Tag Archive for: Mainzer Allgemeine Zeitung

Merz & Rödder,

02 Dez
2. Dezember 2018

Blog 190/Dezember 2018
Guten Tag,
der Kommentar von Andreas Rödder am vergangenen Samstag unter der Überschrift „Jagd auf Friedrich Merz“ in der AZ war deswegen so treffend, weil Rödder auf ein Grundproblem in diesem Land hinwies: Die Kluft zwischen Politik und Wirtschaft vergrößert sich stetig zum Nachteil von uns allen. Merz könnte diese Kluft verringern. Es gibt viel zu wenige Politiker, die gleichzeitig Wirtschaftler sind oder in die Wirtschaft wechseln. Damit meine ich nicht Politiker in Pseudowirtschaftsfunktionen wie Lobbyismus und auch nicht sogenanntem verdiente Politiker, die zum Dank für ihr langjähriges politisches Wirken an die Spitze kommunaler Unternehmen gesetzt werden.

Natürlich das Risiko für Politiker hoch, in einer echten wirtschaftlichen Funktion zu scheitern. Roland Koch ist dafür ein Beispiel. Aber ist das ehrenrührig? Noch weniger ehrenrührig ist es, wenn ein ehemaliger Politiker in der Wirtschaft erfolgreich ist wie Friedrich Merz. Und über Netzwerke verfügt, die dem normalen Politiker nicht zur Verfügung stehen. Hat man mal Frau Kramp-Karrenbauer gefragt, was sie von Wirtschaft versteht?

Unternehmern mangelt das Wissen und die Einsicht um den Nutzen der Politik. Gleiches gilt umgekehrt für Politiker. Warum tun sich die Öffentlichkeit und die Medien so schwer, einem Brückenbauer die Chance zu geben? Das fragt Andreas Rödder zu Recht.

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

Der Kommentar von Andreas Rödder findet saich im Internet unter „Rödder, Merz“

Gutenberg-Museum Mainz: Ohne Bibelturm ohne Zukunft

25 Mrz
25. März 2018

Blog 173/2018

Guten Tag,
am 15. April wird in einem Bürgerentscheid darüber befunden, ob das Gutenberg-Museum in Mainz, jetzt in städtischer Hand und dem Namensgeber in der Qualität des Museums keineswegs gerecht werdend -schon gar nicht im Jubiläumsjahr!- eine Zukunft hat oder nicht.
Endlich gab es einen Architektenwettbewerb für eine 1. Stufe der Erneuerung; fünf Millionen hat die Stadt zur Verfügung gestellt, nicht viel, aber ein Anfang. Der Wettbewerb brachte eine Überraschung. Steckt das Geld in einen Bibelturm vor dem jetzigen Museum mit unterirdischem Zugang und damit zusätzlicher Ausstellungsfläche, lautete die Empfehlung. Die Mehrheit im Stadtparlament votierte für die Durchführung. Dannn bildete sich eine Bürgerinitiative gegen den Bibelkturm und angefangen vom Oberbürgermeister fiel das Stadtparlament hinter ihre eigene Beschlussfassung und beraumte einen Bürgerentscheid an. Um sich nun -Wunder, Wunder- zu wundern, dass sich aller Unmut gegen Stadtobere hinter den Bibelturmgegnern versammelt.
Hier ein Leserbrief meiner Frau Angela Westerburg an die hiesige Lokalzeitung AZ zum Thema und ein Foto eines für den Turm votierenden Gutenberg

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

Einfache Entscheidung
Wer bei den vielen Informationen für oder gegen den Bibelturm seine Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen hat, dem empfehle ich, sich die Broschüre der Stadt Mainz zum Bürgerentscheid vorzunehmen und die beiden Seiten gegen und für den Bibelturm aufzuschlagen, das ist die letzte Doppelseite in der Broschüre. Da sieht man das Wesentliche auf einen Blick. Die Bürgerinitiative gegen den Bibelturm zeigt den Liebfrauenplatz und die Überschrift lautet „Der Liebfrauenplatz – das Herz von Mainz braucht am 15. April ihre Stimme!“ Die Pro – Bürgerinitiative zeigt in Draufsicht den Dom, das Gebäude Römischer Kaiser, das Gutenbergmuseum Schell -Bau, wie es mal werden könnte, und den Bibelturm, wie er kommen soll, wenn der Bürgerentscheid nicht verloren geht. “ Ja zum Bibelturm, Zeichen setzen, das neue Gutenbergmuseum!“ steht im Button. Wer also jegliche Veränderung auf dem Liebfrauenplatz fürchtet, entscheidet sich gegen den Bibelturm, wem das Gutenbergmuseum am Herzen liegt, der entscheidet sich für den Bibelturm. Insofern ist die Namensgebung der Bürgerinitiative gegen den Bibelturm irreführend. Das Gutenbergmuseum ist ihr in Wirklichkeit so egal wie den hiesigen Kommunalpolitikern in den letzten Jahrzehnten. Zum Liebfrauenplatz hat die BI erreicht, dass der Turm nun kürzer ist und so besser mit dem Römischen Kaiser harmoniert und dass der Platz bürgerfreundlicher umgestaltet wird und mit Turm das Marktfrühstück bestens stattfinden kann. Ich bin sicher, dass beide BIs werden den Druck auf die Stadt , ihre Zusagen einzuhalten, auch nach dem Bürgerentscheid nicht verringern werden.
Angela Westerburg

Der Zeitungsausträger: Eine beispielhafte Zweitkarriere und ihr Ende+++ Auch eine Leseprobe

17 Aug
17. August 2016

Blog 126
Guten Tag

Unser Zeitungsausträger sagt Tschüss
Vor einigen Tagen fand ich einen Zettel im Briefkasten: mein Zeitungsausträger – er heißt Ludwig Schlee- hat sich verabschiedet.

Ludwig Schlee

Er müsse leider seine Tätigkeit als Zeitungsausträger schweren Herzens nach über 20 Jahren im Alter von nun 82 Jahren aufgeben. Nach sechs Monaten krankheitsbedingter Auszeit habe es nochmal versucht,

„doch meine Knochen machen nicht mehr mit, meine Beine tragen mich nicht mehr über solch eine Strecke, meine Arme können den Zeitungswagen nicht mehr ziehen, mein Körper hat die Kraft nicht mehr…Es war meine Leidenschaft, die mich so lange durchhalten ließ.“

Besser lässt sich die Lust an einer zweiten Karriere nicht in Worte fassen. Ich habe ihn daraufhin besucht. Er schilderte nochmals, wie er an den Job kam, was ihm dieser bedeutete und wie schwer ihm das Aufhören gefallen sei. Beim letzten Punkt schluckte er, seine Stimme wurde brüchig und er hatte Tränen in den Augen.
Das ist verständlich. Denn das zweite Aufhören, ob nun aus bezahlter oder unbezahlter Arbeit, fällt besonders schwer, wie mir von verschiedenen Gesprächspartnern versichert wurde. Denn dieses Mal ist der Abschied endgültig. Deswegen, sagt beispielsweise Ulla Mailänder, hauptamtliche Leiterin der Tübinger Begegnungsstätte für Ältere „Hirsch“ , sei es so wichtig, dass dieser Abschied besonders aufmerksam und liebevoll gestaltet wird.
Aufmerksam? Liebevoll? Hierzu können Unternehmen von zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen eher lernen als umgekehrt. So auch in diesem Fall. Als der Zeitungsausträger nach zwanzig Jahren erkrankte und das Austragen unterbrechen musste, wurde seine Bitte, ihm in dieser Zeit doch ein Exemplar der Zeitung zu überlassen, abgelehnt. Heute, nach seinem endgültigen Ausscheiden, muss er sich seine Heimatzeitung, die Mainzer Allgemeine, die er so viele Jahre verlässlich austrug, kaufen. Wäre nicht ein Freiabo für, sagen wir, ein Jahr eine naheliegende Dankesgeste gewesen?
Kleiner Trost: Ein Leser mit Beziehungen zur Lokalredaktion ging der Brief des alten Zeitungsausträgers zu Herzen. So gab es dann wenigstens noch einen Abschiedsartikel.

buch-cover-Kopie

Leseprobe:
Eine beispielhafte Zweit-Karriere

Neulich, es ist nun schon drei Jahre her, traf ich unseren Zeitungsausträger. Erstmals, denn wer ist normalerweise schon um halb sechs an seinem Briefkasten? Für ihn war es an jenem Tag spät. Heute sei es eine Ausnahme, sagte der Mann, als er mit einer Art Bollerwagen die Straße heraufkam. Er sprach gleich von seinen 79 Jahren, und erzählte, wie er zu seiner 2. Karriere gekommen ist, die ihn so offensichtlich jung und behänd hält. Er sei gelernter und gegautschter Buchdrucker gewesen, hatte also einen ehedem hoch angesehenen Beruf im Druckgewerbe ausgeübt, den der technische Wandel voll traf. Ihm wurde ein Abschied mit goldenem Handschlag angeboten, als er 58 war. Er nahm an. Aber was dann? Er habe seiner Frau aus der Zeitung vorgelesen. Da habe seine Frau gesagt: „Ich lese die Zeitung seit mehr als 40 Jahren allein. Das gedenke ich auch in Zukunft zu tun.“ Also hatte sich der Ehemann gesagt: „Ich muss was tun, sonst verbeule ich nur das Sofa vorm Fernseher und verzanke mich mit meiner Frau.“ Und er wurde Zeitungsausträger. Er bereue, sagt er, seine Entscheidung keinen Tag. Wenn er 80 werde, wolle er aber nur noch „Springer“ sein.
Unlängst –auch schon wieder ein Jahr her- war wieder so eine Morgensituation. „Sie wollten doch nach 80 nur noch Springer sein?“, fragte ich. Er antwortete, während der Regen uns in den Hals rann, er habe beschlossen, seinen Job fortzusetzen, solange es gehe.“ „Aber bei dem Wetter?“, wendete ich ein. Er lächelte mich kurz an: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung“.
Der Zeitungsausträger gehört zu jenen, die sich die Frage „Was nun?“ erst stellten, als sie unumgänglich war. Er merkte nach seinem Ausscheiden aus dem Job: so geht es mit mir nicht gut weiter. Er hat sich dann gegen den Nur-Ruhestand und zugunsten einer bezahlten Teilzeit-Tätigkeit entschieden. Er hat eine zweite Karriere gemacht und so seine Antwort auf die Frage „Was nun?“ gefunden.

Aus: Henning von Vieregge, Neustart mit 60, Anstiftung zum dynamischen Ruhestand, Wiesbaden 2016, Verlag Neue Ufer S.20 f

Alles Lügen? Medien und Leserschaft in einer ZEITserie

29 Jun
29. Juni 2015

Brief 1oo/Juli 2015

In der ZEIT startete in 26/2015 eine Serie „Alles Lügen?“, in der die Medien im Mittelpunkt stehen. Demnach ist das Vertrauen in die politische Berichterstattung bei 70 Prozent der Leser unverändert, bei 2 Prozent gestiegen, bei 28 Prozent gesunken. Meine Anregung an die ZEIT: den Umgang der engagierten Spezie  nicht vergessen: dem Leserbriefschreiber.

Hier der Brief an die Leserbrief-Redaktion:

​Liebe Frau v. Münchhausen (oder wer sonst immer hier liest),
ich finde es gut, dass sich die ZEIT der Beziehung Medien-Leser annimmt.
Bitte widmen Sie einen Beitrag der Frage, ob die Medien kundenfreundlich beim Thema Leserbrief verfahren. Cordt Schnibben vom SPEGEL hat hier vor einiger Zeit mit einem längeren Beitrag einen Stein ins Rollen gebracht, indem er freimütig eingestand, wie arrogant oft Journalisten​ mit Menschen umgehen, die sich für das Gedruckte schriftlich interessieren. Über 1200 Zuschriften, ein eigener Leserblog und Lesertreffen mit der Chefredaktion waren die Reaktion. Das Thema ist also relevant, was die Redaktionen aber weithin noch nicht begriffen zu haben scheinen.
In den Ethikverpflichtungen taucht dieses Thema jedenfalls nicht auf.
Als Beitrag jenseits der Sonntagsreden drucke ich Ihnen hier etwas ab: Lokalzeitungsjournalist im Weihnachtsstress antwortet Leser, der einige Wochen nach Einsendung eines Leserbriefs höflich nachfragt, ob der angekommen sei:
 Sehr geehrter Herr von Vieregge,trotz bevorstehender Weihnachtsfeiertage muss ich Ihnen eine etwas patzige Antwort geben: Angesichts der zahlreichen Leserbriefe, die allwöchentlich bei uns eingehen, hätte ich wahrlich viel zu tun, wenn ich jedem Schreiber den Eingang seines Leserbriefes bestätigte. Tut mir leid: Das ist nicht zu machen. Und eine Absage mit Begründung erst recht nicht.

Nichts für ungut, bitte. Frohe Festtage

Jens Frederiksen

Jens Frederiksen Ressortleiter Feuilleton, Allgemeine Zeitung Erich-DombrowskiStr. 2, 55127 Mainz

​Der Versuch, den Journalisten zu einer wenigstens kleinen Entschuldigungsmail zu animieren, um die Sache dann  vergessen zu können, schlug fehl. Nach  Nachhaken in der Spitze meldete sich immerhin der Chefredakteur am Telefon, versprach dies und jenes  und wich  der erbetenen Rückmeldung aus. Die Zeitung ist in Mainz wie so viele Lokalzeitungen an ihrem Ort Monopolist, die (schwache) Gegenwehr des Lesers findet im Netz statt. (www.vonvieregge.de, Stichwort Leserbrief)
Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge
Aus der Antwort von Anna v. Münchhausen, ZEIT-Textchefin und verantwortlich für Leserbriefe
Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass die verbreitete  herablassende Haltung der Medien  Leserinnen und  Lesern gegenüber  absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Das von Ihnen angeführte Beispiel der Mainzer Zeitung spricht Bände, und natürlich habe ich auch die Mea culpa-Initiative von Cordt Schnibben mit großem Interesse verfolgt. Für uns hier würde ich allerdings in Anspruch nehmen, dass die ZEIT  mit ihren Lesern  immer schon sorgsam kommuniziert hat.
Wir haben kürzlich auch darüber diskutiert, wie mit den Kommentaren auf  ZEIT-online umzugehen ist – insbesondere dann, wenn es sich um rüde anonyme Beschimpfungen handelt. Ob man  anonyme Reaktionen per se ausschalten soll, darüber konnte bislang noch keine Einigung erzielt werden. Es gibt interessante Argumente pro und contra.

Ein Journalist trifft der Nerv: DER SPIEGEL rückt an seine Leser heran- und die Leser rücken zurück

03 Apr
3. April 2015

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-132040387.html

88/April 2015

Guten Tag,

Cordt Schnibben, alter Fahrensmann in der Redaktion,  hat sich in einem ausführlichen Namensbeitrag im SPIEGEL 10/2015 „Knast, wenn du lügst“!“ mit der veränderten Beziehung Journalist-Leser beschäftigt.

Ich habe ihm geantwortet und mich dabei auf meine Erfahrungen mit Mainzer Lokaljournalismus-Arroganz Bezug genommen. Schnibben hat geantwortet.(bitte durchscrollen)

Zu Schnibbens Beitrag (vollständige Fassung oben per Link): Er schreibt von Zeiten, als ein Ressortleiter der ZEIT, „der alllwissend wie ein Chefarzt auftrat“, einem Leser, der sich darüber beschwerte, auf seinen Leserbrief keine Antwort erhalten zu haben, mitteilen ließ, es habe einen Zimmerbrand gegeben und dabei sei wohl der Leserbrief in Flammen aufgegangen. Auf diese Ausrede ist man bei der Mainzer Zeitung, die Leserbriefe bis heute ohne Antwort läßt und bei Beschwerde dem Leser die Ohren wäscht (s. Blog 79/15) noch nicht gekommen. Dabei könnte man auch anders handeln, wie ich unter Verweis auf den BDZV beschrieben habe (Blog 80) und Schnibben jetzt in seinem Beitrag. Und man muss es wohl auch, denn „wir Journalisten müssen uns Sorgen machen, ob Sie auch im nächsten Jahrzehnt noch Käufer oder Leser sind.“ Schnibben u.a.: Die Fehlerkultur in den Redaktionen sei wenig ausgeprägt, Kritik an Journalisten habe lange Zeit als Majestätsbeleidigung gegolten. er Autor sich und seine Kolleginnen und Kollegen zu einem „neuen Verhältnis zu unseren (!) Lesern“ aufrief.  Die nämlich seien „kritischer und mächtiger (geworden), als vielen von uns lieb ist“. Der Leser sei zur „Fünften Gewalt“ geworden und Schnibbens Neugier auf die Leser, so versichert er, sei gewachsen; er lud zur Diskussion ein und versprach gar den ersten Hundert ein Leser-Dinner. 

Lieber Herr Schnibben, zu Ihrem Beitrag drei Bemerkungen:

Die Journalisten-Gleichung Leserbriefschreiber gleich Zeitdieb (wenn nicht Querulant) ist keineswegs aus der Gültigkeit. Nur: Der Leser nimmt es nicht mehr in allen Fällen klag- und wehrlos hin. Und wenn er den Vorgang nur öffentlich macht wie ich meine Behandlung durch die Mainzer Allgemeine. Vielleicht, so habe ich mir überlegt, ist in Klüngelstädten wie Mainz die Arroganz der Herrschenden besonders ausgeprägt und Journalisten stehen dabei nicht zurück. Aber dazu müsste empirische Forschung her, um die Behauptung zu belegen oder zurückzuweisen.

Die Journalisten sind nicht die Einzigen, die ungewohnten Legitimations-Druck bekommen. Bürgerengagement verschiebt Machtgrenzen und macht es den jeweils Hauptamtlichen schwerer, wenn sie nicht im Spiel eine neue Rolle finden: Sie sind nicht mehr der Alleinmacher und Alleskönner, sondern Coach und Ermöglicher. Dies betrifft​ alle, vom Pfarrer über den Politiker zum Altenpfleger. Diese veränderte Rolle nicht als Abwertung zu verstehen, das fällt schwer.

Für diese veränderte Beziehung braucht es neue Regeln. Erstaunlich, dass Journalisten in ihrer Standesethik das Thema „Wir und die Leser“ bisher nicht erarbeitet haben.

 

Mit herzlichen Grüßen

Henning v. Vieregge

P.S. Am 8. April kam die Antwort von Cordt Schnibben mit einer Entschuldigung für die krankheitsbedingte Verzögerung.Auf meine Frage hin schickte er am 10. April die Zahl der Rückmeldungen, die er erhalten hat:bei der letzten Zählung waren es 1168. Diese hohe Zahl zeigt, dass hier ein Nerv getroffen wurde. DER SPIEGEL will einen Leser-Blog einrichten.

Schnibben:

„Die Punkte 1 und 2 sehe ich wie Sie, Vorschlag 3 finde ich so spannend, dass ich ihn im neuen geschaffenen Leserblog auf Spot (in ca. 2 Wochen am Start) zur Diskussion stellen werde.“

Nachtrag: Mainzer Allgemeine und andere, die es betrifft, so agiert der SPIEGEL auf eine Leserzuschrift (Ich meine, das ist das Mindeste der Reaktion):

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

vielen Dank für Ihre E-Mail.

Die Leserbrief-Redaktion bemüht sich auf den ihr zur Verfügung
stehenden Seiten um eine repräsentative Auswahl von
Meinungsäußerungen. Der Platz für Leserbriefe im SPIEGEL ist
jedoch begrenzt, so dass nur wenige der zahlreichen
Zuschriften, die uns Woche für Woche erreichen, veröffentlicht
werden können.

Alle an den SPIEGEL gerichteten Zuschriften – auch die
unveröffentlichten – werden aber an die zuständigen
Fachressorts weitergeleitet, damit wichtige Hinweise und
Anregungen nicht verloren gehen.

Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass Sie wegen der großen
Zahl von Zuschriften eine automatische Antwort von uns
bekommen.

Sollte Ihr Leserbrief veröffentlicht werden oder eine
persönliche Antwort erfordern, erhalten Sie von uns Nachricht.

Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich gern an
spiegel@spiegel.de.

Mit freundlichen Grüßen

Catherine Stockinger
Leiterin Leser-Service

SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG
Ericusspitze 1
20457 Hamburg
Tel: +49 (40) 30 07 – 0
Fax: +49 (40) 30 07 – 2966
E-Mail: leserservice@spiegel.de
http://www.spiegel.de

 

Einzelkämpfer Rainer Schäfer persönlich Beitrag 57/2013

15 Dez
15. Dezember 2013

rainer_schaefer

Fünf  starke Gründe, ihn kennen zu lernen

Brief 57/2013 vom Dezember

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Um es gleich zu sagen: Rainer Schäfer ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Er regt fünffach zu einem differenzierten Bild.

Erstens: Hartz Vierer sind keine amorphe Masse

R_Schaefer_Nikolaus_xlJeder, sagt Rainer Schäfer, kann Hartz Vierer werden, einige Schicksalsschläge, mal nicht aufgepasst, schon bist du das. Schäfer verkörpert einen Typus, der bei Arbeitsämtern und anderswo noch nicht im Set der Vorstellung geschweige denn der Vorschriften ist: Ein Ehrenamtler, der den staatlichen Notunterhalt braucht, um sich sein Engagement  leisten zu können. Bürgerengagement und Ein-Euro-Job? Das ginge nur über eine einstellenden Institution, nicht als Einzelkämpfer. Schäfer wäre der Prototyp für ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es u.a. DM-Gründer Götz Werner fordert. Schäfers gesellschaftlicher Nutzen ließe sich nach Müllsäcken berechnen, da wäre die Vorbildfunktion noch gar nicht einbezogen.

Zweitens: Schäfer und der Nutzen des Ehrenamts

Er ist der lebende Beweis für die These, dass bürgerschaftliches Engagement Staat und Gesellschaft großen Nutzen bringen können. Im Müllsektor kennt er sich aus. Eine Stadtverwaltung mit offenen Ohren und Interesse an der Sache würde ihm als Scout und Botschafter nutzen. Er weiß aus Erfahrung und Beobachtung, wo Abfalltonnen falsch stehen oder fehlen. Er könnte den Kaminzug-Effekt erläutern. Wenn man ihn denn fragte. Er verkörpert drei wichtige Botschaften: Müll gehört nicht in die Landschaft, Bürger können helfen, die Heimat sauber zu halten und Menschen, die säubern, ( bezahlt oder unbezahlt), verdienen unseren Respekt.

Drittens: Schäfer ist der lebende Beweis für die Ungeschicklichkeit von Verwaltung und Politik im Umgang mit engagierten Bürgern.

Besonders Einzelwesen, Individuen, die ungefragt und unaufgefordert und ungeplant etwas für die Gesellschaft tun, stimmen Institutionen (übrigens nicht nur staatliche) ratlos bis aggressiv. Im Falle von Schäfer, der zum dritten Mal in Mainz aktiv ist in diesen Tagen, haben die Mainzer Verantwortlichen trotz Wiederholungsfall nicht viel gelernt. Beim nun ersten persönlichen Kontakt -Einladung in den Entsorgungsbetrieb – war wiederum vom Leiter oder gar der Dezernentin nichts zu sehen. Stattdessen wurde die Farce um das angebliche Einstellungsangebot fortgesetzt: Abteilungsleiter Strack outete sich als Pressemann ohne Befugnis für Personalangelegenheiten, der Schäfer aufforderte, weitere Unterlagen einzureichen und vor all zu großen Hoffnungen warnte. Kein Dank, kein Essen, noch nicht einmal eine Tasse Kaffee oder ein paar Mülltüten gratis. Dahinter steckt freilich  mehr als persönliche Ungeschicklichkeit. Es hat mit Strukturen zu tun. Ämter verharren in Vorschriftenfallen, die sie sich selber gebaut haben, sind intensiv mit sich selbst beschäftigt und haben damit zu wenig Zeit für die Aufgaben, für die der Bürger sie bezahlt und ahnen bei Neuem, dies könnte anstrengender sein als das Gewohnte.  Da könnte Schäfer , aus eigener Anschauung überaus glaubwürdig,   Vieles erzählen, was Verwaltung  nicht gern hört, schon gar nicht öffentlich. Zum Beispiel, warum der Gärtner vom Grünamt den Müll, der neben seinem Beet liegt, nicht mitnimmt.(Zuständigkeitsfrage?) Warum Ämter hilfsbereiten Bürgern keine Minijobs geben. Und mit welchem Recht staatliche Verwaltung dem Bürger die Ohren volljammert über Geldstreichungen, wenn der Bürger sich doch selber auch mit weniger Geld behelfen muss.

Viertens: Schäfer und die Medien.

R_Schaefer_Angela_xlRainer Schäfer sammelt seit 28 Jahren unentgeltlich Müll. Nun erst interessieren sich Zeitungen, SWR und ZDF usw. für ihn. Schäfer weiß vom Nutzen aber auch von den Gefahren medialer Aufmerksamkeit. Er ist als Amateur ein Medienprofi. Man muss immer wieder was Neues bieten, sagt er. Und hat sich einen Rucksack mit der Aufschrift  „Ich bin Rainer“ gebastelt, ein Wortspiel, auf dass er bei seinem Aufenthalt in der Bundeshauptstadt stieß. Dazu die Nikolausmütze und zur Weihnachtszeit noch einen weihnachtlichen Gruß an die Mainzer auf den Müllsäcken. Das bringt neues Bilder  und die mediale Neugierde schaukelt sich hoch. Schäfer ist klug genug, diesen Mechanismus zu durchschauen und sich nicht zum Medienopfer machen zu lassen.

Fünftens: Schäfer und die Dankbarkeit.

Für die Behauptung, Engagement tue auch dem, der sich engagiert, gut, ist der schlaue Mann aus Wittlich Kronzeuge. Wenn die Kassiererin an der Kasse des Baumarktes in Mainz, wo er sich eine neue Zange zum Müllaufheben besorgte, „Danke für Ihr Tun“ sagt, freut ihn das. Wenn ihm jemand etwas zu Essen oder Trinken zusteckt, weiß er sogar um den Effekt der doppelten Freude einer solchen Tat: Schenker und Beschenkter belohnen sich beide. Ich fahre am Abend wieder nach Haus, sagt Schäfer beim Abschied, auf den Campingplatz in der Eifel. Zum einen sei er das seinem Kater schuldig, zum anderen könne er bei der Fahrt den Tag nochmals durchdenken. Es passiere zur Zeit so viel.

Herzliche Weihnachtsgrüße

Henning v. Vieregge

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