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Brief 104/August 2015
Guten Tag,
der nachfolgende Beitrag widmet sich der Frage „Findet mehr Kirche statt, wenn Kirche Stadt findet?“ Mit zwei angehenden Theologen haben wir uns die drei Gemeinden auf EKHN-Gebiet näher angeschaut, die im 2006 erschienenen Buch von Wilfried Härle u.a. „Wachsen gegen den Trend“ vorgestellt worden waren. In allen drei Gemeinden stellten wir ein Wachstum nach außen fest. Das Thema ist , wie die „Kirche findet Stadt“ Aktion oder die Initiative der Nordkirche, Hamburg, zeigt, keineswegs in Südhessen allein auf der Agenda. Die Nordkirche veranstaltet vom 10. auf 11. September in Hamburg eine Tagung „Zwischen Babylon und Jerusalem, Die Kirche als Faktor der Stadtentwicklung“. Das ist eine Zielrichtung der Debatte. Ich finde die Zuwendung auf die lokale Bürger- und Zivilgesellschaft wichtiger. Und Kirche sollte sich, indem sie sich bewegt, fragen: Was haben wir davon?
Serie: Kirchendämmerung oder Morgenröte?
http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/serie-kirchendaemmerung-oder-morgenroete.html
Wachsen gegen den Trend
http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/wachsen-gegen-den-trend.html
Mission und Fürsorge
http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/mission-und-fuersorge.html
Licht auf dem Berge oder Salz der Erde? Missionarische Ausrichtung braucht Außenorientierung
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Brief 103/August 2015
Guten Tag,
die Überschrift scheint Banales zu verkünden. Vielleicht sollte ich sie ändern. Aber das Erstaunliche ist, dass praktische Konsequenzen aus dieser Verknüpfung weder an Schulen noch an Hochschulen in größerem Umfang gezogen werden. Service Learning oder ähnliche Ansätze sind immer noch in der Kuriositätenkammer dieser Institutionen. Es gibt eine ausgeprägte und effizient arbeitende Schule-Wirtschaft Organisation mit Aktivitäten bis in die letzten Winkel der Republik. Von einer Organisation Schule-Zivilgesellschaft hat noch keiner etwas gehört. Kein Wunder, denn es gibt sie nicht.
Bei den Alt-Studierenden läge es womöglich noch näher, dass sie beides verbinden. Hier wird berichtet, in wie weit dies der Fall ist.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Bildung und Engagement gehören zusammen[1]
Von allein klappt das Zusammenspiel nicht. Warum die Hochschulen stärker ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen sollten und was die Seniorenbüros dabei tun können.
Ich erzähle mal eine Geschichte über drei Ecken. Also: Eine Bekannte erzählte von einer Bekannten, sie wolle nach Vietnam reisen. Sie interessiere sich nämlich dafür, wie Menschen mit Armut zurechtkommen. Da hat meine Bekannte gesagt: „Dafür brauchst du doch nicht nach Vietnam zu reisen.“ Ein Student, der mit in der Runde saß, ergänzte: „Wir haben eine Aktion für Obdachlose gegründet. Wir sammeln bei Unternehmen nach dem Prinzip der Tafeln und gehen dann durch die Stadt und bieten die Lebensmittel Obdachlosen an. Wir machen dabei die Erfahrung, dass wir die Stadt neu erleben. Diejenigen, die wir bisher übersehen wollten, suchen wir nun. Wir sind miteinander auf Augenhöhe. Einer wollte von uns nichts annehmen. Mit dieser Situation mussten wir lernen, richtig umzugehen“.
Lohnt es sich nicht, darüber nachzudenken, ob eine Fernreise, die ja zumeist im organisierten also geschützten Rahmen stattfindet, oder ein solches Engagement in den Gassen der Heimatstadt ein größeres Abenteuer ist?
