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Bildung und Engagement gehören zusammen

21 Aug.
21. August 2015

Brief 103/August 2015

Guten Tag,

die Überschrift scheint Banales zu verkünden. Vielleicht sollte ich sie ändern. Aber das Erstaunliche ist, dass praktische Konsequenzen aus dieser Verknüpfung weder an Schulen noch an Hochschulen in größerem Umfang gezogen werden. Service Learning oder ähnliche Ansätze sind immer noch in der Kuriositätenkammer dieser Institutionen. Es gibt eine ausgeprägte und effizient arbeitende Schule-Wirtschaft Organisation mit Aktivitäten bis in die letzten Winkel der Republik. Von einer Organisation Schule-Zivilgesellschaft hat noch keiner etwas gehört. Kein Wunder, denn es gibt sie nicht.

Bei den Alt-Studierenden läge es womöglich noch näher, dass sie beides verbinden. Hier wird berichtet, in wie weit dies der Fall ist.

Mit besten Grüßen

Henning v. Vieregge

 

Bildung und Engagement gehören zusammen[1]

Von allein klappt das Zusammenspiel nicht. Warum die Hochschulen stärker ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen sollten und was die Seniorenbüros dabei tun können.

Ich erzähle mal eine Geschichte über drei Ecken. Also: Eine Bekannte erzählte von einer Bekannten, sie wolle nach Vietnam reisen. Sie interessiere sich nämlich dafür, wie Menschen mit Armut zurechtkommen. Da hat meine Bekannte gesagt: „Dafür brauchst du doch nicht nach Vietnam zu reisen.“  Ein Student, der mit in der Runde saß, ergänzte: „Wir haben eine Aktion für Obdachlose gegründet. Wir sammeln bei Unternehmen nach dem Prinzip der Tafeln und gehen dann durch die Stadt und bieten die Lebensmittel Obdachlosen an. Wir machen dabei die Erfahrung, dass wir die Stadt neu erleben. Diejenigen, die wir bisher übersehen wollten, suchen wir nun. Wir sind miteinander auf Augenhöhe.  Einer wollte von uns nichts annehmen. Mit dieser Situation mussten wir lernen, richtig umzugehen“.

Lohnt es sich nicht, darüber  nachzudenken, ob eine Fernreise, die ja zumeist im organisierten also geschützten Rahmen stattfindet, oder ein solches Engagement in den Gassen der Heimatstadt ein größeres Abenteuer ist?

Insbesondere diejenigen aus der Generation der 68er und Babyboomer, die sich weiterbilden,  an Hochschulen als Alt-Studierende, an Volkshochschulen oder wo auch immer, wissen, dass auch Bildung ein Abenteuer ist. Bildung erweitert unser Wissen. Bildung erschüttert aber auch unsere bisherigen Gewissheiten. Dem setzen wir uns aus.  Es ist ein Mix aus Irritation und Bestätigung, den uns Bildung liefert. Das Mischungsverhältnis, das wir als interessant, aufschlussreich, ertragbar empfinden, ist bei jedem von uns unterschiedlich ausgeprägt. Ideologische Fixierungen erschweren Umlernen.  Wer sich Unbelehrbarkeit vornimmt, kann unbelehrbar bleiben. So jemand sucht nur Bestätigungswissen. Wer also weiß, dass beispielsweise Obdachlose an ihrem Schicksal selber schuld  sind, wird sich hüten, Untersuchungen, die dieses Vorurteil erschüttern, zur Kenntnis zu nehmen.  Dabei  ist inzwischen empirisch gesicherte Gewissheit, dass der Spruch vom Hans, der nichts mehr lernen kann was er als Hänschen nicht gelernt hat, definitiv  falsch ist. Die renommierte Akademiegruppe Altern  schreibt in ihren „Legenden zum Alter und ihre Widerlegung“: So lange der Mensch lebt und nicht durch Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er Neues lernen. Erwachsene lernen besonders gut, wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen und das neue Wissen anwenden können.“

Man kann also neu lernen, sich neu zum Leben justieren. Die vollen Hörsäle der Hochschulen und Volkshochschulen  mit Grau- und Silberköpfen liefern den Beleg dafür, wie viele Generationsgenossen dies verstanden haben und sich auf das Abenteuer Bildung einlassen.

Man kann das Gleiche durch bürgerschaftliches Engagement, also durch tätige Praxis, erfahren. Da dies nicht im Gewand von Gelehrsamkeit, sondern durch pralles Leben erfahrbar wird –und dies auf der gesamten breiten Palette des Engagements, vom Gesangverein bis zur Obdachlosenhilfe, vom Einsatz für Green Gardening bis zur Flüchtlingshilfe, vom Schulpaten bis zum freiwillig tätigen Feuerwehrmann, erreichen uns die Irritationen viel stärker. Sie sickern in unseren Gefühlshaushalt ein.

Wie passen nun Bildung und Engagement zusammen?

Wir haben unter den Alt-Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität 2012/2013 dazu eine Umfrage gemacht. Unsere Vermutung, dass Bildungs- und Engagementbereitschaft Zwillinge sind, wurde uns bestätigt, wenn nicht übertroffen. 63,8 % der Befragten gehören zu den Engagierten-.  Das sind fast doppelt so viele wie im Durchschnitt der Bevölkerung in diesem Alterssegment. Man könnte also formulieren: Lernen spornt an und kommt auch dem Nächsten zugute. Die Umfrage ergab weiter, dass auch diejenigen, die sich bisher noch nicht engagieren, überwiegend ansprechbar und interessiert sind. Würde das gesamte „Alt-Studierenden“ Potential erschlossen, wären über 90 Prozent  pro Woche zwischen zwei und zehn Stunden ehrenamtlich tätig und zwar über die gesamte Palette des Engagements, also : Außerschulische Jugendarbeit und Bildungsarbeit für Erwachsene (20,6%), Kirchlicher und religiöser Bereich ( 18,5%), Umwelt, Naturschutz, Tierschutz (14,4%), Gesundheitsbereich und sozialer Bereich (12,9 %) sowie Politik und Interessenvertretung (11,8 %). Die Alt-Studierenden haben ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Mainzer Universität. . Jeder Vierte (25,8 %) betont dies. Entsprechend können sich auch zwei von drei Engagementwilligen vorstellen, dass dies im Rahmen der Universität geschieht. Hochschulen haben dieses Potential bisher nicht erschlossen. Dabei könnten sie besonders gut den meistgenannten Wunsch der Alt-Studierenden erfüllen: „ Altersgemischte Freiwilligenarbeit zusammen mit Studierenden“.

Halten wir also fest: Bildung und Engagement sind Abenteuer, die den Herbst des Lebens auf abenteuerliche Weise versilbern.

So weit, so gut. Aber wie sieht es mit der Verbindung von Lernen und Engagement aus?

Das Verbindungsstück ist da, wenn auch unter der zugegeben wenig eingängigen Bezeichnung „Service Learning“. Im April 2015 haben sich 26 Hochschulen, die zuvor schon einige Jahre in einem Netzwerk Service Learning zusammen arbeiteten, zu einem Verein „Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung“ zusammen geschlossen. An diesen und einigen weiteren Hochschulen  können sich Studenten in gemeinwohlbezogenen Projekten während eines Semesters erproben und gleichzeitig ihre dabei gemachten Erfahrungen in begleitenden Lehrveranstaltungen einbringen und damit überprüfen. Das ist Service Learning, Lernen durch Engagement.

Hier passiert, was in den abertausenden bürgerschaftlichen Engagements bis dato  viel zu wenig geschieht: Bildung und Engagement werden verkoppelt. Bildung profitiert durch Engagement und Engagement durch Bildung. Nun wäre es richtig, dieses Konzept in allen Hochschulen einzuführen und in intelligent angepasster Form auch Alt-Studierenden zugänglich zu machen. Diese doppelte Übertragung, bildlich gesprochen in die Breite und in die Höhe,  steht noch aus. In Deutschland gibt es  428 Hochschulen mit 2,6 Millionen Studenten- was für ein Potential für die akademisch gerahmte Erprobung von Bürgerengagement!

Und das im Generations-Tandem: Im erwähnten Hochschulnetzwerk ist man gerade dabei, die Alt-Studierenden mit ihrem großen Erfahrungswissen als eigene wertvolle Gruppe zu entdecken. Und die Erprobung von Engagement  in intergenerationellen Tandems, wie es sich die Älteren wünschen? Darüber wird viel geredet und geschrieben. Und das ist bekanntlich der erste Schritt zur Praxiserprobung. Und damit auch zu erhöhten Chance auf ein schönes Mehrgenerationenfest von Zwilling Bildung und Zwilling Engagement zum Nutzen aller Beteiligten, der Lerner, Geber und Empfänger. Aber wir wissen auch: Ohne Schubs gibt es keine Bewegung. Vor der Förderung steht die Forderung. Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, individuell und institutionell. Liegt hier nicht auch eine zukunftsweisende Aufgabe derjenigen Seniorenbüros, die in der Nähe von Hochschulen beheimatet sind: die Interessen der Zivilgesellschaft, vor allem die ältere, bildungsoffene Generation an der Hochschule zu vertreten? An den Hochschulen ist die Öffnungsbereitschaft zur Gesellschaft gewachsen. Nutzen wir diese Chance!

[1] Erschienen in Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS) (Hrsg.), Engagiert vor Ort, 20 Jahre Netzwerk der Seniorenbüros, Bonn, Juni 2015, 21-22

übernommen vom bbe-Newsletter Nr.17/2015

 

 

BAS Jubiläumsbroschüre

http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2015/08/newsletter-17-vieregge-gastbeitrag.pdf

Deutscher Wein

22 Juli
22. Juli 2015

Brief 102/Juli 2015

Guten Tag,

für den Verbändereport hatte ich die Gelegenheit, mit Dr. Rudolf Nickenig, dem Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbandes, zu sprechen. Ich versetzte mich in die Rolle von Verbändekollegen und fragte los.Das Resultat findet in der Ausgabe 5/2015 vom Juni oder hier:

Interview Nickenig, Wein für Verbändereport (1)

Otto Rehagel, die Demokratur und der Kirchentag

03 Juli
3. Juli 2015

Brief 101/Juli 2015

Guten Tag,

Von Trainerlegende Otto Rehagel stammt die Selbstcharakterisierung „demokratischer Diktator.“ Was das ist? Jeder seiner Spieler könne eine eigene Meinung haben, sofern sie mit der seinigen übereinstimme.

