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Brief 97/ Juni 2015
Guten Tag, im Brief 96 habe ich geschrieben, dass beim Kirchentag die Beziehung Kirche zu Zivil- oder Bürgergesellschaft entschieden zu kurz gekommen ist. Anzufügen ist: im Widerspruch zu den Verlautbarungen vorab. Der gastgebende Bischof Frank Otfried July sagte (zitiert nach epd): “ Es soll das Signal ausgehen, dass die Kirchen sich in diese Gesellschaft einbringen und dass sich Christen nicht in Nischen zurückziehen. Wir sind Teil dieser Zivilgesellschaft und reden deshalb mit -in religiösen Fragen, Sozialfragen, Bildungsfragen, Kulturfragen.“ Kirche als Teil der Zivilgesellschaft- was heißt das und wie verträgt sich dies mit der Bewahrung der Besonderheit von Kirche? Darüber habe ich mir im nachstehenden Aufsatz einige Gedanken gemacht. Er erschien im Umfeld weiterer Beiträge im Wegweiser Bürgergesellschaft, zugänglich im Netz. (Nr.10/2015) http://www.buergergesellschaft.de/nl/
Mit herzlichem Gruß
Henning v. Vieregge
Das Salz der Erde: Kirche(n) in der lokalen Bürgergesellschaft
Warum Kirche sich stärker als bisher nach außen orientieren und insbesondere mit Organisationen und Personen der lokalen Zivil- und Bürgergesellschaft gemeinsame Sache machen sollte.
Der gewählte Titel dieses Beitrags verspricht mehr, das sei gleich eingeräumt, als eingelöst werden kann. Es handelt sich hier um einen Einstieg in einen geplanten längeren Text[1]. Überschrift und Untertitel bieten die Möglichkeit, das Vorhaben zu erläutern. Beginnen wir beim Salz der Erde.
1. Salz der Erde sein
„Für mich gibt es zwei Bilder in der Bergpredigt, die das Verhältnis der Kirche zur Welt gut beschreiben: das Licht auf dem Berg und das Salz der Erde. Wenn man nur versucht, sein Profil gegen die gesellschaftliche Entwicklung zu stärken, als erhabener Gegenentwurf auf dem Berg zu leuchten, dann ist das zu wenig. Das Salz der Erde übt seine Funktion genau dadurch aus, dass es nicht mehr als Salz erkennbar ist. Auch das ist der Auftrag der Kirche.““. So der katholische Theologe Eberhard Schockenhoff[2], der mich zum Titel dieses Beitrags anregte.
Kirche, die nur aus der Ferne wahrgenommen wird, und sei sie noch so erhaben, wird in Zeiten, in denen Kirchenmitgliedschaft und insbesondere aktive, sich mit der „Sache“ (d.h. mit dem Glaubensangebot) identifizierende Kirchenmitgliedschaft nicht mehr vererbt wird, geht zugrunde. Die Organisation, weil ihr die Mitglieder fehlen, der Glaube, weil ihr die Gemeinschaft sichernde Organisation fehlt. Kirche, die sich der Gesellschaft lediglich als gesellschaftlicher Problemlöser (Flüchtlinge!, Arme!) andient, ohne die Kirchenfernen einzubeziehen, funktioniert zwar als „Wärmestube der Republik“ (Gerhard Wegner), aber das ist es dann auch. Deswegen sind beide Bilder nicht als Gegensatz zu verstehen, sondern als Ergänzung, die jeweils ins Gleichwertigkeit zu bringen ist. Wobei die Aufgabe, Salz der Erde zu sein, aktuell mehr Gewicht haben sollte, meint Schockenhoff mit Blick auf seine katholische Kirche. Ich habe vor allem die evangelische Kirche im Blick und sehe in dieser Frage keine prinzipiellen Unterschiede: Die Ansicht, Kirche solle sich stärker zum Mitglied öffnen und diesem innerhalb der Kirche mehr Aufgaben und Verantwortung geben, ist einhellig, auch wenn die Schlüsse aus dieser Überzeugung nur zögerlich gezogen werden[3]. Die Forderung nach stärkerer Außenorientierung von Kirche, bei Kirchengemeinden bezogen auf ihr lokales Umfeld, ist schon weniger mehrheitsfähig, wie im Abschnitt 3 gezeigt wird. Das Bild, das Schockenhoff verwendet, geht aber noch weiter: Kirche soll Teil der Gesellschaft sein. Wie kann dies im Interesse der Kirche liegen? Es gibt darauf prinzipielle und aktuelle Antworten.
Katholische und evangelische Theologen, Theoretiker und Praktiker, finden Antwortimpulse seit einigen Jahren in der anglikanische Kirche, nachdem diese sich aus einer Finanzkrise heraus auf im Vergleich kühnen Reformkurs begeben hat [4], in dessen Zentrum Relevanzgewinn durch neue Formen der Glaubensvermittlung steht. Ausgangspunkt war die Frage nach dem „Wozu?“ von Kirche und der Analyse der Glaubenssituation. Der in Deutschland einflussreiche anglikanische Alt-Bischof John Finney spricht von „einer vierfachen Generationenfolge des Glaubenswandels“ [5].
Generation eins: Jeder und jede geht zur Kirche – jede und jeder kennt sozusagen die Basics. Da alle zur Kirche gehen, ist Kirche der Ort der Evangelisation – durch die Predigt.
Generation zwei: Die Eltern schicken ihre Kinder zur Kirche, aber sie selber gehen nicht mit.
Generation drei: Die Eltern haben ihre Kinder nicht mehr zur Kirche geschickt. In den achtziger und neunziger Jahren haben wir bei der Zahl der Kinder, die zur Kirche kam, einen starken Rückgang festgestellt. Außerdem erwiesen sich auch die großen missionarischen Kampagnen nicht mehr als effektiv. Wir sind dann zu Glaubenskursen übergegangen.
Generation vier: Niemand geht mehr zur Kirche und niemand weiß – und hat auch noch nie gewusst, um was es bei dem christlichen Glauben eigentlich geht – abgesehen von der kleinen Zahl der Gottesdienstbesucher.
Wenn Kirche zwar als „erhabener Gegenentwurf“ (Schockenhoff) noch wahrgenommen wird – z.B. als Bauwerk in der Mitte eines Dorfes, das aus traditionellen und kulturellen Gründen, das sehen auch die Kirchendistanzierten so, erhalten werden sollte- , aber nicht mehr als Salz in der Gesellschaft, namentlich der aktiven Bürgergesellschaft , um das Bild aus der Bergpredigt nochmals aufzugreifen, dann schwinden die Chancen auf die Zukunftsfähigkeit sowohl des Glaubens als auch der Kirche als Organisation. Wer zweifelt, dass die „Zukunft als religionsfreie Zone“[6], Wirklichkeit werden könnte, sei auf eine Aktion der Herbert-Quandt-Stiftung verwiesen. Unter dem Titel „ Auf der Suche nach dem Wir – Gefühl, begünstigende und hemmende Faktoren für bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg – Vorpommern[7]“ wurde 2013 eine Broschüre herausgegeben, in der die Ergebnisse einer intensiven Befragung von Bürgern in Mecklenburg-Vorpommern an vier Orten in acht Gesprächsrunden mit 81 in ehrenamtlichen Funktionen engagierten und nicht-engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie Experten geschildert werden.
Zur Kirche heißt es (S. 102): „80 % gehören keiner Konfession oder einer anderen Konfession an als der christlichen. Dementsprechend können sich die Diskussionsteilnehmer der acht Runden auch kaum zum Themenkreis Kirche und freiwilliges Engagement äußern – die vielfältigen Aktivitäten der Kirchen sind in der breiten Öffentlichkeit offenbar wenig bekannt….Insoweit wird ihnen auch nicht zugetraut, in der breiten Öffentlichkeit Zeichen für mehr gesellschaftliches Engagement zu setzen. Von einigen der Teilnehmer wird das bedauert:“
Lassen wir dahingestellt, ob diese Feststellungen hinreichend abgesichert sind. Sie zeigen jedenfalls, dass Finneys „Generation 4“ keine realitätsfremde Vision ist. Wer verhindern will, dass sie Mainstream wird, muss handeln.
Es reicht nicht mehr, die Türen der Kirchengemeinden weit zu öffnen. Es reicht auch nicht, wenn die bekennenden Christen mal ausschwärmen. Notwendig ist die konsequente Öffnung gerade gegenüber den Menschen, die mit Kirche und Glauben wenig oder gar nichts anfangen können, sich aber sinnvoll betätigen möchten. Bindung entsteht durch gemeinsames Tun. Ein solches Vorgehen hat nicht in erster Linie den Staat, dessen Repräsentanten und dessen Verwaltung, im Auge, sondern den bisher fremden, vielleicht auch fremdelnden Nachbarn. Es geht um seine Interessen. Sieht man sich Umfragen unter den Kirchenmitgliedern beider großer Kirchen zum Thema Zivilgesellschaft an, kann man mit Rupert Graf Strachwitz zu dem Fazit kommen, dass „Kirche in ihren Mitgliedern in der Zivilgesellschaft angekommen zu sein scheint[8].“ Allerdings gilt auch, wie Strachwitz detailliert ausführt, dass die Kirchen aus langer gewachsener Tradition „in vielerlei Hinsicht wie öffentlich-rechtliche Gebietskörperschaften (handeln), ohne solche zu sein und ohne über eine vergleichbare demokratische Legitimation zu verfügen[9].“ Heute seien zwar „Bekenntnisse deutscher Kirchenvertreter zur Zivilgesellschaft Ausnahmen[10]“, aber andererseits sieht Strachwitz „die großen Kirchen …auf dem Weg zu einem zivilgesellschaftlichen Selbstverständnis[11].“
Klaus Dörners Buchtitel „Leben und Sterben, wo ich hingehöre“ [12]bringt die Diskussion um lokales Engagement in Zeiten des demografischen Wandels gut auf den Punkt. Der Autor beschreibt den gewachsenen Gegensatz von Bürgerwunsch und Realität, bewirkt durch den Wohlfahrtsstaat : die Verbringung alt und krank gewordener Menschen in Heime und das Sterben in Krankenhäusern entspricht ganz überwiegend nicht den Wünschen der Betroffenen. Das müsse verändert werden. Die Chancen dazu seien in den letzten Jahren gewachsen und würden weiter wachsen. Da aber Familien und Staat als unterstützende Instanzen schwächer werden, sei diakonisches Engagement in der Nachbarschaft zunehmend gefordert.
Das Konzept einer Bürger- und Zivilgesellschaft geht räumlich und inhaltlich über diesen Ansatz hinaus. Herausgearbeitet wurde die eigene Handlungslogik der durch überwiegend freiwilliges und kostenloses Geben von Zeit und Kompetenz charakterisierten „dritten Arena“ Zivilgesellschaft[13] (neben Staat und Wirtschaft). Die Befürworter einer stärkeren Bürger- und Zivilgesellschaft ( neben den Genannten u.a. Roth 2011, Embacher 2012 , Krüger/Sittler 2011)[14] setzen darauf, dass Bürgerengagement einzelne Institutionen und in der Summe die Gesellschaft lebenswerter macht.
Die vom Berliner Städtebauministerium geförderte ökumenische Aktion – vielleicht besser Themenplattform zu nennen- ¨Kirche findet Stadt¨[15] zeigt, dass sich in beiden Kirchen Kräfte regen, die die Anschlussfähigkeit an diese Debatte suchen. Es geht auch hier vor allem um den nachbarlichen Sozialraum, das Quartier, den Stadtteil[16]. Treibende Kräfte kommen aus den beiden Wohlfahrtsverbänden der Kirchen, Diakonie und Caritas, die der Wiederverknüpfung von Mission und Diakonie im nachbarschaftlichen Handeln in einem neuen Mix von Haupt- und Ehrenamtlichen das Wort reden. Dieser Weg ist schwierig und heute eher Wunschbild als Realität.[17] Stärkere Außenorientierung ist demgegenüber ein weitergehendes Wunschbild und Handeln nach dem Konzept von Corporate Social Responsibility (CSR) geht nochmals darüber hinaus.
Aufschlussreich ist eine Initiative der Nordkirche. Sie, 2013 für drei Jahre gestartet, Vorarbeiten seit 2011, heißt „Stadt mitgestalten – Initiative zur Stärkung kirchlicher Arbeit in der Stadt“. Die Leitung liegt bei Frank Düchting, im Hauptberuf Studienleiter der evangelischen Akademie der Nordkirche[18].
Wenngleich die Initiative auch mit den Mitteln von Flyern, Tagungen, Broschüren mit Praxisbeispielen und einer eigenen Homepage[19] arbeitet, so sieht Düchting doch in der Direktkommunikation die aussichtsreichste Vorgehensweise. Er spricht von aufsuchender, aktivierender Befragung, was heißen soll: „Schlüsselpersonen und – gemeinden identifizieren, Beziehungen herstellen und die Problemlagen der Menschen in der Stadt gemeinsam bearbeiten.“[20] Von den 130 Gemeinden sollen diejenigen, die bereits in der Stadt aktiv sind, visitiert und bestärkt werden. Unterschieden wird Stadtteil -kulturell, ökologisch – nachhaltig, sozialdiakonisch, interreligiös und politisch – gesellschaftlich. Die so in ihrer Außenorientierung unterschiedlich ausgerichteten Kirchengemeinden sollen in Cluster gebracht werden und damit in einen Austausch. Düchting geht davon aus, dass sich etwa 30 % aller Gemeinden von einem „der Stadt zugewandten Kirchenbild“ leiten lassen. “ Die anderen ca. 70 % sähen „Kirche eher als ein Gegenüber zur Stadt, als religiösen und spirituellen Ort der Gemeinschaft. Allenfalls sind diese Gemeinden diakonisch – caritativ unterwegs.“ Das ist es wieder, das „Licht auf dem Berg“!
Außenorientierung von Kirchengemeinden gehört seit jeher zu den Kernaufgaben, aber es fehle der Kirche doch, ergänzend zu Seelsorge und Verkündigung, an Kontextkompetenz, „einer Kompetenz für das aktive sich Einlassen auf die jeweilige Umgebung“. Ob eine Gemeinde außenorientiert ist oder nicht, lässt sich an Erkennungsmerkmalen herausfinden, die aus der Praxis heraus definiert wurden und werden[21]. Dabei geht um drei Suchbewegungen: Hat die Gemeinde (Pastor, KV, Haupt- und Ehrenamtliche) Kontakte in den Stadtteil hinein?[22] Hat die Gemeinde ein Leitbild, ein Konzept o.ä., welches Kirche für Andere oder mit Anderen als erstrebenswert beschreibt? Hat die Gemeinde zu dieser reklamierten Ausrichtung eine theologische und kirchliche Begründung erstellt und veröffentlicht?
Eine weitere eigenständige Kriteriensammlung, auf die die Hamburger Bezug nehmen, liefert Paul Hermann Zellfelder[23] Er unterscheidet sechs Formen gesellschaftsdiakonischen Engagements von Gemeinden: Raum geben, Forum sein, Partei ergreifen, institutionelles Engagement betreiben, Netzwerk bilden und Position beziehen. Zellfelder ergänzte jede der hier aufgeführten Engagementformen mit Beispielshinweisen. Im Sinne der beschriebenen aktivierenden Initiative handelt es sich bei allen aufgeführten Merkmalen gleichermaßen um vorfindbare wie auch um wünschenswerte Charakteristika einer Kirchengemeinde.
Es soll dafür plädiert werden, das Eigeninteresse der Kirche mit der Forderung nach mehr Außenorientierung zu verbinden. Bei Unternehmen scheint es nicht schwer zu sein, das Eigeninteresse zu bestimmen: Das Unternehmen soll heute und in der Zukunft profitabel arbeiten, dann wird es Bestand haben. Bei der Kirche geht es um die Zukunftsfähigkeit von Glauben und Organisation, die sich wechselseitig bedingen. Bei dieser Formulierung ist klar, dass die kirchliche Organisation kein Selbstzweck ist (und schon gar nicht in der bestehenden Ausformung), aber Glauben ohne Organisation überlebt nicht. Die genauere Formulierung des Eigeninteresses sei der vertiefenden Diskussion überlassen; es sollte ihr aber nicht ausgewichen werden.[24]. Sie ist hier in den Argumenten pro Außenorientierung und diese vor allem ausgerichtet auf die Arena Zivilgesellschaft umrissen.
Warum wäre der Verzicht auf die Bestimmung des Eigeninteresses von Kirche in all ihren organisatorischen Gliederungen und Einheiten ein Fehler? Die Antwort findet sich in der Übernahme oder Analogie des Corporate Social Responsibility (CSR) Konzepts in der Version von Mark Kramer und Michael Porter[25] Ihnen folgend ist es gerade die Verbindung von Eigen- und Gemeinwohlinteresse , die den Wandel vom halbherzigen zum vollen Akteur von CSR bewirkt, weil nur so Unternehmen gesellschaftliches Engagement, „nicht länger defensiv formulieren, das heißt als moralische Sondersteuer für tatsächliche oder vermeintliche Sünden“, sondern als „eine Art Kuppelproduktion von unternehmerischem und gesellschaftlichem Nutzen“[26] verstehen.
Unternehmen, die nur ihrem Eigeninteresse folgen, betreiben nicht CSR, sondern PR und Marketing in verschleierndem Gewand, „Zuckerguß-Caritas“, wie es Maritta Koch-Weser von Earth 3000 nennt[27]. Fehlendes Eigeninteresse beschränkt andererseits die Wirksamkeit, der Akteur sieht sich von Dritten (z.B. dem Staat per Gesetz) zu CSR Aktivitäten gefordert und fordert sich nicht selbst. Kuppelproduktion heißt also: Kirchen sollen machen, was sie besonders gut können, und dies aber, ohne Eigennutz zum alleinigen Maßstab der Berechtigung und Wirksamkeit zu erheben. Für eine Kirchengemeinde geht es also um die Verbindung von Eigen- und Gemeinwohlinteresse, Kirche für Andere ist auch Kirche für sich. Hier verbinden sich die beiden Bilder aus der Bergpredigt zu einer Synthese.
Kirche, die sich voll auf die Bürgergesellschaft einlässt, kann ihre Einflussgruppen – die weit über die Kirchenmitglieder hinausreichen- tatsächlich und glaubwürdig erreichen. Es geht um die verbesserten Chancen der Wahrnehmung, der Relevanzzuschreibung und des Reputationsgewinns im schwieriger gewordenen Wettbewerb. Voraussetzung ist natürlich, dass die eigene Klientel sich von der Vorstellung löst, „die Gesellschaft sei so säkular, dass man religiöse Anliegen in ihr überhaupt nicht artikulieren könne.“[28] Cornelia Coenen-Marx ist unter Hinweis auf die jüngste Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung der EKD der Auffassung, „dass das Engagement im kirchlichen Kontext eine Chance bietet“[29]. Bürgerschaftliches Engagement könnte also beiden helfen, der Bürgergesellschaft vor Ort, dem einzelnen Bürger, und der Kirche vor Ort, der Kirchengemeinde und ihrem Mitglied. Freilich: Die Nutzenvorstellung eines Engagements in der Gesellschaft, bei der Institution und Person auf den christlichen Prägestempel verzichten[30], auf die Führung ohnehin, ist erklärungs- und gewöhnungsbedürftig. Wer diesen Weg, das sei hier nochmals unterstrichen, für einen Aufruf zum Nur-Sozialengagement mit dem Absender Kirche hält, hat den Ansatz nicht verstanden. Es ist gerade das religiöse Eigeninteresse, das den Wert von Kirche und Religion als „Kosmos kreativen Eigensinns[31]“ ausmacht. Auf den Punkt gebracht: „Zivilgesellschaftliche Leistungsfähigkeit hängt von der Stärke religiöser Kommunikation ab“[32]. Wenn die skizzierte Entwicklung für Kirche und Gesellschaft zutrifft, ist dieser Weg, der empirisch kein Neuland sondern vielfach eingeschlagen ist, jetzt verstärkt zu erproben. Was auf den verschiedenen Ebenen von Kirche zur Ermutigung getan werden muss, ist innerkirchlich zu diskutieren. Aber emotionaler Rückhalt für die Veränderer durch Kirchenleitung, wie ihn der zitierte anglikanische Bischof John Finney so trefflich beschreibt, gehört in jedem Fall dazu, : „Und wenn ich heute eine Pfarrei besuche, dann stelle ich auch immer die Frage: Was probiert ihr denn heute gerade aus?“ [33].
Verstärktes Engagement von Kirche in der Zivilgesellschaft sollte von der Ausnahme zum Mehrheitsweg werden – zum Vorteil von Kirche und Gesellschaft gleichermaßen.
[1] Es handelt sich um ein mit dem Berliner Maecenata-Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft abgestimmtes Einzelforschervorhaben unter dem Richtungsstitel „Kirche und Zivilgesellschaft“. Es wird vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD, Hannover, seit 2014 unterstützt. Ich stehe mit zwei angehenden Theologen, Juliane Rupp und Adrian Schleifenbaum (beide Heidelberg) im Diskussionsverbund. Sie haben im empirischen Teil abgestimmt auf die gleichen EKHN-Kirchengemeinden ihre theologischen Examensarbeiten verfasst.
[2] So in einem Interview in Christ und Welt Nr.14/2015
[3] Ein Beispiel: Gemeinden, die Theologen aus eigenen Spenden finanzieren, sollen diese nicht Pastoren nennen dürfen. Angebote dieser Gemeinden, gemeinsam mit der Kirchenleitung ein Anerkennungsprocedere zu erarbeiten, werden nicht aufgegriffen. Dabei wird es auch in Deutschland zukünftig, im Grunde schon heute, nicht ohne ehrenamtliche oder halb ehrenamtliche Pastoren gehen, will man lokale Präsenz nicht weiter verringern..Vergl. auch Henning von Vieregge, „Ehrenamt verändert Kirche- Konsequenzen eines Paradigmenwechsels, in: e Newsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 7/2013 vom 26.4.2013
[4] Die Literatur dazu ist so umfangreich wie die Besuche, zu denen bemerkt wurde, die Deutschen sollten endlich ihre eigenen missionarischen Hausaufgaben machen und aufhören, die englischen Gemeinden mit ständigen Besuchsreisen von der Arbeit abzuhalten. Dem Greifswalder Theologen Michael Herbst, Wachsende Kirche, Wie Gemeinden den Weg zu postmodernen Menschen finden kann, Gießen 2008, kommt das Verdienst zu, als einer der Ersten das Thema aufgegriffen zu haben. Zum aktuellen Stand vergl.. Philipp Elhaus, Christian Hennecke, Dirk Stelter, Dagmar Stoltmann-Lukas (Hrsg.), Kirche², Eine ökumenische Vision, Würzburg 2013
[5] in Fresh Expressions, Anglikanische Antworten in postmodernen Kirchensituationen, abgedruckt bei Philip Elhaus, Christian Hennecke (Herausgeber) Gottessehnsucht in der Stadt, Auf der Suche nach Gemeinden für morgen Würzburg 2011 Dieser Abschnitt weitgehend wörtlich übernommen (S. 96f.)
[6] So die Überschrift im Sonntagsblatt, der Evangelischen Wochenzeitung für Bayern vom 16.3. 2014 in einem Beitrag über die EKD-Mitgliedsstudie „Engagement und Indifferenz“, Hannover 2014
[7] Es handelt sich um eine Eigenbroschüre der Herbert Quandt-Stiftung Bad Homburg. Die Untersuchung führte im Auftrag der Stiftung infratest dimap durch. Den Text schrieb Uwe Meergans
[8] Rupert Graf Strachwitz, Kirchen auf dem Weg in die Zivilgesellschaft, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen Nr.1/ 2015 S. 35 mit Verweisen
[9] Ebd. S.32
[10] Ebd. 29
[11] Ebd.35
[12] Neumünster 2007, ders, Helfensbedürftig – Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert, Neumünster 2012,
[13] So Rupert Graf Strachwitz,, Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement: Kultur- und ideengeschichtliche Anmerkungen zu zwei Seiten einer Medaille; in: Johannes Goldenstein (Hrsg.), Kompetenz und Konkurrenz – Haupt- und Ehrenamtliche in kirchlicher Verantwortung. Loccum 2013: Evang. Akademie (Loccumer Protokolle, Bd. 07/12), S. 69 – 82, ; ders. Achtung vor dem Bürger, Freiburg 2014
[14] Roland Roth, Bürgermacht, Eine Streitschrift für mehr Partizipation, Hamburg 2011, Serge Embacher, Baustelle Demokratie, Hamburg 2012, Roland Krüger, Loring Sittler, Wir brauchen Euch! Wie sich die Generation 50 Plus engagieren und verwirklichen kann , HH 2011,
[15] Mehr dazu bei http://www.kirche-findet-stadt.de/
[16] Auf die unterschiedlich gepushten Begriffe von Städteplanern und beiden Kirchen gehe ich an dieser Stelle nicht ein. Für die evangelische Position exemplarisch Martin Horstmann, Elke Neuhausen, Mutig mittendrin, Gemeinwesendiakonie in Deutschland, Eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Berlin 2010 sowie Martin Horstmann, Heike Park, Gott im Gemeinwesen, Sozialkapitalbildung in Kirchengemeinden, Berlin 2014. Den Blick auf die Region lenkt auftragsgemäß das (EKD) Zentrum für Mission in der Region(ZMiR). Christian Ebert, Hans-Hermann Pompe (Hrsg.), Handbuch Kirche und Regionalentwicklung, Leipzig 2014
[17] So berichtet Frank Düchting:“ Natürlich frage ich auch diakonische Akteure danach, wie sie in der Beratung, in der Pflege oder in der Unterstützungsarbeit stadtteilorientiert arbeiten können. Wenn es ganz gut geht – und das ist in meinen Gesprächen bisher die absolute Ausnahme – dann arbeiten Kirchengemeinden und Diakonische Einrichtungen im und für den Stadtteil eng zusammen.“ (Düchting, (2013)
[18] Mir ist bewusst, dass auch aus anderen Teilkirchen Aktivitäten in diesem Themenfeld stattfinden, aber diese Aktion ist gut dokumentiert und ich danke Frank Düchting für seine Unterstützung..
[19] http://www.stadtmitgestalten.de/
[20] Zitiert aus dem Vortrag Düchtings bei einer Strategietagung der Aktionskirche findet Stadt am 17.9.2013 im Bundesbauministerium, Berlin, nachzulesen http://www.akademie-nek.de/h/die_stadt_mitgestalten_107.php unter „Die Stadt mitgestalten“ (Zugriff 7.5.2015) Auch die nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Vortrag.
