung zu einem Interview in der hiesigen AZ mit dem Geschäftsführer des Bades und Vereinvorsitzenden in er Person Torsten Traxel schrieb ich den beigefügten Leserbrief aus der Perspektive eines dankbaren Nutzers. Der Text wurde (bisher) nichjt gedruckt
Es ist mehr als angebracht, Torsten Traxel und seinem Team vom Mombacher Schwimmbad zu danken. Und das gleich mehrfach.
Erstens dafür , dass der Mainzer Schwimmverein 2005/2006 das Schwimmbad von der Stadt übernommen hat, die es schließen wollte. Was für ein unternehmerischer Mut!
Zweitens können Berufstätige kurz nach sechs ins Wasser und somit pünktlich im Büro sein. Also in schwierigen Zeiten nicht weniger Service, sondern mehr. Spezial auch für Ältere die Wassergymnastik und für die Schulen die Möglichkeit zum Schwimmunterricht.
Drittens ist das Schwimmbad in seinen rot-weißen Farben, mit seinen Pflanzen, die wie der eigene Garten gepflegt werden, mit seiner Wasserqualität und vor allem mit der Freundlichkeit seiner Beschäftigten zusammen genommen ein kleines Wunder. Um das über Jahre zu bieten, braucht es ein hochmotiviertes Team. Danke dafür.
Und viertens fällt noch etwas im Vergleich auf: Torsten Traxel und seine Leute investieren Jahr um Jahr . Es gibt keine Verlotterung und keinen Stillstand . Leider muss man sagen, dass ist nicht selbstverständlich im öffentlichen Raum.
Alles zusammen ist das Mombacher Schwimmbad ein ausgesprochener Glücksfall für Mainz.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
352/Mai,Juni 2026
Guten Tag,
In der Nähe von Groningen liegt das Lager Westerbork. Über 100.000 Juden und einige 100 Sinti und Romas und Widerstandskämpfer wurden in diesem Durchgangslager gesammelt und von dort in die Vernichtung geschickt, zumeist nach Auschwitz oder Sobibor.
Am Beispiel der Etty Hillesum, die in Middelburg 1914 geboren wurde und 19 43 in Auschwitz ermordet wurde, zwischenzeitlich wie alle Juden im Durchgangslager Westerbork bei Groningen mit ihrer Familie gefangen war, lassen sich zwei Aspekte von Resilienz herausarbeiten.
Zum einen verortete sie Gott in sich und strengt sich an, ihn bei sich zu halten, ihn zu beschützen, um so stark zu bleiben. Um sich auf diese Weise nicht mit dem Morgen zu beschäftigen, sondern nur mit dem heute. „Ich ruhe mir selbst. Und jedes Selbst, das Allertiefste in mir, indem ich ruhe, nenne ich Gott.“ Und an anderer Stelle: „Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann im Voraus für nichts garantieren. Aber eines wird mir immer klarer: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns selbst. Das ist das Einzige, was wir in dieser Zeit bewahren können, und auch das Einzige, auf das es ankommt: ein kleines Stück von dir in uns selbst, Gott.“
Zum anderen:Resilienz stärkend ist der bewusste Rollenwechsel zum Chronisten. Das war bei Victor Klemperer so, der als Jude, verheiratet mit einer Nichtjüdin, nicht nur Tagebuch über die Zustände während des Krieges und der Verfolgung in Dresden schrieb , sondern sich auch noch speziell für Sprache im Einsatz für die totalitäre Herrschaft interessierte und dazu Materialien sammelte. Oder Sandor Marai ist zu nennen, der Ungar, der beschloss, sich beim Einmarsch der Russen für diese zu interessieren. Auch er erlebte die Zeit in einer Doppelrolle: als Schriftsteller, dem das Schreiben zunehmend erschwert wurde bis zum Beschluss, ins Exil zu gehen und andererseits als der Beobachter, der sich darum bemühte, das Geschehen vorurteilsfrei zu erleben und zu beschreiben .
Und nun also Etty Hillesum . Sie ist in einer Reihe mit den großen Tagebuchschreibern zu nennen.
Aber wenn sie doch widerständig war, warum hat sie dann nicht die Angebote von Freunden angenommen, auf die Flucht zu gehen oder unterzutauchen? Sie war sich sicher, dass ihre Aufzeichnungen Krieg und Verfolgung überstehen. Sie wollte ihre Familie und ihr Volk nicht im Stich lassen. Zitat: “ Ich möchte lange leben, um es später doch einmal erklären zu können, und wenn mir das nicht vergönnt ist, nun, dann wird es jemand anders tun, dann wird es jemand anderes mein Leben von dort an weiterleben, wo das meine unterbrochen wurde, und deshalb muss ich so gut, so vollkommen und so überzeugt wie möglich bis zum letzten Atemzug weiterleben, damit derjenige, der nach mir kommt, nicht wieder ganz vorne anfangen muss und es nicht mehr so schwer hat. Ist das nicht auch eine Tat für die Nachwelt.“
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
P.S. Die Tagebücher und Briefe sind bei C.H. Beck 2023 veröffentlicht. Zur Zeit ist eine sechsteilige Serie „Etty“ bei Arte abrufbar.