Insbesondere diejenigen aus der Generation der 68er und Babyboomer, die sich weiterbilden, an Hochschulen als Alt-Studierende, an Volkshochschulen oder wo auch immer, wissen, dass auch Bildung ein Abenteuer ist. Bildung erweitert unser Wissen. Bildung erschüttert aber auch unsere bisherigen Gewissheiten. Dem setzen wir uns aus. Es ist ein Mix aus Irritation und Bestätigung, den uns Bildung liefert. Das Mischungsverhältnis, das wir als interessant, aufschlussreich, ertragbar empfinden, ist bei jedem von uns unterschiedlich ausgeprägt. Ideologische Fixierungen erschweren Umlernen. Wer sich Unbelehrbarkeit vornimmt, kann unbelehrbar bleiben. So jemand sucht nur Bestätigungswissen. Wer also weiß, dass beispielsweise Obdachlose an ihrem Schicksal selber schuld sind, wird sich hüten, Untersuchungen, die dieses Vorurteil erschüttern, zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist inzwischen empirisch gesicherte Gewissheit, dass der Spruch vom Hans, der nichts mehr lernen kann was er als Hänschen nicht gelernt hat, definitiv falsch ist. Die renommierte Akademiegruppe Altern schreibt in ihren „Legenden zum Alter und ihre Widerlegung“: So lange der Mensch lebt und nicht durch Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er Neues lernen. Erwachsene lernen besonders gut, wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen und das neue Wissen anwenden können.“
Man kann also neu lernen, sich neu zum Leben justieren. Die vollen Hörsäle der Hochschulen und Volkshochschulen mit Grau- und Silberköpfen liefern den Beleg dafür, wie viele Generationsgenossen dies verstanden haben und sich auf das Abenteuer Bildung einlassen.
Man kann das Gleiche durch bürgerschaftliches Engagement, also durch tätige Praxis, erfahren. Da dies nicht im Gewand von Gelehrsamkeit, sondern durch pralles Leben erfahrbar wird –und dies auf der gesamten breiten Palette des Engagements, vom Gesangverein bis zur Obdachlosenhilfe, vom Einsatz für Green Gardening bis zur Flüchtlingshilfe, vom Schulpaten bis zum freiwillig tätigen Feuerwehrmann, erreichen uns die Irritationen viel stärker. Sie sickern in unseren Gefühlshaushalt ein.
Wie passen nun Bildung und Engagement zusammen?
Wir haben unter den Alt-Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität 2012/2013 dazu eine Umfrage gemacht. Unsere Vermutung, dass Bildungs- und Engagementbereitschaft Zwillinge sind, wurde uns bestätigt, wenn nicht übertroffen. 63,8 % der Befragten gehören zu den Engagierten-. Das sind fast doppelt so viele wie im Durchschnitt der Bevölkerung in diesem Alterssegment. Man könnte also formulieren: Lernen spornt an und kommt auch dem Nächsten zugute. Die Umfrage ergab weiter, dass auch diejenigen, die sich bisher noch nicht engagieren, überwiegend ansprechbar und interessiert sind. Würde das gesamte „Alt-Studierenden“ Potential erschlossen, wären über 90 Prozent pro Woche zwischen zwei und zehn Stunden ehrenamtlich tätig und zwar über die gesamte Palette des Engagements, also : Außerschulische Jugendarbeit und Bildungsarbeit für Erwachsene (20,6%), Kirchlicher und religiöser Bereich ( 18,5%), Umwelt, Naturschutz, Tierschutz (14,4%), Gesundheitsbereich und sozialer Bereich (12,9 %) sowie Politik und Interessenvertretung (11,8 %). Die Alt-Studierenden haben ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Mainzer Universität. . Jeder Vierte (25,8 %) betont dies. Entsprechend können sich auch zwei von drei Engagementwilligen vorstellen, dass dies im Rahmen der Universität geschieht. Hochschulen haben dieses Potential bisher nicht erschlossen. Dabei könnten sie besonders gut den meistgenannten Wunsch der Alt-Studierenden erfüllen: „ Altersgemischte Freiwilligenarbeit zusammen mit Studierenden“.
Halten wir also fest: Bildung und Engagement sind Abenteuer, die den Herbst des Lebens auf abenteuerliche Weise versilbern.
So weit, so gut. Aber wie sieht es mit der Verbindung von Lernen und Engagement aus?
Das Verbindungsstück ist da, wenn auch unter der zugegeben wenig eingängigen Bezeichnung „Service Learning“. Im April 2015 haben sich 26 Hochschulen, die zuvor schon einige Jahre in einem Netzwerk Service Learning zusammen arbeiteten, zu einem Verein „Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung“ zusammen geschlossen. An diesen und einigen weiteren Hochschulen können sich Studenten in gemeinwohlbezogenen Projekten während eines Semesters erproben und gleichzeitig ihre dabei gemachten Erfahrungen in begleitenden Lehrveranstaltungen einbringen und damit überprüfen. Das ist Service Learning, Lernen durch Engagement.
Hier passiert, was in den abertausenden bürgerschaftlichen Engagements bis dato viel zu wenig geschieht: Bildung und Engagement werden verkoppelt. Bildung profitiert durch Engagement und Engagement durch Bildung. Nun wäre es richtig, dieses Konzept in allen Hochschulen einzuführen und in intelligent angepasster Form auch Alt-Studierenden zugänglich zu machen. Diese doppelte Übertragung, bildlich gesprochen in die Breite und in die Höhe, steht noch aus. In Deutschland gibt es 428 Hochschulen mit 2,6 Millionen Studenten- was für ein Potential für die akademisch gerahmte Erprobung von Bürgerengagement!
Und das im Generations-Tandem: Im erwähnten Hochschulnetzwerk ist man gerade dabei, die Alt-Studierenden mit ihrem großen Erfahrungswissen als eigene wertvolle Gruppe zu entdecken. Und die Erprobung von Engagement in intergenerationellen Tandems, wie es sich die Älteren wünschen? Darüber wird viel geredet und geschrieben. Und das ist bekanntlich der erste Schritt zur Praxiserprobung. Und damit auch zu erhöhten Chance auf ein schönes Mehrgenerationenfest von Zwilling Bildung und Zwilling Engagement zum Nutzen aller Beteiligten, der Lerner, Geber und Empfänger. Aber wir wissen auch: Ohne Schubs gibt es keine Bewegung. Vor der Förderung steht die Forderung. Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, individuell und institutionell. Liegt hier nicht auch eine zukunftsweisende Aufgabe derjenigen Seniorenbüros, die in der Nähe von Hochschulen beheimatet sind: die Interessen der Zivilgesellschaft, vor allem die ältere, bildungsoffene Generation an der Hochschule zu vertreten? An den Hochschulen ist die Öffnungsbereitschaft zur Gesellschaft gewachsen. Nutzen wir diese Chance!
[1] Erschienen in Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS) (Hrsg.), Engagiert vor Ort, 20 Jahre Netzwerk der Seniorenbüros, Bonn, Juni 2015, 21-22
übernommen vom bbe-Newsletter Nr.17/2015
http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2015/08/newsletter-17-vieregge-gastbeitrag.pdf
Brief 102/Juli 2015
Guten Tag,
für den Verbändereport hatte ich die Gelegenheit, mit Dr. Rudolf Nickenig, dem Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbandes, zu sprechen. Ich versetzte mich in die Rolle von Verbändekollegen und fragte los.Das Resultat findet in der Ausgabe 5/2015 vom Juni oder hier:
Brief 101/Juli 2015
Guten Tag,
Von Trainerlegende Otto Rehagel stammt die Selbstcharakterisierung „demokratischer Diktator.“ Was das ist? Jeder seiner Spieler könne eine eigene Meinung haben, sofern sie mit der seinigen übereinstimme.
Warum fielen mir nur die Rehagel-Sprüche ein, als ich im Netz las, dass sich der evangelische Kirchentag der Graswurzelbewegung zurechnet und gleichzeitig mitteilt, dass „der Kirchentag auf dem Weg“ (nämlich zwischen Berlin und Wittenberg) in 2017 Neuland bedeute. Die Folgerung: „Es bedarf gründlicher und guter Vorarbeit, genügend Zeit und einer realistische Einschätzung und Einteilung vorhandener Mittel. Deshalb wurden bereits im Oktober 2013 Programmausschüsse durch den Leitungskreis berufen.“
Mit anderen Worten: Ideen und Mitwirkungsbereitschaft in programmatischer Hinsicht werden nicht gefragt. Die Benennung der Verantwortlichen ist abgeschlossen und erfolgte von oben. Ich kann nicht behaupten, dass ich dieses Verständnis von Graswurzelbewegung bisher kannte. Der evangelische Kirchentag, eine bewundernswerte Einrichtung bei ihrer Gründung, kommt in die Jahre und verpasst die gesellschaftliche Demokratisierung. Die, die drin sind, sind damit zufrieden und sehen keinen Grund zur Öffnung.
Beim katholischen Kirchentag, der nächste findet im kommenden Jahr in Leipzig statt, war das anders. Da wurden Ideen und Beteiligungsbereitschaft im Netz abgefragt. Das hätte Otto Rehagel nicht gefallen.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
Brief 1oo/Juli 2015
In der ZEIT startete in 26/2015 eine Serie „Alles Lügen?“, in der die Medien im Mittelpunkt stehen. Demnach ist das Vertrauen in die politische Berichterstattung bei 70 Prozent der Leser unverändert, bei 2 Prozent gestiegen, bei 28 Prozent gesunken. Meine Anregung an die ZEIT: den Umgang der engagierten Spezie nicht vergessen: dem Leserbriefschreiber.
Hier der Brief an die Leserbrief-Redaktion:
Nichts für ungut, bitte. Frohe Festtage
Jens Frederiksen
Jens Frederiksen Ressortleiter Feuilleton, Allgemeine Zeitung Erich-Dombrowski–Str. 2, 55127 Mainz
Brief 99/Juni 2015
Guten Tag,
ein Tübinger Freund machte ich auf einen Brief zum Fall Raif Badawi aufmerksam und bat mich, diesen in meinen Blog zu stellen. Dem folge ich aus Überzeugung.
Zu dem Brief gibt es eine heftige Auseinandersetzung zwischen zwei anonymen Schreiben, die sich „Saint“ und „Sultan“ nennen. Hier ist der Link. Ich bin mir nicht sicher, ob man dieses harsche Hin und Her für lehrreich und examplarisch oder für entbehrlich halten soll.
http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/10262-offener-brief-an-den-saudischen-botschafter
Zur Mahnung das Zeichen der Nazarener, das die IS Leute an die Häuser der Christen in Syrien und im Irak anbringen so wie die Nazis den Judenstern anbrachten.

Der Brief zum Fall Raif Badawi, adressiert an den saudischen Botschafter in der Bundesrepublik, wurde von Christopher Gohl geschrieben der am Weltethos-Institut in Tübingen tätig ist. Er sollte gelesen und verbreitet werden.
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Menschenrechte begründen und begrenzen Staaten wie Religionen. Ein offener Brief an den saudi-arabischen Botschafter zum dritten Jahrestag der Verhaftung Raif Badawis.
Seine Exzellenz dem Botschafter von Saudi-Arabien
Prof. Dr. med. bin Abdul Majed Shobokshi
Tiergartenstraße. 33-34
10707 Berlin
Sehr geehrter Herr Botschafter Prof. Dr. med. bin Abdul Majed Shobokshi,
erlauben Sie ein offenes Wort unter Verbündeten? Tacheles statt diplomatischen Takt – wobei ich unter vernünftigen Menschen höflich bleiben möchte. Auch wenn ich als freier Demokrat sicher andere Vorstellungen von Höflichkeit habe als Sie, der Diener eines absoluten Monarchen.