[21] Zitiert aus einem internes Paper der Initiative mit der Überschrift „Gemeinde im Quartier-Erkennungsmerkmale“
[22] Die „aktiven Kontakte“ werden spezifiziert:
[23] Paul Hermann Zellfelder, gesellschaftsdiakonischen Bedeutung von Kirchengemeinden, in Volker Hermann /Martin Horstmann (Hrsg.), Wichern III – Gemeinwesendiakonische Impulse, Neukirchen 2010, S. 66-75, hier S.70
[24] Es wäre schade, wenn diese Diskussion unterbliebe, weil sie mit dem Hinweis auf die auftragsgemäße Rolle der Kirche (= Gottes-und Nächstenliebe) zugedeckt wird. Entsprechend soll dann Kontextorientierung zum Selbstverständnis einer Gemeinde gehören und keineswegs mit Marketing oder Mitgliedergewinnung (Mission) von Kirche zusammengebracht werden. So Frank Düchting, Auftrag zur Bewährung, Ms 8 S., Mai 2015 S1, 4
[25] Der Shared-Value-Ansatz stammt von den Harvard-Wissenschaftlern
Michael Porter und Mark Kramer. Harvard Business Review 12/2006 Mehr dazu bei https://hbr.org/2006/12/strategy-and-society-the-link-between-competitive-advantage-and-corporate-social-responsibility (Zugriff 7.5.2015)
[26] Frank Trümper, Perspektive Zivilgesellschaft, Gesellschaftliche Verantwortung als
kollektiver Lernprozess, in Michael Wedell (Hrsg.), Die Bank in der Gesellschaft,
Das Engagement der Dresdner Bank, Frankfurt 2009, S.45
[27] Maritta Koch-Weser zit. nach Henning von Vieregge, Der Ruhestand kommt später, Frankfurt 2012, S. 231
[28] Karl Gabriel, Kirchen zwischen Institution und Bewegung, in : Forschungsjournal Soziale Bewegungen Nr. 1/2015 S.22
[29] Cornelia Coenen-Marx, Engagement und Berufung: Die Kirchen als profilierte Bündnispartner in der Zivilgesellschaft, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1/2015, hier zit. nach Ms. S.6S. 6
[30] Gabriel (Anm.33. S. 22) spricht vom notwendigen Verzicht auf „eine Sonderrolle jenseits der Zivilgesellschaft las Letztgaranten und Wächter der gesellschaftlichen Totalität, als Träger einer die Gesellschaft als Ganzer integrierenden Zivilreligion.“
[31] Gerhard Wegner, Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung, Leipzig 2014 S.10
[32] Wegner (Anm.32) S.7
[33] Was auf den verschiedenen Ebenen von Kirche zur Ermutigung getan werden muss, kann hier nicht diskutiert werden., Aber emotionaler Rückhalt von Veränderern durch Kirchenleitung gehört in jedem Fall dazu, wie es John Finney so schön beschreibt: „Und wenn ich heute eine Pfarrei besuche, dann stelle ich auch immer die Frage: Was probiert ihr denn heute gerade aus?“ Finney (Anm.5 ), S.99
Brief 96/ Juni 2015
Guten Tag,
auf dem wieder interessanten Kirchentag in Stuttgart (4.-7. Juni) spielte das Thema Zivilgesellschaft im Verhältnis zu Staat und Wirtschaft keine zentrale Rolle. Zu diesem zentralen Zukunftsthema versagt der Kirchentag als Seismograph. Dabei arbeiten in der Engagementpraxis viele kirchlich gebundene und ungebundene Menschen an den Schnittstellen zwischen Kirche und Zivilgesellschaft. Sie sind Beleg für die Notwendigkeit einer ordnenden und gleichzeitig weiter aktivierenden Debatte. Der Wettbewerb um engagementwillige Bürger nimmt zu. Die Repräsentanten des Staates betonen, dass wachsende Herausforderungen (Flüchtlinge, demografischer Wandel etc.) ohne Erhalt und Ausbau bürgerschaftlichen Engagements überhaupt nicht zu Chancen werden können. Ohne dieses Engagement wären aus den Herausforderungen schon längst drängende, wenn nicht unlösbare Probleme geworden.
Als Ausnahme von der weitgehenden Nichtbeachtung kam bürgerschaftliches Engagement im Zentrum Älterwerden vor. Das könnte damit zu tun haben, dass die Generation der fitten Alten bei diesem Thema besonders aktiv ist und noch aktiver sein könnte, denn schließlich haben sie reichlich Zeit, Geld und Kompetenz. Die vorbereitende Arbeitsgruppe (Leitung: Jens Peter Kruse) sorgte dafür, dass die maßgebliche Akteure der im Abschluss befindlichen Alten- und Engagementberichte der Bundesregierung frühzeitig eingebunden wurden. Noch spannender wäre der Schulterschluss mit den Aktiven des Zentrum Gemeinde gewesen, aber die Reformer innerhalb der Kirche waren wie bei früheren Kirchentagen wieder an den äußeren Rand der Kirchentagsorte verbannt worden, dieses Mal nach Zuffenhausen.
Addiert man beide zentralen Fragestellungen der Zentren Älterwerden und Gemeinde aus Kirchensicht , stellt sich die verbindende Frage: Offener zur Gesellschaft und verwurzelter im Glauben, wie soll das gehen?
Für den katholischen Priester und Autor Christian Hennecke (Hildesheim), auf dem Kirchentag mehrfach aktiv, ist die Sache klar: „Da wo diese beiden Akzente, dieses Dienen in der Welt, das’Mit-den-Menschen-Sein‘ und das ‚Mit-Christus-Sein‘, sich ereignen, da, glaube ich, haben wir große Chancen.“ Hoffen wir, dass dieser Aussage auf den kommenden Kirchentagen, den katholischen und den evangelischen, und im Lutherjahr 2017 mit Ernsthaftigkeit nachgespürt wird, theoretisch und empirisch.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Nachtrag: Der SPIEGEL (Nr.24/2015, S.40 f) berichtet über den Kirchentag. Zentrale Aussage: Es sei „unklar,ob die Grünen die Protestanten gekapert haben – oder die Protestanten einen wesentlichen Teil der Grünen…Die Frage ist, ob es Kirche auf Dauer gut bekommt, wenn sie sich in eine Vorfeldorganisation der Grünen verwandelt„. Das ist SPIEGEL-Argumentation: Was eben noch unklar war, ist einige Sätze später klar und schon wird aus Differenziertheit floppige Einseitigkeit. Kritikwürdigkeit an der engen Beziehung Kirchentag-Kirche zu Grünen wird weiter dadurch suggeriert, dass an diezweite Aussage unmittelbar die Austrittszahlen gehängt werden, als ob es eine kausale Beziehung zwischen (angeblicher) Grünenabhängigkeit und tatsächlicher Kirchenmitgliederentwicklung gäbe. Das ist natürlich Unsinn. Richtig an dem Beitrag scheint mir zu sein, dass die Grünen bei den jetzt die Hebel der Macht haltenden Babyboomern kultureller Mainstream sind . Unbestrittene Dominanzfigur des Mainstreams ist Margot Käßmann. Ihre Einlassungen, auch die Predigten, so in der Bibelarbeit beim Kirchentag, spiegeln blanken Kulturpopulismus mit vorhersagbaren Ausfällen: pro Griechenland, contra Militär, Banken, Machtträgern der Wirtschaft etc. Dazu wurde ein süßes Enkelkind hinter das Rednerpult platziert und der Saal bebte vor Begeisterung. Der Traum von einer anspruchsvollen, weil sich den Widersprüchen und der Komplexität modernen Lebens ausliefernden Kirche, der unter Wolfgang Huber Realität zu werden schien, ist nun wieder ausgeträumt angesichts der Popularität einer Führungsfigur, die sich von jeglicher zügelnder Verantwortung durch ihren Rücktritt vom Bischofs- und EKD-Amt befreit hat. Das Vorurteil gegen führende Vertreter des Protestantismus, sie sähen in Leistungsträgern der Gesellschaft nur die Kühe, die zu melken aber nicht zu füttern sind, erlebt sein Revival. Polemisch zugespitzt: Am besten wären alle in der Situation von Pfarrern: das Geld kommt von der Steuer und alle Beschäftigten im Beamtenglück.
