Tag Archive for: Rainer Schäfer

Aus Mainz vergrault, in Trier geehrt: Neues von Rainer Schäfer, dem „Robin Hood des Abfalls“

08 Apr
8. April 2015

Blog 89/April 2015

Guten Tag,

Blog 89/April 2015

Neues von Rainer Schäfer fand sich  im Trierer Volksfreund unter der Überschrift „Die Sieger im Monat März 2015 (http://www.volksfreund.de/respekt/)

„Rund 700 Volksfreund-Leserinnen und -Leser haben ihre Stimmen abgegeben und entschieden: Rainer Schäfer und die Telefonseelsorge Trier haben die dritte Runde des TV-Ehrenamtspreises Respekt! gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

R Schäfer

Mit Rainer macht Müll sammeln mehr Spaß

(Osburg) Einen interessanten Helfer hatten die Osburger bei ihrem Dreck-weg-Tag. Rainer Schäfer, auch bekannt als „Abfall-Robin-Hood“, ist mit den vielen Teilnehmern durch den Ort gezogen. Neben dem Aufräumen an sich verfolgt Schäfer mit seinen Einsätzen das Ziel, Menschen eine Freude zu bereiten.

Rund 80 Teilnehmer haben sich in diesem Jahr wieder dem Osburger Straßenmüll angenommen. Prominenter Mithelfer 2015: der Abfall-Robin-Hood Rainer Schäfer (Mitte, mit orangefarbener Jacke und roter Mütze). TV-Foto: Anja Fait

Osburg. Es sind hauptsächlich Kinder und Jugendliche, die sich einmal im Jahr zum Großreinemachen in Osburg zusammenfinden. Acht Kubikmeter Müll, darunter ein Fahrrad und Teile eines alten Motorrads haben die rund 80 Freiwilligen alleine in diesem Jahr innerhalb von ein paar Stunden zusammengetragen.

 

Osburger Müllsammeltag

Erste Aktion mit vielen Kindern

Anders als in den Vorjahren wurden die fleißigen Aufräumer am Freitag von einem echten „Müllsammel-Profi“, dem Kröver „Abfall-Robin-Hood“ Rainer Schäfer (45), unterstützt. Initiatorin Alexandra Barth (40) hatte ihn eingeladen, „um den Tag für alle Beteiligten interessanter zu gestalten“. Und das ist ihr auch gelungen.
Sowohl die Helfer, als auch Rainer Schäfer selbst waren mit Begeisterung dabei. „Ich will, dass wir Schilder im Wald aufstellen, wo draufsteht, dass die Leute ihren Müll mit nach Hause nehmen sollen“, meinte etwa der acht-jährige Benjamin nach der erfolgreichen Aktion. Und Sara (16), die jedes Jahr mit dabei ist, fiel auf, „dass die Kinder durch den Gast heute irgendwie motivierter waren als sonst“.
Für Rainer Schäfer war der Osburger Dreck-weg-Tag die erste Säuberungsaktion mit so vielen Kindern. „Das hat mir Spaß gemacht“, sagte er. Besonders gut fand der 45-Jährige, dass er hier schon den Kleinsten „dieses Bewusstsein für eine saubere Umwelt“ vermitteln konnte.
Zur Belohnung hatte Rainer Schäfer jedem Helfer zwei Edelsteine von seiner aktuellen Unrat-Sammel-Tour rund um Idar-Oberstein mitgebracht.
„Früher hab ich den Dreck weggemacht, weil er mich gestört hat und er einfach da nicht hingehört hat, wo ich ihn gefunden habe. Heute mache ich das hauptsächlich, um den Menschen eine Freude zu bereiten“, sagte er. (Trierer Volksfreund 22.3.2015)  http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/trierland/aktuell/Heute-in-der-Zeitung-fuer-Trier-Land-Mit-Rainer-macht-Muell-sammeln-mehr-Spass;art8128,4166436