Bis zum 17. Juni 2012, heute vor drei Jahren, war der Bürger und Blogger Raif Badawi der Welt vollkommen unbekannt. Dann verhaftete ihn Saudi-Arabien dafür, dass er sein Menschenrecht auf Meinungsfreiheit nutzte, um zu sagen, was jeder vernünftige Mensch in Europa auch denkt: dass jeder nach seiner Façon selig werden soll.
An jenem 17. Juni 2012 wollte Saudi-Arabien das Leben Badawis auf eine unbedeutende Ziffer einer hässlichen Statistik reduzieren – der Statistik der Menschenrechtsverletzungen in Ihrem Land, die ein Armutszeugnis sind für Saudi-Arabien. Aber an diesem Tag begann in den Augen vieler Verbündeter auch der Absturz des G20-Mitglieds Saudi-Arabiens vom respektierten Land der heiligen Stätten Mekka und Medina zum geduldeten und ertragenen kleinsten Übel in der Region.
Mit jeder Woche der Kerkerhaft, mit jeder offiziellen Stellungnahme, mit jedem Urteil in der Sache Badawi beschleunigt Ihr Land den freien Fall in die Verachtung seiner Verbündeten, Herr Botschafter. Weil es unseren Diplomaten, Politikern, Unternehmern und Touristen sagt: Eigentlich gehört Ihr ausgepeitscht. Und weil Ihr Land uns für dumm und dekadent verkauft, wenn es glaubt, dass wir das einfach hinnehmen.
Und nein, Ihr Land hat keine größeren Sorgen. Denn der Fall Badawi gehört ins Zentrum der Entscheidung, die Ihr Land jetzt dringend treffen muss im Kampf um die eigene Zukunft, gegen den Islamischen Staat, für die Modernisierung des Landes. Die Entscheidung heißt: Gewissen oder Gewalt? Freiheit oder Fessel, Dialog oder Dekret? Friedfertigkeit oder Fanatismus? Menschenrechte oder Menschenverachtung?
Exzellenz: Toleranz oder Terror – das ist die Entscheidung, vor der Saudi-Arabien steht: zwischen Fortschritt oder Chaos, zwischen dem Bürger Raif Badawi und dem IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi. Wessen Land wollen Sie sein? Sie bekämpfen schon den IS – aber warum bekämpfen Sie auch die Menschenrechte?
Ich weiß: Sie empfinden diese Fragen als Zumutung. Ich weiß: Saudi-Arabien verbittet sich die Einmischung fremder Elemente in die angeblich internen Angelegenheiten, zu denen die Verletzung von Menschenrechten und Frauenrechten zählen. Die Souveränität des Landes sei absolut, schreiben nicht nur Ihre Kollegen von der Londoner Botschaft. Sie weisen darauf hin, dass unabhängige Richter hier nur die Gesetze des Landes umsetzen.
Was für ein monströser Irrtum! Ich werde Ihnen sagen, warum Sie total falsch liegen. Menschenrechte stehen nicht unter dem Vorbehalt nationaler Souveränität, sondern sie begründen und begrenzen staatliches Handeln. Alle nationalen Gesetze – wie auch alle religiösen Auslegungen – müssen sich daran messen lassen, ob sie die Umsetzung der Menschenrechte gewährleisten. Die Menschenrechte sind das Grundgesetz der Menschheit.
Bei allem Respekt: Saudi-Arabien hat sich nicht nur an die Menschenrechte zu halten, sondern sogar an deren Förderung mitzuwirken – erstens aus rechtlichen Gründen. Zwar hat Saudi-Arabien in der Tat nicht die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 unterschrieben. Aber Saudi-Arabien ist nicht nur Mitglied im United Nations Human Rights Council – es strebt sogar an, 2016 dessen Führung zu übernehmen! Vielleicht lesen Sie das noch mal nach: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist explizit dessen Basis, Arbeitsgrundlage und Auftrag. Im Übrigen hat Ihr Land die UN-Antifolterkonvention vom Oktober 1997 unterschrieben.
Zweitens gibt es moralische Gründe. Die traditionelle Behauptung der saudischen Machthaber, Menschenrechte entsprächen nicht den eigenen Werten und seien eine fremde Imposition, ist eine Schutzbehauptung, die den eigenen Privilegien dient. Zunächst einmal lässt sich der männliche Teil der saudischen Elite, zu der Sie selbst auch gehören, nach allen Regeln der Menschenrechte behandeln und verwöhnen – oder etwa nicht? Wenn Ihre Menschenrechte verletzt würden, ich wäre sofort auf Ihrer Seite. Wie ich auch auf der Seite Ihrer Tochter bin, die es wagt, wie ich hörte, in Jeddah ohne Hidschāb herumzulaufen. Ich bedaure, dass sie das in Riyadh nie tun dürfte.
Dann stimmt sicher: Der in Ihrem Land gepflegte und geförderte Wahabismus ist eine etablierte Tradition des Islam. Und er stellt die Menschenrechte unter den Vorbehalt der Scharia. Ich respektiere sogar, dass der wahabitische Klerus seine Lesart für die einzig authentische Lesart des Islam hält; davon sind auch viele andere Traditionsströme überzeugt. Dementsprechend wird die Scharia ja auch für ganz unterschiedliche Einschränkungen der Menschenrechte missbraucht. Selbst der Fanatismus ist vielfältig!
Aber nennen Sie mir bitte einen einzigen Grund, warum ich respektieren sollte, dass der Wahabismus der Überzeugungskraft seiner Wahrheiten mit Gewalt nachhelfen will? Sollte die wahabitische Wahrheit im Ernst so schwach sein, dass sie der Gewalt bedarf, um Gehorsam zu gewährleisten? Ist das denn nicht eine Beleidigung der Strahlkraft des Prophetenwortes und des religiösen Glaubens an und für sich?
Religion ist eine gemeinschaftliche Praxis, die menschliche Existenz in einen Zusammenhang mit Transzendenz zu setzen. Aber was uns transzendiert, übersteigt auch unsere normale Sinneswahrnehmung. Wer Anderen die eigene Lesart übersinnlicher Erfahrungen und Bezüge als die einzig Wahrheit aufdrängt, bestreitet allen Anderen die Authentizität von deren eigenen Erfahrungen. In dieser absoluten Intoleranz gründet Gewalt und Gegnerschaft zu friedlicheren Auslegungen des Islam – sowie zu allen Freigeistern.
Mögen gläubige Wahabiten ihre Erfahrungen und Interpretationen gerne für die einzig wahren halten – das werde ich ihnen nicht absprechen. Aber im Hier und Jetzt alltäglicher Erfahrungen bestehe ich gleichzeitig auf Respekt gegenüber allen Andersgläubigen, die ihrerseits die Wahrheit gefunden zu haben glauben. Und darauf bestehen im Übrigen auch viele Muslime selbst, die die ersten Opfer des wahabitischen Fanatismus sind.
Das ist schon empirisch naheliegend: Denn es ist eine einfache Anwendung der Goldenen Regel der Gegenseitigkeit, die in allen großen Kulturen der Welt formuliert und gelebt worden ist, gerade auch im Islam – und die sich geschichtlich offensichtlich als Element eines minimalen menschlichen Ethos bewährt hat. Jeder Mensch erkennt im Respekt vor der eigenen Wahrheit den Respekt vor der Wahrheit der Anderen. Anders gesagt: Die eigene Freiheit verpflichtet auf die Freiheit der Anderen.
Damit sind wir, drittens, bei den zivilisatorischen Minimalia. Eine religiöse Tradition hat sich, wenn wir nicht in die Religionskriege zurückfallen wollen, daran messen zu lassen, wie sie mit Anders- und Nichtgläubigen umgeht. Wenn der Wahabismus Gewalt denknotwendig legitimiert, gehört der Wahabismus bekämpft – mit zivilem Widerspruch, im letzten Mittel auch mit Gewalt. Toleranz dient dem zivilen Auskommen mit Andersgläubigen. Sie endet, wo der andere Glauben das zivile Auskommen verletzt.
Das gilt auch für die Behauptung Ihrer Regierung, Menschenrechte müssten die nationale Souveränität respektieren. Das ist eine Variante des Scharia-Vorbehalts. Aber nicht nur für Religionen, auch für Staaten gilt, dass sie keinem Menschen einen Kernbereich der eigenen Wahrheit, Erfahrung und Selbstbestimmung absprechen dürfen.
Im Gegenteil: Wer Teil einer zivilen internationalen Staatengemeinschaft sein will, muss Menschenrechte schützen und sogar fördern. Staatliche Macht begründet und begrenzt sich zugleich in den Menschenrechten als Freiheitsrechten für jeden Menschen, egal ob Mann oder Frau. Und zwar um der menschlichen Vielfalt der Überzeugungen willen; einschließlich der Möglichkeit willen, den Wahabismus friedlich zu interpretieren.
Nun wird eine solche Bewertung von Ihnen möglicherweise als lächerliche Beleidigung begriffen. Wer wäre ich, zu bestreiten, dass Sie so empfinden? Ich sage Ihnen gleich: Ich will Sie nicht beleidigen. Bitte entschuldigen Sie deshalb, wenn ich sage: Ich befürchte, die Herrscher Saudi-Arabiens beleidigen sich durch die Verletzung minimaler menschlicher Rechte selbst. Und solange mein Land ein Verbündeter Saudi-Arabiens ist, beleidigt auch Deutschland die eigenen Wertvorstellungen. Das ist mir nicht egal.
Exzellenz, ich glaube, Sie haben ein persönliches Gewissen, das gut kultiviert ist. Als Arzt haben Sie gelobt, Ihr Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen und jedem Menschenleben Ehrfurcht entgegenzubringen. Deshalb fürchte ich auch, dass Sie wissen, dass Sie daran beteiligt sind, eine willkürliche Justiz und Verbrechen wie die öffentlichen Hinrichtungen in Ihrem Land schönzureden.
Ich unterstelle Ihnen, dass Sie wissen, dass Saudi-Arabien mit der Verhaftung von Raif Badawi am 17. Juni 2012 den freien Fall in die Verachtung selbst ausgelöst hat. Saudi-Arabien erlebt die erste große Menschenrechtskampagne der digital vernetzten Weltbürgergesellschaft. Das ist ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschenrechte.
Ich möchte glauben, wir seien einer Meinung, dass es besser wäre, Saudi-Arabien hätte in diesem Kapitel nicht die Hauptrolle des Henkers, sondern wäre Anwalt der Humanität. Das wäre doch ein versöhnliches Zeichen am Jahrestag der Verhaftung Raif Badawis.
Wenn dem so sein sollte: dann setzen Sie sich bitte dafür ein, dass sich Saudi-Arabien für das individuelle Gewissen, die Freiheit des Einzelnen und den Dialog entscheidet statt für kollektive Gewalt, die Fessel und das Dekret. Das wird schwer für ein Land mit diesen Traditionen. Aber die Kinder Raif Badawis wie auch Ihre Tochter dürften auf eine bessere Zukunft hoffen. Es kann ja nicht so weitergehen – das wissen Sie doch auch?
Bitte widersprechen Sie mir ansonsten. Unter Demokraten, die die Menschenrechte achten, gilt die Meinungsfreiheit selbstverständlich auch für Sie. Wir sind hier ja zum Glück nicht in Saudi-Arabien.
Mit freundlichen Grüßen,
Christopher Gohl