In der Rückschau zum Kirchentag merkt Loring Sittler, Generali Zukunftsfonds und in der Vorbereitungsgruppe Älterwerden, zweierlei an:
1. Für das auch von der Presse so wahrgenommene „Schaulaufen der Politprominenz“ müsste sich der Kirchentag zu schade sein. Die Annahme, dass nur die Promis die Gäste anziehen, kann als widerlegt gelten. Die Leute sind an Themen interessiert.
2. Es muss allen Akteuren wesentlich deutlicher als bisher der geistliche Bezug als Aufgabe vermittelt werden – und die konkrete Nachfrage bei den Veranstaltungen, was das Erörterte für die konkrete Gemeindearbeit und/oder den Einzelnen zur Folge hat.
Beide Bemerkungen teile ich
Brief 95/Mai 2015
Guten Tag,
es folgt ein Beitrag im Rotary Magazin 3/15 , der echt Verdruss brachte: Leserbriefe und Zuschriften von großer Verärgerung. Der Versuch, für Vielfalt bei Rotary mindestens dort, wo dies möglich ist, weil der nächste Club nicht weit ist, zu werben, also für gemischte Clubs, reine Herren- und -neu!- reine Frauenclubs, scheiterte nachdrücklich. Mann und Frau in einem Club, das ist nun Mainstream und Ende der Diskussion. Der Hinweis auf Pluralität verärgerte als Trickserei.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Hier ist der Beitrag:
Die Debatte um Geschlechtermix hat seit einigen Jahren Rotary mit voller Wucht erreicht: Frauen in die Clubs, heißt die Devise. Governors und andere hochgestellte rotarische Persönlichkeiten werben für ein Ende eines rein männlichen rotarischen Clublebens. Bei Distriktkonferenzen berichten Präsidenten, wie es gelang, den Widerstand in ihren Clubs zu brechen oder zu umgehen und wie glücklich nun alle sind mit der inkorporierten Weiblichkeit. Taktische Fragen nehmen Raum ein: Wie hoch sollte das Quorum sein, wenn die Frage nach der Öffnung auf der Agenda steht? Sollte man einen breiten Meinungsbildungsprozess anstoßen und am Ende abstimmen oder ist es aussichtsreicher, das Thema überfallartig in die Entscheidung zu bringen? Wie soll man mit Austrittsdrohungen im Falle des Falles umgehen? Wie sind die Erfahrungen: Werden die Drohungen wahr gemacht oder erweisen sich die Opponenten hernach als die größten Charmeure? (wie auch berichtet wird). Ich habe diese Debatten aufmerksam verfolgt und dem Governor bei seinem jährlichen Besuch zugenickt, wenn er (oder sie) an die besagte Stelle kam. Ich habe, zusammen mit anderen, in meinem Club immer mal wieder einen Anlauf genommen, ebenfalls einen solchen Öffnungsbeschluss zu erwirken. Wir kamen uns vor wie die Jungtürken, nur erfolgloser. Zuletzt diskutierten wir das Thema im Club, als der immerhin zweitälteste Club in Deutschland, der RC Frankfurt, beschloss, zukünftig auch Frauen aufzunehmen, jetzt also auch der! Ich schlug in meinem Club vor, die Frage künftig als prinzipielle von der Agenda zu nehmen und den Aufnahmeausschuss im Einzelfall unabhängig vom Geschlecht prüfen zu lassen.
Widerspruchsgeist
Ich gebe zu, die List war zu durchschaubar, um eine Mehrheit zu finden. Ein rotarischer Freund machte einen geschickteren Vorschlag: Wir sollten uns ein Moratorium von fünf Jahren geben, in denen wir über diese Frage nicht mehr reden wollen, und nach den fünf Jahren würden wir uns dann aus der bisherigen nur männlichen Wirklichkeit langsam ausschleichen. Ob dieser Vorschlag, der viel mündliche Zustimmung erhielt, nun letzten Endes angenommen wurde oder nicht, bleibt im Dunkeln rotarischer Beschlussfassung; es wurde hierüber nicht abgestimmt und auch nichts protokolliert, wenn ich es recht entsinne, und somit kann sich jemand in von heute an gerechnet vier Jahren darauf beziehen oder auch nicht.
So weiß niemand, grundsätzlich ja ohnehin nicht, aber auch nicht zur konkreten Thematik, was die Zukunft bringt. Ich muss befürchten, den Erfolg meiner Bemühungen nicht selber zu erleben, aber was unternimmt man nicht alles der Generativität wegen? Allerdings merke ich, dass meine Enttäuschung über den Nichtwandel deutlich abnimmt. Stattdessen spüre ich Widerspruchsgeist gegen meine bisherige Überzeugung.
Bin ich müde geworden, hat mich der Altersstarrsinn erwischt oder was ist los? Ich sortiere meine Argumente gegen meine bisherige Position: Es sind keine schwachen, fällt mir auf. Es sind im Wesentlichen zwei: gegen Einfalt, für Alleinstellung.