Zur Erinnerung: Als Schäfer in Mainz zu arbeiten begann, zunächst anonym, berichtete die Lokalzeitung und Leser wie Marie-Luise Pörtner schrieben: „Als ich die Säcke sah, dachte ich, ein Wunder sei geschehen und die Stadt kümmere sich um den überall in der Stadt herumliegenden Müll. Aber nein, alles wie gehabt, es wird herumgemäkelt, Mehrarbeit beklagt und die Aktion als illegal bezeichnet.“ (Rhein-Main-Presse, 13.9.2013) Frau Pörtner bezog sich auf die negative Reaktion der Stadtreinigung. Schäfer kam noch einige Male nach Mainz, jedes Mal viel positive Resonanz der Bürger. Das offizielle Mainz schwieg sich dazu aus, kein positiver Kommentar, kein Empfang wie an anderen Orten. Dann agierte der Stadtklüngel: Die Stadtreinigung lancierte über die Lokalpresse ein Jobangebot an Schäfer, dem standepede ein Kommentar in der Zeitung unter der Überschrift „Kein Happy End“ folgte (17.2.2014). Behauptet wurde, Schäfer habe „ein attraktives Jobangebot des Mainzer Entsorgungsbetriebs“ abgelehnt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schäfer lediglich die Aufforderung erhalten, seine Bewerbungsunterlagen einzureichen. Es hatte kein Gespräch stattgefunden, es gab keine Job-Beschreibung, kein Gehaltsangebot.  Aber es reichte zur Diffamierung: „Er lehnt die Chance ab, seiner offensichtlichen Passion in offizieller, vor allem aber bezahlter Mission nachgehen  zu können; das macht ihn unglaubwürdig und schürt leider auch die Vorurteile ,.., nämlich zu wählerisch oder nicht arbeitswillig zu sein.“ Dass das Angebot kein ernsthaftes , auf Schäfers besondere Art eingehendes war, zeigt – sicher unabsichtlich- der Schlusssatz des Kommentars: „Will er weiter als Abfall-Robin-Hood gefeiert werden, sollte er einen Weg finden, sich damit auch seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.“ Beim Stadtreinigungsamt hatte man also beim Jobangebot daran nicht gedacht. Woran dann? Einen Unliebsamen entweder liebsam zu machen oder als asozial zu entlarven?  Dass die Lokalzeitung, die erst durchaus engagiert Schäfers Auftreten verfolgte, bei diesem intriganten Spiel mitmachte, zeigt: Bürgergesellschaft kann sich der Unterstützung durch die Medien nicht sicher sein. Sie muss für eigene Öffentlichkeit sorgen, bis die lokalen Monopolmedien merken, dass sie auf der bisherigen Tour „Im Zweifelsfall mit den Oberen“ keinen Erfolg mehr haben. Der „Trierer Volksfreund“ zeigt den neuen Weg.

Mit herzlichen Grüßen

Henning v. Vieregge

P.S. Nachtrag 12. April: Rainer Schäfer schreibt, er habe nun auf gelbe Säcke mit Aktionsaufkleber umgestellt mit Stempel Aufschrift Abfall Robin Hood. Er meint  : „Die gelben Tüten schaffen mehr Vertrauen.“ Was wieder beweist: Schäfer versteht etwas von Markenführung, er ist eine Marke und verhält sich so. Er berichtet weiter, er sei neulich noch wieder in Mainz gewesen,  „weil mich ein Bürger um Hilfe bat
wegen der Koblenzerstr. “ Die Tüten seien am nächsten Tag vom Entsorgungsbetrieb abgeholt worden,  und man habe ihm, auch die Kollegen vom Entsorgungsbetrieb, zugewunken, manche hätten ihn kennengelernt. Schäfer: „Ich denke, ich schau noch einmal Muttertag in Mainz vorbei.“ Das wäre doch eine Chance für die AZ und den Mainzer Entsorgungsbetrieb (von OB Ebeling und Gründezernentin Eder mal ganz abgesehen) , ein bisschen Wiedergutmachung, Normalisierung und Ehrung zu betreiben.

Darauf einen Eierlikör! Wie dürfen wir mit Hochalterigen umgehen?

03 Jan
3. Januar 2014

Brief 58/2014 vom Januar 2014

Guten Tag,

mich beschäftigen weiterhin die Kritik und der anschließende Nicht- Streit über die Korrektheit des Motivs „Eierlikör„.