Warum fielen mir nur die Rehagel-Sprüche ein, als ich im Netz las, dass sich der evangelische Kirchentag der Graswurzelbewegung zurechnet und gleichzeitig mitteilt, dass „der Kirchentag auf dem Weg“ (nämlich zwischen Berlin und Wittenberg) in 2017 Neuland bedeute. Die Folgerung: „Es bedarf gründlicher und guter Vorarbeit, genügend Zeit und einer realistische Einschätzung und Einteilung vorhandener Mittel. Deshalb wurden bereits im Oktober 2013 Programmausschüsse durch den Leitungskreis berufen.

Mit anderen Worten:  Ideen und Mitwirkungsbereitschaft in programmatischer Hinsicht werden nicht gefragt. Die Benennung der Verantwortlichen  ist abgeschlossen und erfolgte von oben. Ich kann nicht behaupten, dass ich dieses Verständnis von Graswurzelbewegung bisher kannte. Der evangelische Kirchentag, eine bewundernswerte Einrichtung bei ihrer Gründung, kommt in die Jahre und verpasst die gesellschaftliche Demokratisierung. Die, die drin sind, sind damit zufrieden und sehen keinen Grund zur Öffnung.

Beim katholischen Kirchentag, der nächste findet im kommenden Jahr in Leipzig statt, war das anders. Da wurden Ideen und Beteiligungsbereitschaft im Netz abgefragt. Das hätte Otto Rehagel nicht gefallen.

Mit herzlichen Grüßen

Henning v. Vieregge

Alles Lügen? Medien und Leserschaft in einer ZEITserie

29 Juni
29. Juni 2015

Brief 1oo/Juli 2015

In der ZEIT startete in 26/2015 eine Serie „Alles Lügen?“, in der die Medien im Mittelpunkt stehen. Demnach ist das Vertrauen in die politische Berichterstattung bei 70 Prozent der Leser unverändert, bei 2 Prozent gestiegen, bei 28 Prozent gesunken. Meine Anregung an die ZEIT: den Umgang der engagierten Spezie  nicht vergessen: dem Leserbriefschreiber.

Hier der Brief an die Leserbrief-Redaktion:

​Liebe Frau v. Münchhausen (oder wer sonst immer hier liest),
ich finde es gut, dass sich die ZEIT der Beziehung Medien-Leser annimmt.
Bitte widmen Sie einen Beitrag der Frage, ob die Medien kundenfreundlich beim Thema Leserbrief verfahren. Cordt Schnibben vom SPEGEL hat hier vor einiger Zeit mit einem längeren Beitrag einen Stein ins Rollen gebracht, indem er freimütig eingestand, wie arrogant oft Journalisten​ mit Menschen umgehen, die sich für das Gedruckte schriftlich interessieren. Über 1200 Zuschriften, ein eigener Leserblog und Lesertreffen mit der Chefredaktion waren die Reaktion. Das Thema ist also relevant, was die Redaktionen aber weithin noch nicht begriffen zu haben scheinen.
In den Ethikverpflichtungen taucht dieses Thema jedenfalls nicht auf.
Als Beitrag jenseits der Sonntagsreden drucke ich Ihnen hier etwas ab: Lokalzeitungsjournalist im Weihnachtsstress antwortet Leser, der einige Wochen nach Einsendung eines Leserbriefs höflich nachfragt, ob der angekommen sei:
 Sehr geehrter Herr von Vieregge,trotz bevorstehender Weihnachtsfeiertage muss ich Ihnen eine etwas patzige Antwort geben: Angesichts der zahlreichen Leserbriefe, die allwöchentlich bei uns eingehen, hätte ich wahrlich viel zu tun, wenn ich jedem Schreiber den Eingang seines Leserbriefes bestätigte. Tut mir leid: Das ist nicht zu machen. Und eine Absage mit Begründung erst recht nicht.

Nichts für ungut, bitte. Frohe Festtage

Jens Frederiksen

Jens Frederiksen Ressortleiter Feuilleton, Allgemeine Zeitung Erich-DombrowskiStr. 2, 55127 Mainz

​Der Versuch, den Journalisten zu einer wenigstens kleinen Entschuldigungsmail zu animieren, um die Sache dann  vergessen zu können, schlug fehl. Nach  Nachhaken in der Spitze meldete sich immerhin der Chefredakteur am Telefon, versprach dies und jenes  und wich  der erbetenen Rückmeldung aus. Die Zeitung ist in Mainz wie so viele Lokalzeitungen an ihrem Ort Monopolist, die (schwache) Gegenwehr des Lesers findet im Netz statt. (www.vonvieregge.de, Stichwort Leserbrief)
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Aus der Antwort von Anna v. Münchhausen, ZEIT-Textchefin und verantwortlich für Leserbriefe
Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass die verbreitete  herablassende Haltung der Medien  Leserinnen und  Lesern gegenüber  absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Das von Ihnen angeführte Beispiel der Mainzer Zeitung spricht Bände, und natürlich habe ich auch die Mea culpa-Initiative von Cordt Schnibben mit großem Interesse verfolgt. Für uns hier würde ich allerdings in Anspruch nehmen, dass die ZEIT  mit ihren Lesern  immer schon sorgsam kommuniziert hat.
Wir haben kürzlich auch darüber diskutiert, wie mit den Kommentaren auf  ZEIT-online umzugehen ist – insbesondere dann, wenn es sich um rüde anonyme Beschimpfungen handelt. Ob man  anonyme Reaktionen per se ausschalten soll, darüber konnte bislang noch keine Einigung erzielt werden. Es gibt interessante Argumente pro und contra.

Religion und Staat: Brief zu Raif Badawi

20 Juni
20. Juni 2015

Brief 99/Juni 2015

Guten Tag,

ein Tübinger Freund machte ich auf einen Brief zum Fall Raif Badawi aufmerksam und bat mich, diesen in meinen Blog zu stellen. Dem folge ich aus Überzeugung.

Zu dem Brief gibt es eine heftige Auseinandersetzung zwischen zwei anonymen Schreiben, die sich  „Saint“ und „Sultan“ nennen. Hier ist der Link. Ich bin mir nicht sicher, ob man dieses harsche Hin und Her für lehrreich und examplarisch oder für entbehrlich halten soll.

http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/10262-offener-brief-an-den-saudischen-botschafter

Zur Mahnung das Zeichen der Nazarener, das die IS Leute an die Häuser der Christen in Syrien und im Irak anbringen so wie die Nazis den Judenstern anbrachten.

th

Der Brief zum Fall Raif Badawi, adressiert an den saudischen Botschafter in der Bundesrepublik, wurde von Christopher Gohl geschrieben der am Weltethos-Institut in Tübingen tätig ist. Er sollte gelesen und verbreitet werden.

 

Mit besten Grüßen

Henning v. Vieregge

 

Ein Gewissen gegen die Gewalt

Menschenrechte begründen und begrenzen Staaten wie Religionen. Ein offener Brief an den saudi-arabischen Botschafter zum dritten Jahrestag der Verhaftung Raif Badawis.

Seine Exzellenz dem Botschafter von Saudi-Arabien
Prof. Dr. med. bin Abdul Majed Shobokshi
Tiergartenstraße. 33-34
10707 Berlin

Sehr geehrter Herr Botschafter Prof. Dr. med. bin Abdul Majed Shobokshi,

erlauben Sie ein offenes Wort unter Verbündeten? Tacheles statt diplomatischen Takt – wobei ich unter vernünftigen Menschen höflich bleiben möchte. Auch wenn ich als freier Demokrat sicher andere Vorstellungen von Höflichkeit habe als Sie, der Diener eines absoluten Monarchen.

Bis zum 17. Juni 2012, heute vor drei Jahren, war der Bürger und Blogger Raif Badawi der Welt vollkommen unbekannt. Dann verhaftete ihn Saudi-Arabien dafür, dass er sein Menschenrecht auf Meinungsfreiheit nutzte, um zu sagen, was jeder vernünftige Mensch in Europa auch denkt: dass jeder nach seiner Façon selig werden soll.

An jenem 17. Juni 2012 wollte Saudi-Arabien das Leben Badawis auf eine unbedeutende Ziffer einer hässlichen Statistik reduzieren – der Statistik der Menschenrechtsverletzungen in Ihrem Land, die ein Armutszeugnis sind für Saudi-Arabien. Aber an diesem Tag begann in den Augen vieler Verbündeter auch der Absturz des G20-Mitglieds Saudi-Arabiens vom respektierten Land der heiligen Stätten Mekka und Medina zum geduldeten und ertragenen kleinsten Übel in der Region.

Saudi-Arabien muss sich zwischen Toleranz und Terror entscheiden

Mit jeder Woche der Kerkerhaft, mit jeder offiziellen Stellungnahme, mit jedem Urteil in der Sache Badawi beschleunigt Ihr Land den freien Fall in die Verachtung seiner Verbündeten, Herr Botschafter. Weil es unseren Diplomaten, Politikern, Unternehmern und Touristen sagt: Eigentlich gehört Ihr ausgepeitscht. Und weil Ihr Land uns für dumm und dekadent verkauft, wenn es glaubt, dass wir das einfach hinnehmen.

Und nein, Ihr Land hat keine größeren Sorgen. Denn der Fall Badawi gehört ins Zentrum der Entscheidung, die Ihr Land jetzt dringend treffen muss im Kampf um die eigene Zukunft, gegen den Islamischen Staat, für die Modernisierung des Landes. Die Entscheidung heißt: Gewissen oder Gewalt? Freiheit oder Fessel, Dialog oder Dekret? Friedfertigkeit oder Fanatismus? Menschenrechte oder Menschenverachtung?

Exzellenz: Toleranz oder Terror – das ist die Entscheidung, vor der Saudi-Arabien steht: zwischen Fortschritt oder Chaos, zwischen dem Bürger Raif Badawi und dem IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi. Wessen Land wollen Sie sein? Sie bekämpfen schon den IS – aber warum bekämpfen Sie auch die Menschenrechte?

Ich weiß: Sie empfinden diese Fragen als Zumutung. Ich weiß: Saudi-Arabien verbittet sich die Einmischung fremder Elemente in die angeblich internen Angelegenheiten, zu denen die Verletzung von Menschenrechten und Frauenrechten zählen. Die Souveränität des Landes sei absolut, schreiben nicht nur Ihre Kollegen von der Londoner Botschaft. Sie weisen darauf hin, dass unabhängige Richter hier nur die Gesetze des Landes umsetzen.

Menschenrechte sind das Grundgesetz der Menschheit

Was für ein monströser Irrtum! Ich werde Ihnen sagen, warum Sie total falsch liegen. Menschenrechte stehen nicht unter dem Vorbehalt nationaler Souveränität, sondern sie begründen und begrenzen staatliches Handeln. Alle nationalen Gesetze – wie auch alle religiösen Auslegungen – müssen sich daran messen lassen, ob sie die Umsetzung der Menschenrechte gewährleisten. Die Menschenrechte sind das Grundgesetz der Menschheit.

Bei allem Respekt: Saudi-Arabien hat sich nicht nur an die Menschenrechte zu halten, sondern sogar an deren Förderung mitzuwirken – erstens aus rechtlichen Gründen. Zwar hat Saudi-Arabien in der Tat nicht die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 unterschrieben. Aber Saudi-Arabien ist nicht nur Mitglied im United Nations Human Rights Council – es strebt sogar an, 2016 dessen Führung zu übernehmen! Vielleicht lesen Sie das noch mal nach: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist explizit dessen Basis, Arbeitsgrundlage und Auftrag. Im Übrigen hat Ihr Land die UN-Antifolterkonvention vom Oktober 1997 unterschrieben.

Zweitens gibt es moralische Gründe. Die traditionelle Behauptung der saudischen Machthaber, Menschenrechte entsprächen nicht den eigenen Werten und seien eine fremde Imposition, ist eine Schutzbehauptung, die den eigenen Privilegien dient. Zunächst einmal lässt sich der männliche Teil der saudischen Elite, zu der Sie selbst auch gehören, nach allen Regeln der Menschenrechte behandeln und verwöhnen – oder etwa nicht? Wenn Ihre Menschenrechte verletzt würden, ich wäre sofort auf Ihrer Seite. Wie ich auch auf der Seite Ihrer Tochter bin, die es wagt, wie ich hörte, in Jeddah ohne Hidschāb herumzulaufen. Ich bedaure, dass sie das in Riyadh nie tun dürfte.

Religiöse Gewalt beleidigt den eigenen Glauben

Dann stimmt sicher: Der in Ihrem Land gepflegte und geförderte Wahabismus ist eine etablierte Tradition des Islam. Und er stellt die Menschenrechte unter den Vorbehalt der Scharia. Ich respektiere sogar, dass der wahabitische Klerus seine Lesart für die einzig authentische Lesart des Islam hält; davon sind auch viele andere Traditionsströme überzeugt. Dementsprechend wird die Scharia ja auch für ganz unterschiedliche Einschränkungen der Menschenrechte missbraucht. Selbst der Fanatismus ist vielfältig!

Aber nennen Sie mir bitte einen einzigen Grund, warum ich respektieren sollte, dass der Wahabismus der Überzeugungskraft seiner Wahrheiten mit Gewalt nachhelfen will? Sollte die wahabitische Wahrheit im Ernst so schwach sein, dass sie der Gewalt bedarf, um Gehorsam zu gewährleisten? Ist das denn nicht eine Beleidigung der Strahlkraft des Prophetenwortes und des religiösen Glaubens an und für sich?

Religion ist eine gemeinschaftliche Praxis, die menschliche Existenz in einen Zusammenhang mit Transzendenz zu setzen. Aber was uns transzendiert, übersteigt auch unsere normale Sinneswahrnehmung. Wer Anderen die eigene Lesart übersinnlicher Erfahrungen und Bezüge als die einzig Wahrheit aufdrängt, bestreitet allen Anderen die Authentizität von deren eigenen Erfahrungen. In dieser absoluten Intoleranz gründet Gewalt und Gegnerschaft zu friedlicheren Auslegungen des Islam – sowie zu allen Freigeistern.

Die Goldene Regel gehört zum zivilisatorischen Konsens

Mögen gläubige Wahabiten ihre Erfahrungen und Interpretationen gerne für die einzig wahren halten – das werde ich ihnen nicht absprechen. Aber im Hier und Jetzt alltäglicher Erfahrungen bestehe ich gleichzeitig auf Respekt gegenüber allen Andersgläubigen, die ihrerseits die Wahrheit gefunden zu haben glauben. Und darauf bestehen im Übrigen auch viele Muslime selbst, die die ersten Opfer des wahabitischen Fanatismus sind.

Das ist schon empirisch naheliegend: Denn es ist eine einfache Anwendung der Goldenen Regel der Gegenseitigkeit, die in allen großen Kulturen der Welt formuliert und gelebt worden ist, gerade auch im Islam – und die sich geschichtlich offensichtlich als Element eines minimalen menschlichen Ethos bewährt hat. Jeder Mensch erkennt im Respekt vor der eigenen Wahrheit den Respekt vor der Wahrheit der Anderen. Anders gesagt: Die eigene Freiheit verpflichtet auf die Freiheit der Anderen.

Damit sind wir, drittens, bei den zivilisatorischen Minimalia. Eine religiöse Tradition hat sich, wenn wir nicht in die Religionskriege zurückfallen wollen, daran messen zu lassen, wie sie mit Anders- und Nichtgläubigen umgeht. Wenn der Wahabismus Gewalt denknotwendig legitimiert, gehört der Wahabismus bekämpft – mit zivilem Widerspruch, im letzten Mittel auch mit Gewalt. Toleranz dient dem zivilen Auskommen mit Andersgläubigen. Sie endet, wo der andere Glauben das zivile Auskommen verletzt.

Das gilt auch für die Behauptung Ihrer Regierung, Menschenrechte müssten die nationale Souveränität respektieren. Das ist eine Variante des Scharia-Vorbehalts. Aber nicht nur für Religionen, auch für Staaten gilt, dass sie keinem Menschen einen Kernbereich der eigenen Wahrheit, Erfahrung und Selbstbestimmung absprechen dürfen.

Menschenrechte sind Freiheitsrechte

Im Gegenteil: Wer Teil einer zivilen internationalen Staatengemeinschaft sein will, muss Menschenrechte schützen und sogar fördern. Staatliche Macht begründet und begrenzt sich zugleich in den Menschenrechten als Freiheitsrechten für jeden Menschen, egal ob Mann oder Frau. Und zwar um der menschlichen Vielfalt der Überzeugungen willen; einschließlich der Möglichkeit willen, den Wahabismus friedlich zu interpretieren.

Nun wird eine solche Bewertung von Ihnen möglicherweise als lächerliche Beleidigung begriffen. Wer wäre ich, zu bestreiten, dass Sie so empfinden? Ich sage Ihnen gleich: Ich will Sie nicht beleidigen. Bitte entschuldigen Sie deshalb, wenn ich sage: Ich befürchte, die Herrscher Saudi-Arabiens beleidigen sich durch die Verletzung minimaler menschlicher Rechte selbst. Und solange mein Land ein Verbündeter Saudi-Arabiens ist, beleidigt auch Deutschland die eigenen Wertvorstellungen. Das ist mir nicht egal.

Exzellenz, ich glaube, Sie haben ein persönliches Gewissen, das gut kultiviert ist. Als Arzt haben Sie gelobt, Ihr Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen und jedem Menschenleben Ehrfurcht entgegenzubringen. Deshalb fürchte ich auch, dass Sie wissen, dass Sie daran beteiligt sind, eine willkürliche Justiz und Verbrechen wie die öffentlichen Hinrichtungen in Ihrem Land schönzureden.

So kann es nicht weitergehen

Ich unterstelle Ihnen, dass Sie wissen, dass Saudi-Arabien mit der Verhaftung von Raif Badawi am 17. Juni 2012 den freien Fall in die Verachtung selbst ausgelöst hat. Saudi-Arabien erlebt die erste große Menschenrechtskampagne der digital vernetzten Weltbürgergesellschaft. Das ist ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschenrechte.

Ich möchte glauben, wir seien einer Meinung, dass es besser wäre, Saudi-Arabien hätte in diesem Kapitel nicht die Hauptrolle des Henkers, sondern wäre Anwalt der Humanität. Das wäre doch ein versöhnliches Zeichen am Jahrestag der Verhaftung Raif Badawis.

Wenn dem so sein sollte: dann setzen Sie sich bitte dafür ein, dass sich Saudi-Arabien für das individuelle Gewissen, die Freiheit des Einzelnen und den Dialog entscheidet statt für kollektive Gewalt, die Fessel und das Dekret. Das wird schwer für ein Land mit diesen Traditionen. Aber die Kinder Raif Badawis wie auch Ihre Tochter dürften auf eine bessere Zukunft hoffen. Es kann ja nicht so weitergehen – das wissen Sie doch auch?

Bitte widersprechen Sie mir ansonsten. Unter Demokraten, die die Menschenrechte achten, gilt die Meinungsfreiheit selbstverständlich auch für Sie. Wir sind hier ja zum Glück nicht in Saudi-Arabien.