651/Mai 2026
Guten Tag,
Alle Kommentatoren hierzulande sind sich einig: Gerhard Schröder als Vermittler im Krieg Russlands gegen die Ukraine ist eine Schnapsidee von Wladimir Putin. Ich halte die Absage aber für vorschnell. Die Ukraine hätte ihrerseits einen Vermittler vorschlagen sollen. Da gibt es genug seriöse Namen, in Deutschland beispielsweise Wolfgang Ischinger. Dann gäbe es zwei Möglichkeiten: Putin zieht zurück und ist blamiert. Oder: Putin geht darauf ein, dann beginnt ein ernsthafter Prozess. Idee: Beide Vermittler müssen sich auf einen Vorschlag einigen. Zu dem äußern sich beide Kriegsparteien. Dieses Vorgehen kennt man aus festgefahrenen Tarifverhandlungen. Eine noch bessere Variante wäre, dass sich beide Kriegsparteien vorab öffentlich bereit erklären, den Schiedsspruch zu akzeptieren. So käme man zu einem Friedensschluss, der gesichtswahrend wäre.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
350/Mai 2026
Guten Tag, es fällt schon auf, dass zwei Minister im Merz – Kabinett durchgängig abgewatscht werden: die Ministerin Reiche und der Minister Weimer. Beide sind CDU und beide sind durch marktwirtschaftliche Orientierung (die Wirtschaftsministerin) und konservative Akzente in der Kulturpolitik (der Kulturminister) ein doppeltes Ärgernis. Die Wucht der Kritik aus den Medien und der Opposition im Bundestag lässt zwei gegenteilige Schlüsse zu: Die Minister sind ungeeignet und sollten abgelöst werden oder die Minister liefern überfällige Korrekturen in der Wirtschafts und Kulturpolitik und sind deswegen im Visier. Im zweiten Fall sollten CDU/CSU beide nachdrücklich stützen und verteidigen.
Warum Weimer der Demokratie meiner Meinung nach einen guten Dienst erwiesen hat, habe ich in einem Leserbrief an die ZEIT verdeutlicht, den die Zeit in der letzten Ausgabe übernommen hat. Hier ist er:
Geehrte Zuständige,
die faire Reportage über Wolfram Weimer bedarf einer Ergänzung. Vermutlich, ohne es zu wollen, hat Weimer mit seiner Entscheidung, drei Buchhandlungen nicht mit Preisgeld zu versehen, eine Entmystifizierung des Verfassungsschutzes vorgenommen. Geholfen hat der breite Protest der Kulturschaffenden gegen die Nutzung von Erkenntnissen dieser Behörde. Als Ergebnis dieser Debatte wird man die Verfassungsschutzbehörde nicht länger als Zweigstelle des Bundesverfassungsgerichts einstufen können. Der Dank gilt Wolfram Weimer.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v.Vieregge
349, April 2026
Guten Tag,
in der AZ, der Lokalzeitung in Mainz und Umgebung, fand ich heute einen Leserbrief von mir.
Es geht um das 1000 Euro Geschenk, das die Regierung der arbeitenden Bevölkerung versprochen hat. Der Trick dabei ist folgender: Sie geben eine Lokalrunde aus und gucken sich jemanden aus, der die Lokalrunde bezahlen soll. Sie haben nur die Idee gehabt. Zur Verwunderung der scheinbar großzügigen Geber melden sich nun die eigenen Beschäftigten. Und was ist mit uns? Und was ist mit uns, den Rentnern? Friedrich Merz, Lars Klingbeil, bitte melden.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Zwei Nachrichten führen zu einer Forderung. Nachricht eins: Die Bundesregierung ermöglicht den Arbeitgebern, steuerfrei bis zu 1000 € Kostenausgleich an die Beschäftigten zu geben. Nachricht zwei: Die Gesundheitsministerin stellt ihre Überlegungen zur Einsparung im Gesundheitssystem vor. Dabei trifft es insbesondere auch ältere Menschen, weil bestimmte medizinische Leistungen nicht mehr übernommen werden sollen und zudem die Gebühr für Medikamente deutlich erhöht werden soll. Vermutlich kommen noch weitere Belastungen hinzu. Während die Unternehmen darauf hinweisen, dass sie diese ihnen aufgezwungene Sonderleistung nicht oder nur teilweise zahlen können, fordern Vertreter der Beamten die Prämie in voller Höhe für alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst. An keiner Stelle ist bisher von den Rentnern die Rede. Treffen sie die Preiserhöhungen nicht? Oder werden sie vergessen, weil sie sich nicht als mächtige Lobbygruppe organisieren und Druck auf die politischen Entscheider ausüben können? Halten wir fest: Rentner sind von den Preiserhöhungen überdurchschnittlich betroffen. Sie sollten, gestaffelt nach der Höhe der Rente, ebenfalls einen Kostenausgleich erhalten. Wenn staatlicherseits gesagt wird, das könne man nicht finanzieren, dann ist die Forderung der gleichen Akteure, die Unternehmen sollten zahlen, eine schädliche Schnapsidee.