Ich halte den Streit für exemplarisch.

eierlikör

 

 

Je unsicherer eine Gesellschaft im Umgang mit einer Gruppe ist, desto heftiger wird political correctness eingefordert. Das ist einerseits richtig, weil diese Gruppe besonders schutzbedürftig ist (oder doch zu sein scheint), andererseits kann solch zumeist übertriebene Schonhaltung den echten ehrlichen Diskurs verhindern. Nun also die Hochalterigen: Je mehr die Gruppe der fitten Alten im Zentrum der Gesellschaft ihren Platz behauptet („Der Ruhestand kommt später“), desto mehr wächst die Gefahr, dass die nächäletere Gruppe, die Hochalterigen, an den Rand gedrückt wird. Behilflich sind dabei ausgerechnet jene, die den Anspruch haben, sie zu vertreten. Offenbar wird unterstellt, die Betroffenen könnten ihre Interessen nicht selbst am besten vertreten.  Auch dieses Verhalten ist für viele Gruppen nachweisbar.

Zur Erinnerung:Es handelt sich um den 2. Sieger des Jugend-Wettbewerbs „Mach dich stark! Für andere!“, die ZMG, Aktion Gemeinsinn und bagfa gemeinsam durchgeführt haben. Der Wettbewerb wendet sich an junge Kreative, es geht um Anzeigenmotive für Zeitungen.  Der Berliner Seniorenbeirat hatte das Motiv kritisiert und die ZMG aufgefordert, das Motiv, das als Sieger Zeitungen zum pro bono Nachdruck angeboten worden war, zurückzuziehen. Hier die Kritik:

http://www.landesseniorenbeirat-berlin.de/index.php?ka=4&ska=-1&idn=18

Ich hatte daraufhin namens der Aktion Gemeinsinn eine öffentliche Veranstaltung mit der Verantwortlichen und Anderen angeregt. Zu meiner Überraschung ist der Berliner Seniorenbeirat diesem Vorschlag ausgewichen. Ich solle mich an die bundesweite Vertretung wenden , schreibt i.V. Vorstand Annett Kosche, Leiterin der Geschäftsstelle., ohne Angabe von Ansprechpartner und frei von näherer Begründung. „Zum Vorschlag der Aktion Gemeinsinn als einem bundesweit tätigen Verein wurde empfohlen,den Kontakt zu einer Seniorenorganisation auf Bundesebene aufzunehmen. Der Landesseniorenbeirat Berlin wird sich auf seine Aufgaben im Land Berlin konzentrieren.“ (Mail vom 28.11. 2013)  Warum  sich die Berliner zum bundesweit geschalteten Motiv zu äußern animiert fühlten, zur Diskussion dann aber nicht, bleibt ihr Geheimnis. Motto: Wir haben recht und wünschen keine Verunsicherung durch Diskurs. Aber: Wer kritisiert, muss sich auch kritisieren lassen. Und die Fakten kennen. Was sagen die Macherin der Anzeige, was die Jury?

Merle Rosen, 22, Kunstschule Alsterdamm, verantwortlich für Bild und Text der Anzeige, schreibt, sie habe die alte Dame über das Altersheim, in dem ihr Freund arbeite, kennen gelernt. Und weiter: „Ich freu mich total und hoffe, die alte Dame freut sich ebenso.“ (w&v 17/2013)  Juror Niklas Frings-Rupp, Miami Ad School „Das Motiv spricht nicht in Floskeln, sondern ist direkt und provokant. Es spricht aus dem Herzen und stellt humorvoll die Problematik dar.“  Der Abspann der Anzeige, die unten nochmals zur Diskussion gestellt wird, lautet:“ Vielen älteren Menschen ist Deutschland ist langweilig. Dabei können Gespräche mit ihnen sehr amüsant sein. Engagiere dich ehrenamtlich- davon profitieren beide Seiten.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer:

Die Debatte um richtige Altersbilder wird, kaum ist sie in Gang gekommen in Verabschiedung rein defizitärer Altersbilder, schon wieder durch political correctness Bemühungen verstellt. Korrektheitseinforderung statt Konfliktaustragung ist Ausweis von Schwäche.