Spätestens, wenn die Mehrheitsposition sich als alternativlos aufspielt, ist es an der Zeit, der Wert von Minderheitenpositionen zu prüfen. Ist es nicht eine Grundregel unseres Zusammenlebens, Optionen offen zu halten und eben nicht auf der Schiene „alternativlos“ zu fahren? Was ist nicht alles alternativlos, was uns vordem entgegengesetzt alternativlos eingeredet wurde? Ich beschränke mich auf ein, allerdings beeindruckendes Beispiel: Früher wurden Schulleiter administrativ malträtiert, die Schüler mit Behinderungen nicht in Spezialschulen abgaben, sondern im bisherigen Klassenverbund behielten. Heute, nachdem die Schulbürokratie in 180 Grad Wendung auf Inklusion setzt, wird tendenziell in die Gegenrichtung abgemahnt, und ich frage mich, wann Zivilcouragepreise an Schulleiter gehen, die mit guten Gründen im bedachten Einzelfall ihrer radikal geschwenkten Kultusbürokratie nicht folgen. Aus der Analogie zur Konkretion: Für das Pathos, mit dem die Forderung zumeist bei Rotary vorgetragen wird, könnte als ein zentrales Argument sprechen, dass Frauen in Führungspositionen angelangt sind und Rotary an Qualität verliert, wenn die Clubs darauf nicht reagieren. Der erste Teil des Arguments lässt sich empirisch nicht widerlegen, jedenfalls nicht für eine Vielzahl von Berufssektoren. Die Aufnahme von Frauen erweitert somit Rotary nach Breite und Qualität und ist somit ein richtiger, überfälliger Schritt gewesen.
Alleinstellungsmerkmal
Aber was ist mit dem zweiten Teil der These? Verliert Rotary an Qualität, wenn sich nicht ausnahmslos alle Clubs öffnen? Mittlerweile gewinnt der reine Herrenclub in vielen Städten fast ein Alleinstellungsmerkmal. Ich komme aus dem Marketing/der Werbung und weiß deswegen, da ist usp (unique selling proposition) der entscheidende Knaller. Ganz so weit ist es noch nicht, noch sind wir in Frankfurt nicht der einzige Rotary-Herrenclub, aber wir sind nun bereits in der Minderheit. Alles, was nach 1995 gegründet wurde, ist gemischt. Würde unser Club an Nachwuchsmangel leiden, wäre das ein prima Argument in der Debatte um Öffnung oder Nichtöffnung. Das ist aber nicht der Fall. Somit spricht nichts dafür, die bisherige Einfalt („Rotary ist männlich“) durch eine neue Einfalt („Die Rotary Clubs mit Zukunft sind gemischte“.) zu ersetzen. Wer nun meint, dann läge die Gründung des ersten reinen Damenclubs in der Logik meines Gedankengangs, dem kann ich nicht widersprechen.
Kurzum: Ich bin in meinem Club absehbar in der Frauenfrage weiterhin in der Minderheit, die Mehrheit will keine Öffnung. Punktum. Und es sind nicht nur die Älteren, die reiner Herrenclub bleiben wollen. Ich füge mich mit zunehmendem Vergnügen: Herrenclubs brauchen Artenschutz, und wir sollten uns auf die Orte verständigen, wo ihnen dieser ohne Schaden für die rotarische Bewegung insgesamt zu gewähren ist.
ERSCHIENEN IN ROTARY MAGAZIN 3/2015
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29. März (vor 5 Tagen) |
Brief 94/ Mai 2015
Guten Tag,
am 30.4. 2015 fand die Abschlussveranstaltung der Aktion Gemeinsinn im Haus der Geschichte, Bonn, statt. Die Aktion, 1957 gegründet mit dem Ziel, über das Medium Werbung, insbesondere in Form von pro bono Anzeigen, den Gemeinsinn in Deutschland zu fördern, beendete ihre Arbeit mit der Vorlage eines Fazitbuches mit dem Titel „Gemeinsinn. Vom Mutmachen sich einzumischen“, in dem die über 50 Werbe- und Informationskampagnen nochmals Revue passieren. Bei der Abschlussveranstaltung diskutierten u. a. Rita Süßmuth, Georg Baums, Ivo Bethke, Wolfgang Fürstner, Thomas Krüger und CC. Schweitzer. Cornelie Sonntag-Wolgast moderierte.
Ich war, zusammen mit Christian Wilmsen, Vorsitzender der Aktion Gemeinsinn. Hier mein Fazit aus der fast sechzigjährigen Geschichte der Aktion.
Aus der Rede:
„Ohne Vertrauen in die verantwortliche eigene Entscheidung, in die Fähigkeit und Bereitschaft des Einzelnen, nicht nur an sein Wohlergehen, sondern auch an das der anderen oftmals vom Leben hart Getroffenen und Betroffenen zu denken, lässt sich eine aktive, selbstbewusste und handlungsstarke Gesellschaft ebenso wenig aufbauen wie ein sinnvolles individuelles Leben… (30f)
Ohne das starke ICH gibt es kein starkes WIR, Umgekehrt ist es natürlich genauso: ohne ein starkes WIR kann auch das ICH nicht erstarken. Ausgangspunkt muss der wechselseitige Respekt sein (32)
Meine Damen und Herren, liebe Freunde, Freundinnen, Begleiterinnen und Begleiter der Aktion Gemeinsinn, Sie haben es wahrscheinlich erahnt: ich bin mit einem Zitat meine Rede eingestiegen. Dieses Zitat drückt besten aus, was die Aktion Gemeinsinn bewirken wollte. Starkes wir UND starkes ich– das war der Kompass, der unsere Suche nach Kampagnenthemen über fünf Jahrzehnte auf Kurs hielt.
Ich entnahm diese Sätze dem Buch „Das Gift des Politischen, Gedanken und Erinnerungen“. Sehr verehrte Rita Süssmuth, seien Sie herzlich begrüßt!
…
Ich lese Ihnen aus dem Grußwort der Bundeskanzlerin vor:
„Eine lebendige Kultur des sich Einmischens und Mitmischens ist keineswegs selbstverständlich. Aktive Bürgerschaft ist vielmehr eine Zumutung. Sie verlangt Mut, für sich und für andere Verantwortung zu übernehmen. Sie erfordert Mut, Entscheidungen zu treffen, auch wenn deren Forlgen nicht zweifelsfrei absehbar sind. Sie lebt vom Mut, sich auf andere einzulassen und sich nicht darauf zu verlassen, dass sich andere engagieren.“
Wir haben nun mit dem Eingangszitat, den Voten von Prof Biermann und Bürgermeisterin Klingmüller und dem Zitat der Bundeskanzlerin schon gut Diskussionsstoff entlang dreier Leitfragen. Sie lauten:
Zu allen drei Fragen stehen Antworten in unserem Abschlussbuch. Mir bleiben Akzente.
Zur Wirkung:
Wenn es heute darum geht, die Pforten der Aktion Gemeinsinn zu schließen, müssen wir den Blick zurück nicht scheuen. Das eben erwähnte Buch, das wir Ihnen heute vorlegen, führt diese Verdienste vor Augen. Es war unsere Absicht, unsere Kampagnen, Veranstaltungen und Materialien auf diesem Weg noch für eine Weile wach zu halten. Ohne Ulrich Schmid als verantwortlichen Publisher und Wahid Sarwar als Grafiker wäre uns diese Publikation nicht gelungen.