Mit freundlichen Grüßen,
Christopher Gohl

 

Hat der Kirchentag das Thema Kirche und Zivilgesellschaft nicht vernachlässigt? Eine Replik von Mario Zeißig und eine Antwort auf die Replik

17 Juni
17. Juni 2015

Brief 98/Juni 2015

Guten Tag

heute erreichte mich eine Stellungnahme zu meinen kritischen Bemerkungen am Kirchentag. Die Kritik an der Kritik stammt  von Mario Zeißig, der zum Team der Programmverantwortlichen  des Kirchentags gehört. Der Beitrag ist es wert, als Gastbeitrag hier eingestellt zu werden. Meine Antwort an ihn hänge ich dran.

Lieber Herr von Vieregge,

Loring Sittler war so freundlich, mich auf Ihren Blog-Beitrag zum Kirchentag (Brief 96)  hinzuweisen, da mir als einem der Programmverantwortlichen des DEKT an konstruktiven Feedback natürlich sehr gelegen ist.

Ich finde es sehr spannend, die Graswurzelbewegung Kirchentag mit der Perspektive, inwiefern zivilgesellschaftliches Engagement gewürdigt, gefordert und ermöglicht wird, zu bewerten. Dass der Kirchentag diesbezüglich eine zentrale Plattform darstellen muss, würde ich ohne Einschränkungen bestätigen.

Ihre Einschätzung, dass der DEKT dieses Ziel völlig verfehlt, kann ich allerdings nur schwer nachvollziehen. Auch wenn ein Fokus auf reine  Veranstaltungsinhalte sicherlich nur eingeschränkt Wesen und Botschaft des Kirchentages verdeutlicht, wurden diesbezüglich in Stuttgart mehr Formate zum bürgerlichen Engagement umgesetzt, als Sie dargelegt haben. Sie erwähnen weder den Thementag „Perspektiven demokratischer Kultur“ noch die Open-Air-Veranstaltung „Demokratie klug leben – Was bewegt Menschen, etwas zu bewegen?“ Diese beiden Formate wurden ganz konkret aus der Wahrnehmung heraus konzipiert, dass die Zivilgesellschaft als besonderer Machtfaktor und Verantwortungsträger in einen besonderen Fokus gestellt werden muss.

Sie schildern völlig richtig, dass es den Vorbereitenden des Zentrums Älterwerden und des Zentrums Gemeinde wichtig war, die Bedeutung soziale Verantwortung von Kirchgemeinden, Nachbarschaften, Vereinen und engagierten Privatpersonen besonders hervorzuheben. Sie waren aber keinesfalls die Einzigen. Im Zentrum Bildung in Bewegung wurde in der dreistündigen Veranstaltung„Nur noch kurz die Welt retten – aber wie?“ nationale und internationale Initiativen zugunsten eines sozialen Ausgleichs vorgestellt und prominent gewürdigt (es gab sogar eine beachtliche spontane Kollektenaktion auf Wunsch des Publikums). Im Rahmen desZentrums Mobilität, Energie, Ressourcen wurde der Nachhaltigkeitspreis „GemeindeN“ durch Ministerpräsidenten Landesbischof an ökologisch engagierte Kirchgemeinden vergeben. Die Planspiele „Ist das schon rechts?“ und „Willkommenskultur“  haben mit außerordentlichem Erfolg der großen Nachfrage nach praxisorientierter Hilfestellung für Engagementinteressierte entsprochen.

All diese Formate vermisse ich in Ihrer Analyse zum Thema. Sie hätten allein der Vollständigkeit halber eine Erwähnung in Ihrem Blog verdient.

Darüber hinaus war der Markt der Möglichkeiten wie auch bei den vergangenen Kirchentages ein zentraler Ort für über 900 Initiativen, Projekte und Gemeinden ihre Arbeit vorzustellen und in einen Dialog zu treten. Er erfreute sich trotz großer Hitze allgemeiner Beliebtheit und bildete das thematische und lokale Zentrum unserer Zeltstadt im Neckarpark. Die dort angebotenen Podien und Workshops werden von den Akteuren des MdM selbst inhaltlich eigenständig verantwortet: eine Spielwiese der (christlichen)Zivilgesellschaft.

Während des Kirchentages wurden 16 Resolutionen zu unterschiedlichen Themen eingereicht. 10 davon wurden von den Teilnehmenden beschlossen und werden in den nächsten Tagen den entsprechenden Adressaten zugestellt.https://www.kirchentag.de/programm/resolutionen.html

Durch diese Verfahren ermöglichen wir es Einzelpersonen und kleineren Initiativen wichtigen Anliegen Stimme und Gehör zu verschaffen. Dieses basisdemokratische Element wird verstärkt genutzt.

Joachim Gauck nannte den Kirchentag in Stuttgart ein Festival des Ehrenamtes. Er bezog sich dabei natürlich zum einen auf die Anzahl von fast 50000 ehrenamtlich Mitwirkenden. Zum anderen machte er aber auch deutlich, dass der Kirchentags als Bewegung bürgerschaftlichen Engagements eine Vorreiterrolle in Deutschland einnimmt.

Für mich wird aus Ihrer Kritik deutlich, dass wir unsere inhaltlichen Schwerpunkte transparenter kommunizieren müssen. Ebenso teile ich Ihre Einschätzung, dass themenübergreifende „Schulterschlüsse“ zwischen einzelnen Formaten deutlichere Signale versprechen würden. Hier stehen wir eher vor organisatorischen Herausforderungen bedingt durch die parallel erfolgende Planung in einzelnen Projektleitungen.

An den Rand drängen wollten wir das Zentrum Gemeinde im Übrigen nicht. Die Verortung der einzelnen Formate war in Stuttgart ungleich schwerer als vergleichsweise in Hamburg. Die räumlichen Anforderungen des Zentrums Gemeinde mit seiner Veranstaltungspluralität erschwerten die Suche. Wir werden beim nächsten Kirchentag in Berlin versuchen, dafür einen Ausgleich zu schaffen.

Sie erkennen an meiner ausführlichen Antwort, dass sie mir ein echtes Anliegen war. Ich kann und möchte meinen Widerspruch zu den Aussagen Ihres Blog nicht unausgesprochen lassen.  Gern hätte ich den Beitrag direkt und öffentlich kommentiert, konnte diese Option aber nicht finden.

Trotz unseres Dissens zum Thema, der ja sehr gern bestehen darf, möchte ich mich nochmals für Ihre kritische Begleitung des Kirchentages und Ihr Feedback bedanken. Sie ermöglichen es uns, eine lernende Bewegung zu bleiben.

Für Rückfragen, Kritik oder weitere Anmerkungen stehe ich Ihnen natürlich jederzeit sehr gern zur Verfügung.

Herzliche Grüße

Mario Zeißig

Referent Thematisches Programm

Deutscher Evangelischer Kirchentag

Postfach 15 55| Magdeburger Str. 59

36005 Fulda   | 36037 Fulda

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Meine Antwort-Mail

 Lieber Herr Zeißig, danke für Ihre ausführliche Antwort.
Ich kenne den Kirchentag als Institution lange durch meine Mitarbeit im publizistischen Ausschuss und den Besuch aller zurückliegenden Kirchentage in den letzten 15 Jahren. Meine Einschätzung ist also keine punktuelle.
Dass die Zukunft der Kirche kein Anliegen ist, das in seinen unterschiedlichen Facetten auf dem Kirchentag zentral verhandelt wird, – und da ist die Beziehung zur Zivilgesellschaft mit dem Unterfall der Beziehung Kirche-Diakonie ein wichtiger Aspekt- möchte ich weiterhin trotz Ihrer mannigfaltigen Hinweise aus dem Programm  behaupten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob eine tief Debatte an zentraler Stelle des Kirchentags wirklich gewollt wird. Kirchentag ist als eine Veranstaltung sui generis entstanden. Von der Genese her besteht also eine Distanz zur Amtskirche und deren Debatten. Aber ist diese historische Position noch richtig?
Und wie sieht es mit den Kirchenführern aus: Drängen sie darauf, mit dem Kirchenvolk darüber zu diskutieren, ob sie die richtigen Wege einschlagen? Haben sie ein Interesse an einem Vergleich der Teilkirchen unter verschiedenen Leistungs-Gesichtspunkten? Möchten sie sich international messen lassen? Sind sie beispielsweise bereit, in großer Runde zu erklären, warum seit dreissig Jahren Delegationen nach England aufbrechen und fresh expressions studieren, aber kaum etwas davon in die hiesige Wirklichkeit kommt? Als der englische Bischof Steven Croft im Zentrum Gemeinde sprach,
(im Netz auf der deutschen Seite von fresh expression unter Kirchentag nachlesbar) hat sich -oder habe ich mich getäuscht?-  kein einziger Verantwortlicher aus der ersten Reihe dafür interessiert, geschweige denn Rede und Antwort gestanden. Zufall? Ich glaube das nicht. Nun mögen Sie fragen, was Kirche und Zivilgesellschaft und Mission miteinander zu tun haben? Genau dies halte ich für die essentielle Frage, die auf Klärung drängt.
Das Nachdenken muss in einem Dialog zwischen Kirche und Zivilgesellschaft gesucht werden. Dieses Nachdenken hat begonnen.
Darf ich Sie auf die Beiträge im Forschungsjournal Soziale Bewegungen (Heft 1/15) mit dem Schwerpunkt „Kirche in Bewegung“ und auf den Wegweiser Bürgergesellschaft Nr.10/2015 mit dem Schwerpunkt“Kirche und Zivilgesellschaft“ ( im Netz unter Wegweiser Bürgergesellschaft 10/2015 nachzulesen) hinweisen? Keiner der Autoren war -mit Ausnahme von Frau Coenen-Marx, die zu einem anderen Thema sprach- auf dem Kirchentag vertreten. Das ist der Maßstab meiner Kritik
Es gab große Momente beim Kirchentag (Gauck/Rosa habe ich erlebt, von Melinda Gates gehört), aber die Kritik bleibt: Kirche verliert immer weiter an Reichweite und Relevanz und der Kirchentag bleibt ungerührt. Das ist nicht nur  merkwürdig, sondern ruft nach Änderung. Oder?
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge
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