Mit besten Grüßen und guten Wünschen für 2014

Henning v. Vieregge

 

 

Einzelkämpfer Rainer Schäfer persönlich Beitrag 57/2013

15 Dez
15. Dezember 2013

rainer_schaefer

Fünf  starke Gründe, ihn kennen zu lernen

Brief 57/2013 vom Dezember

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Um es gleich zu sagen: Rainer Schäfer ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Er regt fünffach zu einem differenzierten Bild.

Erstens: Hartz Vierer sind keine amorphe Masse

R_Schaefer_Nikolaus_xlJeder, sagt Rainer Schäfer, kann Hartz Vierer werden, einige Schicksalsschläge, mal nicht aufgepasst, schon bist du das. Schäfer verkörpert einen Typus, der bei Arbeitsämtern und anderswo noch nicht im Set der Vorstellung geschweige denn der Vorschriften ist: Ein Ehrenamtler, der den staatlichen Notunterhalt braucht, um sich sein Engagement  leisten zu können. Bürgerengagement und Ein-Euro-Job? Das ginge nur über eine einstellenden Institution, nicht als Einzelkämpfer. Schäfer wäre der Prototyp für ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es u.a. DM-Gründer Götz Werner fordert. Schäfers gesellschaftlicher Nutzen ließe sich nach Müllsäcken berechnen, da wäre die Vorbildfunktion noch gar nicht einbezogen.

Zweitens: Schäfer und der Nutzen des Ehrenamts

Er ist der lebende Beweis für die These, dass bürgerschaftliches Engagement Staat und Gesellschaft großen Nutzen bringen können. Im Müllsektor kennt er sich aus. Eine Stadtverwaltung mit offenen Ohren und Interesse an der Sache würde ihm als Scout und Botschafter nutzen. Er weiß aus Erfahrung und Beobachtung, wo Abfalltonnen falsch stehen oder fehlen. Er könnte den Kaminzug-Effekt erläutern. Wenn man ihn denn fragte. Er verkörpert drei wichtige Botschaften: Müll gehört nicht in die Landschaft, Bürger können helfen, die Heimat sauber zu halten und Menschen, die säubern, ( bezahlt oder unbezahlt), verdienen unseren Respekt.

Drittens: Schäfer ist der lebende Beweis für die Ungeschicklichkeit von Verwaltung und Politik im Umgang mit engagierten Bürgern.

Besonders Einzelwesen, Individuen, die ungefragt und unaufgefordert und ungeplant etwas für die Gesellschaft tun, stimmen Institutionen (übrigens nicht nur staatliche) ratlos bis aggressiv. Im Falle von Schäfer, der zum dritten Mal in Mainz aktiv ist in diesen Tagen, haben die Mainzer Verantwortlichen trotz Wiederholungsfall nicht viel gelernt. Beim nun ersten persönlichen Kontakt -Einladung in den Entsorgungsbetrieb – war wiederum vom Leiter oder gar der Dezernentin nichts zu sehen. Stattdessen wurde die Farce um das angebliche Einstellungsangebot fortgesetzt: Abteilungsleiter Strack outete sich als Pressemann ohne Befugnis für Personalangelegenheiten, der Schäfer aufforderte, weitere Unterlagen einzureichen und vor all zu großen Hoffnungen warnte. Kein Dank, kein Essen, noch nicht einmal eine Tasse Kaffee oder ein paar Mülltüten gratis. Dahinter steckt freilich  mehr als persönliche Ungeschicklichkeit. Es hat mit Strukturen zu tun. Ämter verharren in Vorschriftenfallen, die sie sich selber gebaut haben, sind intensiv mit sich selbst beschäftigt und haben damit zu wenig Zeit für die Aufgaben, für die der Bürger sie bezahlt und ahnen bei Neuem, dies könnte anstrengender sein als das Gewohnte.  Da könnte Schäfer , aus eigener Anschauung überaus glaubwürdig,   Vieles erzählen, was Verwaltung  nicht gern hört, schon gar nicht öffentlich. Zum Beispiel, warum der Gärtner vom Grünamt den Müll, der neben seinem Beet liegt, nicht mitnimmt.(Zuständigkeitsfrage?) Warum Ämter hilfsbereiten Bürgern keine Minijobs geben. Und mit welchem Recht staatliche Verwaltung dem Bürger die Ohren volljammert über Geldstreichungen, wenn der Bürger sich doch selber auch mit weniger Geld behelfen muss.

Viertens: Schäfer und die Medien.

R_Schaefer_Angela_xlRainer Schäfer sammelt seit 28 Jahren unentgeltlich Müll. Nun erst interessieren sich Zeitungen, SWR und ZDF usw. für ihn. Schäfer weiß vom Nutzen aber auch von den Gefahren medialer Aufmerksamkeit. Er ist als Amateur ein Medienprofi. Man muss immer wieder was Neues bieten, sagt er. Und hat sich einen Rucksack mit der Aufschrift  „Ich bin Rainer“ gebastelt, ein Wortspiel, auf dass er bei seinem Aufenthalt in der Bundeshauptstadt stieß. Dazu die Nikolausmütze und zur Weihnachtszeit noch einen weihnachtlichen Gruß an die Mainzer auf den Müllsäcken. Das bringt neues Bilder  und die mediale Neugierde schaukelt sich hoch. Schäfer ist klug genug, diesen Mechanismus zu durchschauen und sich nicht zum Medienopfer machen zu lassen.

Fünftens: Schäfer und die Dankbarkeit.

Für die Behauptung, Engagement tue auch dem, der sich engagiert, gut, ist der schlaue Mann aus Wittlich Kronzeuge. Wenn die Kassiererin an der Kasse des Baumarktes in Mainz, wo er sich eine neue Zange zum Müllaufheben besorgte, „Danke für Ihr Tun“ sagt, freut ihn das. Wenn ihm jemand etwas zu Essen oder Trinken zusteckt, weiß er sogar um den Effekt der doppelten Freude einer solchen Tat: Schenker und Beschenkter belohnen sich beide. Ich fahre am Abend wieder nach Haus, sagt Schäfer beim Abschied, auf den Campingplatz in der Eifel. Zum einen sei er das seinem Kater schuldig, zum anderen könne er bei der Fahrt den Tag nochmals durchdenken. Es passiere zur Zeit so viel.

Herzliche Weihnachtsgrüße

Henning v. Vieregge

Der Robin Hood des Abfalls und die fortgesetzte Mainzer Stadtverwaltungsdickbramsigkeit

01 Dez
1. Dezember 2013

Brief Nr. 56/2013  aus Dezember 2013

Guten Tag,

Der nachfolgende Text erschien als Leserbrief  unter der Überschrift „Schweigen im Wald“ in der Mainzer Allgemeinen Zeitung am 27. November 2013 und hatte ein Nachspiel, über das ich in P.S. berichte. 

Der mittlerweile zu Recht bekannte Robin Hood des Abfalls, Rainer Schäfer, ein Hartz Vierer mit der Einzelkämpfervision eines Müllsammlers aus freier Entscheidung, wurde bei seinem ersten Auftreten im Juni von der Abfall-Verwaltung dafür öffentlich abgewatscht („Illegal, macht Mehrarbeit“)  (Allgemeine Zeitung Mainz 11.9. 2013)

Hat die  Stadtspitze den Mann, als Namen und nähere Umstände des nicht bestellten Wohltäters bekannt wurden, eingeladen und sich bedankt? Haben die verantwortlichen Politiker  von ihrer Verwaltung einen anderen Ton  im Umgang mit engagierten Bürgern eingefordert? Hat sich die Verwaltung bei Schäfer gemeldet? Schäfer: „Von der Stadtverwaltung hat sich noch niemand getraut, mit mir Kontakt aufzunehmen. Es fehlt anscheinend die entsprechende Verwaltungsvorschrift.“ Die Gelegenheit hätte es gegeben, als Schäfer jetzt mal wieder nach Mainz kam, um nach dem Rechten zu schauen und weiter zu sammeln.

Aber weiter  gewissermaßen Schweigen im aufgeräumten Wald  bei Oberbürgermeister (rot), Bürgermeister (grün) und Dezernentin (grün). Anders das gemeine Volk: es applaudierte dem braven Mann in Leserbriefen und zuletzt auch bei persönlichen Begegnungen („Hupkonzert“).

Und in der Sache? Schäfer:  „Als ich nun nach zwei Monaten wieder nach Mainz kam und feststellen musste, dass die von mir über das Internet gemeldeten gefährlichen Sonderabfälle immer noch vorhanden waren, machte mich das zornig. Vor allem weil der Leiter des Entsorgungsbetriebs sich persönlich darum kümmerte.“ Kümmern wollte, muss man wohl sagen.

Was lässt sich tun gegen diesen neuen Triumph von Mainzer Politik-und Verwaltungsdickbramsigkeit?

Mit besten Grüßen

Henning v. Vieregge

 

P.S. Anruf des Leiters des Mainzer Entsorgungsbetriebs, Hermann Winkel: Im Leserbrief ständen Unwahrheiten. Erstens habe man sehr wohl sich um die Beseitigung des von Schäfer gemeldeten Sondermülls gekümmert. Er hätte auf dem Grundstück einer muslimischen Gemeinde gelegen und die hätte hoch und heilig versprochen, ihn umgehend zu entsorgen. Darauf ich: Stimmt Schäfers Aussage, dass der Sondermüll acht Wochen nach der Meldung dort immer noch gelegen habe ?  Winkel: Ja. Man habe sich auf das Wort der Gemeinde verlassen. Darauf ich: Dann ist also Schäfers Aussage richtig? Winkel: Man habe aber gleich nach Schäfers Protest reagiert und den Sondermüll selber entsorgt, obwohl dies eigentlich Sache des Grundstückinhabers gewesen sei. 

Zweitens Winkel: Außerdem stimme es nicht, dass es keinen Kontakt zu Schäfer gäbe. Ich will wissen, welcher Art. Winkel: Per Mail und persönlich. Ich: Ach. Sie haben ihn eingeladen und ihm gedankt? Winkel verneint die Frage. Man habe ihn gemailt und ihn „draußen“ kontaktiert. Ich frage Schäfer, der mir den Mailkontakt mit dem Amt überlässt und unterstreicht, eine persönliche Begegnung habe es bisher nicht gegeben. Allerdings sei er per Mail aufgefordert worden, seinen Lebenslauf einzureichen, nachdem er presseöffentlich sein Interesse an bezahlter Müllentsorgungsarbeit bekundet hatte. Auch Winkel berichtet davon. Wieso Schäfer, wenn ein ernsthaftes Interesse an ihm besteht, nicht gleich zu einem persönlichen Kennenlernen eingeladen worden ist, fragt man sich.

Winkel, drittens: Die Stadt habe den Schäfer sehr wohl gelobt. Er liest mir einen Satz der Pressesprecherin vor, der sinngemäß heißt, prinzipiell sei Schäfers Einsatz lobenswert. Ich frage, ob meine Feststellung, die Stadtspitze habe nicht reagiert, damit falsch sei? Winkel  weist darauf hin , dass dies nicht seine Zuständigkeit sei.

Ihm liegt viertens daran, richtig zu stellen, dass die Feststellung Schäfers, der „Leiter des Entsorgungsbetriebs“ habe zugesagt, sich um den Sondermüll zu kümmern, falsch sei. Zugesagt habe dies sein Abteilungsleiter Strack. Strack ist in der Tat der Mailkontakt Schäfers.  Dies ist also eine Ungenauigkeit im Leserbrief, die ich hiermit zur allgemeinen Kenntnis gebe: Strack ist’s, nicht Winkel; der Vorgesetzte verweist auf die Verantwortlichkeit seines Untergebenen. 

 

Der Robin Hood des Abfalls und die Mainzer Stadtspitze oder: Es geht doch auch vorbildlich. Wie Tübingen über bürgerschaftliches Engagement kommuniziert

09 Nov
9. November 2013

rainer_schaefer

Brief 54/2013

Guten Tag,

ich gebe zu, die Gefahr besteht, dass man dem eigenen Umfeld zu kritisch gegenübersteht und Dritten zu unkritisch. Hier in Mainz erlebe ich bei einem rotgrünen Bündnis durchweg Enttäuschendes zu Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung. Dabei wurde im Wahlkampf viel versprochen.  Da redete der SPD-Kandidat mit Emphase von der Wichtigkeit von Bürgerbeteiligung, jetzt als Oberbürgermeister vermuschelt er aufkommende Forderungen (Totalrenovierung oder Neubau Rathaus ?, Einkaufsklotz in der Innenstadt oder nicht?) und stößt nichts selber an. Der damalige Grünen-Kandidat prägte den geradezu aufrührerischen Slogan „Bürger, holt Euch Eure Stadt zurück!“. Als Stellvertreter des Oberbürgermeisters mit einer  Parteifreundin  als Gründezernentin.  wird gezeigt, wie der Spruch eigentlich gemeint war : „Bürger, holt Euch unsere Arbeit und macht sie so, wie wir wollen.“

Wenn Bürger beispielsweise  Grünanlagenpflege von der Stadt übernehmen sollen, freiwillig natürlich, sollen sie sich dabei bitteschön nach den Vorgaben des Grünamtes richten. Immerhin wird Freiwilligen, die schon länger Grünes pflegen, Straffreiheit zugesagt. Schließlich war solches Engagement bis eben verboten. Die Brunnen wurden im Juni letzten Jahres ohne jede Vorankündigung abgestellt und die Bürger aufgefordert, per Spende für Wasser marsch zu sorgen. Als vor wenigen Wochen ein Robin Hood des Abfalls , wie ihn die Lokalzeitung betitelte, auftauchte, der an den Straßenrändern Unrat sammelte, in rosa Säcke verpackte und abstellte, wurde er, der zunächst anonyme Wohltäter, von einem zuständigen Abfaller der Stadt über die Presse belehrt, dass sein Tun illegal sei und zudem Mehrarbeit produziere. 243 Säcke in zwei oder drei Tagen, eine Zumutung.  Die Lokalzeitung stellte ihn, den Unbekannten, einen Tag später dann als Rainer Schäfer vor, einen Hartz-Vierer mit Sendungsbewusstsein und Tatendrang, und Leser schrieben begeisterte Briefe. Weder der rote noch der grüne Bürgermeister noch die zuständige grüne Dezernentin mochten sich den Lesern anschließen. Sie stellten ihre nöhlende Verwaltung nicht in den Senkel. Sie bedankten sich nicht bei Rainer Schäfer, der noch eine halbe Woche weiter sammelte. und auf über 600 Säcke kam. Sie schwiegen unisono: Der Oberbürgermeister, die Bürgermeister, die zuständige Dezernentin, die sich  sonst jeden Tag gern mehrmals in der Zeitung finden. Die Mainzer Verwaltung forderte Robin Hood zur Kooperation auf, aber der erklärte, mit Bürokratie habe er es nicht so gern. Und verschwand nach einer Woche wieder Richtung Heimat.  Mehr Einsatz konnte er sich finanziell nicht leisten. Er lebte auf dem Campingplatz und ernährte sich von Konserven. Mainz, das sich Fasnacht für Fasnacht durch alle Sitzungen ob seiner Weltoffenheit und Fremdenzugewandtheit lobt, blieb an der Stadtspitze stumm, verärgert und zugeknöpft.

Geht es auch anders?  Der grüne OB Boris Palmer und seine Verwaltung zeigen in Tübingen, wie man es besser macht; die Verwaltungskommunikation pro Bürgerengagement in dieser Stadt ist vorbildlich. Man schaue sich nur an, wie respektvoll und umsichtig Bürger in die Grünpflege einbezogen werden, wenn sie es denn wollen. Boris Palmer hätte einen Rainer Schäfer als das behandelt, was er ist: als einen vorbildlichen Bürger in seinem zupackenden Eigensinn.  http://www.tuebingen.de/buergerengagement

Mit herzlichen Grüßen

Henning v. Vieregge

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