Hier mein erster Akzent: Meine Damen und Herren, liebe Begleiter der Aktion Gemeinsinn, stellen Sie die einzelne Kampagne ins jeweilige Zeitumfeld und prüfen Sie, inwieweit es den damals Verantwortlichen der Aktion Gemeinsinn gelungen ist, ein Thema zu finden, das weder zu utopisch noch schon abgegrast war und dennoch wichtig. Denn nur so besteht eine reelle Chance auf Einflussnahme. Politik – und Kommunikationswissenschaftler sprechen heute vom Nudging. Sie meinen damit die Möglichkeit von Einflussnehmern, zum richtigen Zeitpunkt auf richtige Weise durch einen kleinen Schubs ein Thema im Kampf um Aufmerksamkeit an die Spitze zu befördern, also dahin, wo Veränderung möglich ist. Genau das haben wir mit den Mitteln der Kommunikation versucht. Wobei wir auf die Qualität der Kampagnen- Gestaltung Einfluss nehmen konnten, auf die Abdruckmenge der Anzeigen kaum oder gar nicht.
Und warum setzen wir dies nicht fort, Leitfrage 2?
Bei einer Abschiedsveranstaltung besteht die Gefahr jeder Trauerfeier: der Verstorbene wird hemmungslos gelobt. Dagegen mögen wir als Personen, die wir involviert waren, keine Einwände haben, aber es tut der Sache nicht gut. Denn es hieße, die Chancen einer Massenkommunikation, Handlungs Veränderungen zu bewirken, völlig zu überschätzen, wenn eindimensionale Kausalität zwischen der Botschaft einer Kampagne und einer Veränderung im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Raum reklamiert würde. Es ist im Gegenteil das Kernargument unserer Beschlusslage, die Arbeit der Aktion Gemeinsinn einzustellen: die Kommunikationsbedingungen haben sich derart entscheidend verändert, dass mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, Aufwand und Ertrag in eine Schieflage geraten sind. Aus der kommen wir mit unseren überschaubaren Chancen, Ressourcen zu aktivieren, nicht heraus. Wir haben dies nach einem sorgfältigen fast zweijährigen Sondierungsprozess konstatieren müssen. Ich danke allen internen und externen Experten für ihre Mitarbeit. Hier mein zweiter Akzent: Wer an der Richtigkeit unseres Auflösungsbeschlusses zweifelt, dem steht der Weg zur praktischen Konsequenz aus dieser Anzweifelung offen.
Leitfrage 3: Was bleibt als Vermächtnis?
Akzent Nummer Drei: Wir bekennen uns zum Segen des Scheiterns. Wir 68er und wir Babyboomer –hier im Raum nicht gerade unterdurchschnittlich vertreten- haben vom Scheitern wenig mitbekommen. Wir sind Glückskinder der Menschheitsgeschichte und somit Pechvögel beim Scheitern, je nachdem. Aber nicht nur der Einzelne, auch Organisationen können scheitern. Und es kann gefragt werden, was daran gut ist. Die Aktion Gemeinsinn ist mit ihrer Form des Scheiterns –Ankündigung eines mögliches Endes vor zwei Jahren, Schluss- Publikation und dieser Schlussveranstaltung- im Konzert der Nonprofitorganisationen einen ungewöhnlichen, ich meine mutigen und hoffentlich fruchtbringenden Weg begangen. Dieser Weg war auch intern nicht unbestritten, wie könnte es anders sein. Aber ist ein stolzer Abgang nicht besser als stilles Davonschleichen aus dem Feld der Aktivität? Hier waren der Ehrenvorsitzende der Aktion, Prof CC Schweitzer, und ich einer Meinung. Wir setzen ein bewusstes Signal in der Zivilgesellschaft: Notwendigkeit und Bedingungen einer erfolgreichen Kommunikation für Gemeinsinn, starkes ich und starkes wir, können ohne Rücksicht auf uns diskutiert werden. Denn wir haben das Spielfeld verlassen, sichtbar für jeden. Aber nichts als Depris, sondern als unbeirrt pragmatisch-realistische Optimisten.
Akzent Nummer Vier: Ich möchte zum guten Schluss diese Haltung mit einer kleinen Geschichte verdeutlichen, die der Journalist Hajo Schumacher aufschrieb. Schumacher berichtet von einer Podiumsdiskussion, wo er mit anderen sich darin überboten hatte, die Lage in Deutschland möglichst schwarz zu malen. Politik, Bürger, Wirtschaft, Zukunft: Apokalypse now and ever. Da habe ein fünfzehnjährige Mädchen vom Saalmikro aus gesagt: Wir sind doch nicht hier, um uns anzuhören, das alles keinen Sinn hat, dass alles im Eimer ist, dass wir sowieso keine Chancen haben, weil alles den Bach runter geht. Wir wollen etwas lernen, wir wollen was machen und bewegen. Aber das können wir nur, wenn Sie uns wissen lassen, wie das geht.“ Das war vor zehn Jahren. Schumacher hat diese Aufforderung zum praktischen Optimismus zu einem Buch „Mut für Deutschland“ mit wunderbaren Geschichten über bürgerschaftliches Handeln angeregt. Elmar Pieroth hat dieses Buch wiederum zur Gründung der Stiftung Bürgermut inspiriert. Das waren und sind die Mut machenden Kettenreaktionen, auf die es ankommt. Heute können wir sagen: Wer genau hinschaut, sieht: Als wir starteten, gab es eine Aktion Gemeinsinn. Heute gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende Aktionen Gemeinsinn, unter welchem Namen auch immer. Und weitere werden folgen.
Das ist unser Vermächtnis. Es drückt sich aus im Titel unseres Fazit Buches: Gemeinsinn. Vom Mutmachen, sich einzumischen.
Mit besten Grüßen
Henning v.Vieregge
P.S. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.
Brief 93/Mai 2015
Guten Tag,
hier erstes Echo auf mein Hörbuch.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Blog 92/ April 2015
Guten Tag,
das Thema Journalisten & Leser ist eines von denen, die mich immer mal wieder beschäftigen, wobei ich fassungslos bin über die geradezu selbstzerstörerische Arroganz mancher Journalisten ihren Lesern gegenüber. (Vergl. Blog 78,80,88 )
Ich dokumentierte den selbstkritischen Beitrag von Cordt Schnibben im SPIEGEL zu diesem Thema. (Blog 88 )
http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelblog/im-neuen-spiegel-die-neue-macht-der-leser-a-1020749.html
Nun schrieb Schnibben an die, die ihm geschrieben haben (wozu ich gehöre).
Dieser Brief zeigt
– das Thema ist heiß.
– der Journalist zeigt Wirkung.
– die Chefredaktion reagiert.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Hier der Brief: