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Brief 110/Dezember 2015
Guten Tag,
kippt die Stimmung? Ein Indiz dafür ist, dass sich eine Frage tief in den Argumentationshaushalt der Hiesigen eingräbt: „Warum sollen unsere Soldaten in Syrien sterben, während junge Syrer Unter den Linden Cappuccino schlürfen?“ Der neue polnische Außenminister, der einer gerade gewählten Regierung einer rechten Mehrheit angehört, die sich der moralisch eingekleideten Aufforderung der Kanzlerin hartnäckig widersetzt, das ihr rechnerisch zugemessene Kontingent an Geflüchteten aufzunehmen, hat diese Äußerung getan. Natürlich wurde er dafür kritisiert und verlacht. Eine Empörungswelle schwappte. Aber sie verlief sich schnell. Der erste Zeitungsbeitrag, war es in der ZEIT und in der FAZ, wies darauf hin, dass Exilarmeen fester Bestandteil der polnischen Geschichte sind. Und warum nicht der syrischen?
Man sieht fast nur gesunde junge Männer. Wo sind die Frauen, wo die Kinder, wo die Verwundeten und Geschundenen, haben diese Männer keine Eltern? Die Zahl der Ankommenden stagniert, geht zurück? Tatsächlich? Und wenn ja, wie lange?
Kippt die Stimmung? Wie lange wollen wir in Deutschland noch sagen, dass wir alles richtig machen und unsere europäischen Nachbarn sich falsch verhalten?
Kippt die Stimmung? Nur selten gelingt es den Staatsbediensteten, durch ihre Extraleistung die Bürger für sich einzunehmen. Weil die Bürger, die als Freiwillige den Bediensteten über die Schulter sehen, was die hassen, mehr Dienst nach Vorschrift (bekanntlich eine Streikform) als Extraleistung beobachten.
Wenn die Stimmung nicht kippen soll, müssen außergewöhnliche Ideen den Bürgern zeigen, wir schaffen die Riesenaufgaben tatsächlich. Jedenfalls bewegt sich die Gesellschaft in die richtige Richtung.
Vier Ideen dazu:
Erstens: Die deutsche Politik versammelt sich beim Denkmal für die Berliner Luftbrücke und verkündet: Damals halfen uns die Amerikaner, nun helfen wir. Und die anderen Staaten sind aufgefordert, unserem Beispiel zu folgen. Wir starten eine Luftbrücke zu den Flüchtlingen. Wir bringen, was Menschen dort brauchen. Und wir holen diejenigen aus den Lagern, die absehbar keine Chance zur Rückkehr in ihre Heimat Syrien oder Irak haben, das sind Christen, Jesiden, aber auch verwundete Schiiten und Sunniten, denen vor Ort nicht geholfen werden kann. Wir praktizieren Familienzusammenführung in beide Richtungen. Wir versichern den Flüchtlingen, dass der IS ihre Lager nicht erreichen wird. Sie sind dort sicher, das garantieren wir.
Zweitens: Geflüchtete syrische Bauern bekommen hier bei uns langfristig Land verpachtet und Geld , um Dörfer zu gründen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Leere Dörfer und Land, das abgegeben werden kann, ist schließlich vorhanden. Vorbild sind die Hugenotten in Preußen. Die Dörfer unterscheiden sich nach Religionszugehörigkeit. Christen und Jesiden, deren Chance auf Rückkehr von allen am geringsten ist, werden bevorzugt.
Drittens:Bundesweit könnten die Unternehmen über die Bildungswerke der Unternehmerverbände mehr oder weniger aus dem Stand ein Programm von insgesamt 10 000 Plätzen pro Jahr für junge Geflüchtete entwickeln, mit Ausbildern, Sozialpädagogen, Lehrern.Das wäre ein unschlagbares Angebot, weil es Jugendliche bei ihren Stärken abholt: Lernort Betrieb. Vorbereitung auf die hiesige Arbeitswelt mit der Chance, danach aus dem Betrieb in die duale Ausbildung zu kommen. Es könnten neben Sprache vor allem eine Ahnung von Deutschland, einer offenen Gesellschaft, die diese Offenheit in ihren Werten hat und verteidigt, vermitteln. Wichtig wäre, dazu eine Begleitforschung einzurichten, damit man im Vergleich zu schulischen und außerbetrieblichen Angeboten Fakten vorweisen kann. Vorbild ist das vor ca. drei Jahrzehnten mit der Arbeitsverwaltung durchgeführte Programm Maßnahmen zur beruflichen sozialen Eingliederung (MBSE), das damals anstelle des 10. Schuljahres angeboten wurde. Eine wichtige Erweiterung gegenüber dem MBSE-Ansatz sollte das Programm haben: die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit zwei Ansätzen: dem Buddy-Ansatz (Jugendliche 1:1) und den Gastfreunden-Ansatz (Familie zu Familie). Damit wird ein zusätzlicher Anstoß zur Integration gegeben.
Das sind vier Ideen. Fragt man die Bürger breit, kommen viele,viele weitere Ideen hinzu, deren Umsetzung folgen Zielen dient:
Die Bewältigung der sogenannten Flüchtlingskrise ist mit Blick auf den Staat Chance und Verführung. Die Chance besteht darin, dass nun schon längst überfällige Reformen und Entrümpelungen vorangetrieben werden und die Verwaltung merkt, dass sie mehr leisten kann, als sie sich selber zutraute. Andererseits droht eine irreversible Ausweitung von Staatlichkeit. Unter dem Stichwort Flüchtling werden allenthalben Zusatzmittel und Zusatzpersonal gefordert. Die vom Bund reichlich gegebenen Mittel werden vielerorts lokal -Beispiele kommen nach und nach ans Licht- alles andere als effizient ausgegeben. Gerade hat der hessische Rechnungshof das Land für die jetzt mit den Kommunen ausgehandelten Pauschalen kritisiert. Sie seien zu hoch. Der Rechnungshof kommt auf Kosten von 775 Euro je Flüchtling und das Land Hessen will ab 1.1.16 gestaffelt zwischen 865 und 1050 Euro zahlen. Die Gelder werden voll ausgegeben werden, eine Flüchtlingsversorgungsindustrie bildet sich,die ihre Interessen verfolgt. Die schnelle Entscheidungsnotwendigkeit, unter der Kommunen stehen, wird zu Verwerfungen führen. Und wieder werden die großen Trägern den kleinen vorgezogen, um der schnellen Lösung und des Friedens willen. Kritik an unnötigen Aussagen im konkreten Einzelfall wie gerade in Mainz-Gonsenheim wird mit der Keule „Ausländerfeindlichkeit“ niedergehalten, anstatt Anregungen aufzunehmen und Bürger in den Dialog einzubeziehen. Das gilt auch für das Freiwilligen-Management. Investieren staatliche Stellen und Träger nicht an dieser Stelle, kann der gute Wille in Frust umschlagen und eine große Möglichkeit ist vertan.
Dabei war die Chance, dass Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft jetzt an dieser Aufgabe gemeinsam wachsen, noch nie so groß.
Mit freundlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Brief 108/November 2015
Guten Tag,
wenn die Kanzlerin sagt „Wir schaffen das“, heißt es erklärend, der Satz müsse ergänzt werden um „aber nicht allein“.Dann ist von Europa die Rede. Der Satz müsste aber auch aus innerdeutscher Sicht ergänzt werden: „Wir schaffen das (das mit den Asylsuchenden) nicht allein, sondern nur durch den überwiegend unentgeltlichen Einsatz von Bürgern. Die Zivilgesellschaft ist in die Aussage eingepreist. Und damit auch das BBE.
Die Zivilgesellschaft ist nun endgültig entdeckt. Nicht jeder weiß, was damit gemeint ist, aber sie wird allenthalben beschworen. Demografische Herausforderung? Die Zivilgesellschaft richtet’s. Flüchtlingswillkommen? Wozu haben wir die Zivilgesellschaft?
Als bei Frankfurt eine neue Unterkunft für Flüchtlinge errichtet wurde, waren vier Vollbezahlte und 120 Unbezahlte (oder vom Arbeitgeber Bezahlte und Freigestellte) damit beschäftigt.
Ein Streik der 23 Millionen Freiwilligen im Land würde die Republik lahmlegen wie kein anderer Streik. Aber übergreifend sind die freiwillig tätigen Bürger nicht organisations- und konfliktfähig. Würde man herumfragen, wer deren Interessen vertritt, würde der Name BBE vermutlich kaum fallen. Das BBE ist nicht sehr bekannt im Land. Dabei wäre das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) jedenfalls teilzuständig. Mit dessen Geschäftsführer Ansgar Klein habe ich für den Verbändereport 7/2015 ein ausführliches Interview geführt, das zeigt, dass Jürgen Habermas nicht nur in der Wissenschaft tiefe Spuren hinterlässt.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Brief 107/Oktober 2015
Guten Tag,
merkwürdigerweise gibt es für ungeschriebene Briefe keinen anderen treffenderen Ausdruck. Denn der Brief ist ja geschrieben, hat aber keinen speziellen Adressaten.In meinem Fall richtet sich der ungeschriebene Brief an Hauptgeschäftsführer von Verbänden, die schon etwas älter sind und noch gern über die bisher übliche Pensionsgrenze im Job bleiben wollen. Dagegen ist ja nichts zu sagen. Aber man kann sich doch einige Gedanken dazu machen. Und kommt dann mir nichts dir nichts ins Grundsätzliche: Wie hält man sich im Amt, wie ist die Beziehung zwischen Haupt-und Ehrenamtlichen usw. Jemand, der sich in den Verbänden gut auskennt, sagte, ihm würden mindestens fünf Geschäftsführer einfallen, auf die der Briefinhalt zuträfe. Der Text ist im Verbändereport Nr. 6/2015 erschienen und sei Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit empfohlen.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Brief 106/September 2015
Guten Tag,
neulich kam in einem Freundeskreis das Gespräch auf die Großmütter. Es gab keinen, der bei diesem Thema nicht ins Schwärmen kam. Ein Freund erzählte, seine Großmutter habe immer mal gesagt, vor der Tür steht ein Bär und brummt. Das habe ihm als kleinem Jungen ungemein gefallen. Denn immer, wenn sie das sagte, habe sie gefurzt.
Die abendliche Runde hat mich animiert, über meine Lieblingsgroßmutter nachzudenken und mir die Frage zu beantworten, warum sie das war.
Ich hatte drei Großmütter und nannte sie Ömi, Großmutti und Großi. Großi war die, die die anderen (meine Eltern) Tante Lisa nannten. Ich wusste, sie war meine Adoptivgroßmutter. Nicht wir haben sie adoptiert, sondern sie mit ihrem Mann meinen Vater, als der klein war. Das aber zählte für mich in keiner Weise.
Von ihren neun Geschwistern erzählte sie mir viel. So, dass jede Schwester einen Passbruder hatte, und die Pärchen schenkten sich zum Geburtstag etwas. Und wenn die Mädchen nicht fügsam waren, gab es Zungi. Das bedeutete, dass der andere mit seiner Zunge der Tadelswerten übers Gesicht fuhr; das war wohl Höchststrafe.
Von dem im 1. Weltkrieg gefallenen Bruder berichtete sie in ihrer lapidaren Art so, dass ich als kleiner Bub mir das merkte. Offenbar machte der Bedauernswerte drei Fehler: Er ging von Mecklenburg weg (nach Hamburg), hatte eine Brille und lernte etwas Kaufmännisches für die Kolonien. Alles drei besiegelte, so verstand ich Großi, sein Schicksal: denn beim Ausbruch des 1. Weltkriegs war er in Afrika, wurde Soldat oder auch nicht, verlor jedenfalls seine Brille und verlief sich ins feindliche Feuer.Ihre Geschichten knallten einem um die Ohren.
Ihre knappe Art korrespondierte mit ihrer Eile. Sie war immer in Eile. Mit Rückschlägen hielt sie sich nicht lange auf. Sie fuhr einen Daf. Der hatte Automatic, was ihr Arbeit ersparte, und war von einem holländischen Lastwagenhersteller gebaut, ein robuster Kleinwagen also, und das war für sie als miserable Autofahrerin eine gute Wahl. Einmal –ich meine, sie rauchte und dachte an Vieles, nur nicht ans Autofahren- kamen wir zu weit rechts, landeten gewissermaßen im Kiesbett, der Wagen schleuderte. Nach meiner Erinnerung hat er sich sogar gedreht und stand auf der anderen Seite in Gegenrichtung, aber das mag eine Nachwürzung der Fantasie zur stärkeren Dramatisierung sein. Mich, ich war vielleicht zehn, erschütterte der Vorfall jedenfalls schon, sie nicht. Während ich noch zitterte, sagte sie so etwas wie Glück gehabt und setzte die Fahrt ohne weiteres fort.
Sie führte einem Herrn v.P. den Haushalt, der hatte einen kleinen Hof in der Marsch bei Bremen gepachtet oder gekauft. Vor der Küche stand ein großer Apfelbaum Ich sollte die Äpfel pflücken, eine Leiter wurde herbeigeschafft, ich kletterte hoch und fing an. Dummerweise waren die besten Äpfel noch weiter oben. Da traute ich mich nicht hin. Unten stand Großi und rief mir zu, ich solle höher klettern. Es war keine Bitte, sondern eine harsche Aufforderung. Ich erinnere nicht, was ich tat, außer dass ich mich meiner Ängstlichkeit schämte. Und irgendwie stolz war auf eine Großmutter, die keine Angst um ihren Enkel hatte.
Als Großi mit ihrem Bruder Voß (so wurde er aus mir unbekannten Gründen genannt) in Bonn-Röttgen zusammenzog, waren zwei schnelle Alte unter einem Dach. Beim Essen musste ich mich ranhalten. Denn die beiden Alten aßen wie im Wettkampf und kaum waren sie fertig, wurden die Teller abgeräumt. Als ich mich beim Nachtisch über das Tempo beschwerte, sagte Großi: „Blöde Hunde werden nicht fett“. Ich glaube, ich ahnte damals schon, dass dies ein Leitspruch für mein Leben werden sollte.
Diese Großmutter war viel schneller als die anderen alten Leute, sie war direkter und sie forderte. Und sie handelte selber so, wie sie es anderen abverlangte. Ich glaube, sie kam mir deswegen sehr viel moderner vor als alle anderen Familienmitglieder dieser Generation. Ich hatte bei ihr das Gefühl, als junger Mensch ernst genommen zu werden. Hinter der rauen Schale spürte ich ihre Liebe und freute mich auf die gemeinsame Zeit in Bonn. 1968 im Herbst wechselte ich nämlich von der Bundeswehr dorthin, um mit dem Studieren zu beginnen. Leider kam ich zu spät. Sie starb einen Monat zuvor.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Brief 105/ September 2015
Guten Tag,
habe heute in der FAZ Sonntagszeitung unter der Überschrift „Heilige Schrift“ einen Kommentar von Michael Martens gelesen, in dem er einen Brief an Flüchtlinge, ergänzt um das Grundgesetz in der jeweiligen Landessprache , auszuteilen vorschlägt und auch gleich einen Entwurf mitliefert. Martens schreibt, was Flüchtlinge lernen müssen, wenn wir in diesem Land den sozialen Frieden erhalten wollen.Die entscheidende Passage lautet: „Das Grundgesetz steht bei uns über dem Koran, der Bibel oder jedem anderen Buch, und sei es noch so heilig.“ Das Grundgesetz ist, wie die Überschrift des Beitrag bereits anzeigt, die Heilige Schrift der Offenen Gesellschaft Deutschland. Wer diese Auffassung, Maßstab ist u. a. das Verhalten gegenüber Frauen und Homosexuellen, nicht teilt, für den „ist es besser, wenn Sie unser Land rasch wieder verlassen.“
Ich würde mir wünschen, dieser Brief-Vorschlag fände Nachahmer. Insbesondere sind die christlichen Kirchen gefordert.
Sie könnten damit beweisen, dass sie in der Offenen Gesellschaft angekommen sind und gewillt sind, nicht nur praktisch, sondern auch ethisch ihren Beitrag zu liefern.
Brief 104/August 2015
Guten Tag,
der nachfolgende Beitrag widmet sich der Frage „Findet mehr Kirche statt, wenn Kirche Stadt findet?“ Mit zwei angehenden Theologen haben wir uns die drei Gemeinden auf EKHN-Gebiet näher angeschaut, die im 2006 erschienenen Buch von Wilfried Härle u.a. „Wachsen gegen den Trend“ vorgestellt worden waren. In allen drei Gemeinden stellten wir ein Wachstum nach außen fest. Das Thema ist , wie die „Kirche findet Stadt“ Aktion oder die Initiative der Nordkirche, Hamburg, zeigt, keineswegs in Südhessen allein auf der Agenda. Die Nordkirche veranstaltet vom 10. auf 11. September in Hamburg eine Tagung „Zwischen Babylon und Jerusalem, Die Kirche als Faktor der Stadtentwicklung“. Das ist eine Zielrichtung der Debatte. Ich finde die Zuwendung auf die lokale Bürger- und Zivilgesellschaft wichtiger. Und Kirche sollte sich, indem sie sich bewegt, fragen: Was haben wir davon?
Serie: Kirchendämmerung oder Morgenröte?
http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/serie-kirchendaemmerung-oder-morgenroete.html
Wachsen gegen den Trend
http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/wachsen-gegen-den-trend.html
Mission und Fürsorge
http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/mission-und-fuersorge.html
Licht auf dem Berge oder Salz der Erde? Missionarische Ausrichtung braucht Außenorientierung
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge