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Das Salz der Erde: Die Kirche (n) in der lokalen Bürgergesellschaft

14 Jun
14. Juni 2015

Brief 97/ Juni 2015

Guten Tag, im Brief 96 habe ich geschrieben, dass beim Kirchentag die Beziehung Kirche zu Zivil- oder Bürgergesellschaft entschieden zu kurz gekommen ist. Anzufügen ist: im Widerspruch zu den Verlautbarungen vorab. Der gastgebende Bischof Frank Otfried July sagte (zitiert nach epd): “ Es soll das Signal ausgehen, dass die Kirchen sich in diese Gesellschaft einbringen und dass sich Christen nicht in Nischen zurückziehen. Wir sind Teil dieser Zivilgesellschaft und reden deshalb mit -in religiösen Fragen, Sozialfragen, Bildungsfragen, Kulturfragen.“  Kirche als Teil der Zivilgesellschaft- was heißt das und wie verträgt sich dies mit der Bewahrung der Besonderheit von Kirche?  Darüber habe ich mir im nachstehenden Aufsatz einige Gedanken gemacht. Er erschien im Umfeld weiterer Beiträge im Wegweiser Bürgergesellschaft, zugänglich im Netz. (Nr.10/2015) http://www.buergergesellschaft.de/nl/

Mit herzlichem Gruß

Henning v. Vieregge

Das Salz der Erde: Kirche(n)  in der lokalen Bürgergesellschaft

 Warum Kirche sich  stärker als bisher nach außen orientieren und insbesondere mit Organisationen und Personen der lokalen Zivil- und Bürgergesellschaft gemeinsame Sache machen sollte.

 Der gewählte Titel dieses Beitrags verspricht mehr, das sei gleich eingeräumt, als eingelöst werden kann. Es handelt sich  hier um einen Einstieg in einen geplanten längeren Text[1]. Überschrift und Untertitel bieten die Möglichkeit, das Vorhaben zu erläutern. Beginnen wir beim Salz der Erde.

1. Salz der Erde sein

„Für mich gibt es zwei Bilder in der Bergpredigt, die das Verhältnis der Kirche zur Welt gut beschreiben: das Licht auf dem Berg und das Salz der Erde. Wenn man nur versucht, sein Profil gegen die gesellschaftliche Entwicklung zu stärken, als erhabener Gegenentwurf auf dem Berg zu leuchten, dann ist das zu wenig.  Das Salz der Erde übt seine Funktion genau dadurch aus, dass es nicht mehr als Salz erkennbar ist. Auch das ist der Auftrag der Kirche.“. So der katholische Theologe Eberhard Schockenhoff[2], der mich zum Titel dieses Beitrags anregte.

Kirche, die nur aus der Ferne wahrgenommen wird, und sei sie noch so erhaben, wird in Zeiten, in denen Kirchenmitgliedschaft und insbesondere aktive, sich mit der „Sache“ (d.h. mit dem Glaubensangebot) identifizierende Kirchenmitgliedschaft nicht mehr vererbt wird, geht zugrunde. Die Organisation, weil ihr die Mitglieder fehlen, der Glaube, weil ihr die Gemeinschaft sichernde Organisation fehlt. Kirche, die sich der Gesellschaft lediglich als gesellschaftlicher Problemlöser (Flüchtlinge!, Arme!) andient, ohne die Kirchenfernen einzubeziehen, funktioniert zwar als „Wärmestube der Republik“ (Gerhard Wegner), aber das ist es dann auch. Deswegen sind beide Bilder nicht als Gegensatz zu verstehen, sondern als Ergänzung, die jeweils ins Gleichwertigkeit zu bringen ist. Wobei die Aufgabe, Salz der Erde zu sein, aktuell mehr Gewicht haben sollte, meint Schockenhoff mit Blick auf seine katholische Kirche. Ich habe vor allem die evangelische Kirche im Blick und sehe in dieser Frage keine prinzipiellen  Unterschiede: Die Ansicht, Kirche solle sich stärker zum Mitglied  öffnen und diesem innerhalb der Kirche mehr  Aufgaben und Verantwortung geben, ist einhellig, auch wenn die Schlüsse aus dieser Überzeugung nur zögerlich gezogen werden[3]. Die Forderung nach stärkerer Außenorientierung von Kirche, bei Kirchengemeinden bezogen auf ihr lokales Umfeld, ist schon weniger mehrheitsfähig, wie im Abschnitt 3 gezeigt wird.  Das Bild, das Schockenhoff verwendet, geht aber noch weiter: Kirche soll Teil der Gesellschaft sein. Wie kann dies im Interesse der Kirche liegen? Es gibt darauf prinzipielle und aktuelle Antworten.

Katholische und evangelische Theologen, Theoretiker und Praktiker, finden Antwortimpulse seit einigen Jahren in der anglikanische Kirche, nachdem diese sich  aus einer Finanzkrise heraus auf im Vergleich kühnen Reformkurs begeben hat [4], in dessen Zentrum  Relevanzgewinn durch neue Formen der Glaubensvermittlung steht. Ausgangspunkt war die Frage nach dem „Wozu?“ von Kirche und der Analyse der Glaubenssituation.  Der in Deutschland einflussreiche anglikanische Alt-Bischof John Finney spricht von  „einer vierfachen Generationenfolge des Glaubenswandels“ [5].

Generation eins: Jeder und jede geht zur Kirche – jede und jeder kennt sozusagen die Basics. Da alle zur Kirche gehen, ist Kirche der Ort der Evangelisation – durch die Predigt.

Generation zwei:  Die Eltern schicken  ihre Kinder zur Kirche, aber sie selber gehen nicht mit.

Generation drei: Die Eltern haben ihre Kinder nicht mehr zur Kirche geschickt. In den achtziger und neunziger Jahren haben wir bei der Zahl der Kinder, die zur Kirche kam, einen starken Rückgang festgestellt. Außerdem erwiesen sich auch die großen missionarischen Kampagnen nicht mehr als effektiv. Wir sind dann zu Glaubenskursen übergegangen.

Generation vier:  Niemand geht mehr zur Kirche und niemand weiß – und hat auch noch nie gewusst, um was es bei dem christlichen Glauben eigentlich geht – abgesehen von der kleinen Zahl der Gottesdienstbesucher.

Wenn Kirche zwar als „erhabener Gegenentwurf“ (Schockenhoff) noch wahrgenommen wird – z.B. als Bauwerk in der Mitte eines Dorfes, das aus traditionellen und kulturellen Gründen, das sehen auch die Kirchendistanzierten so, erhalten werden sollte- , aber nicht mehr als Salz in der Gesellschaft, namentlich der aktiven Bürgergesellschaft , um das Bild aus der Bergpredigt nochmals aufzugreifen, dann schwinden die Chancen auf die Zukunftsfähigkeit  sowohl des Glaubens als auch der Kirche als Organisation.  Wer zweifelt, dass die „Zukunft als religionsfreie Zone“[6], Wirklichkeit werden könnte, sei auf eine Aktion der Herbert-Quandt-Stiftung verwiesen. Unter dem Titel „ Auf der Suche nach dem Wir – Gefühl, begünstigende und hemmende Faktoren für bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg – Vorpommern[7]“ wurde 2013 eine Broschüre herausgegeben, in der die Ergebnisse einer intensiven Befragung von Bürgern in Mecklenburg-Vorpommern an vier Orten in acht Gesprächsrunden mit 81 in ehrenamtlichen Funktionen engagierten und nicht-engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie Experten geschildert werden.

Zur Kirche heißt es (S. 102): „80 % gehören keiner Konfession oder einer anderen Konfession an als der christlichen. Dementsprechend können sich die Diskussionsteilnehmer der acht  Runden auch kaum zum Themenkreis Kirche und freiwilliges Engagement äußern – die vielfältigen Aktivitäten der Kirchen sind in der breiten Öffentlichkeit offenbar wenig bekannt….Insoweit wird ihnen auch nicht zugetraut, in der breiten Öffentlichkeit Zeichen für mehr gesellschaftliches Engagement zu setzen. Von  einigen der Teilnehmer wird das bedauert:“

Lassen wir dahingestellt, ob diese Feststellungen hinreichend abgesichert sind. Sie zeigen jedenfalls, dass  Finneys  „Generation 4“ keine realitätsfremde Vision ist. Wer verhindern will, dass sie Mainstream wird, muss handeln.

Es reicht  nicht mehr, die Türen der Kirchengemeinden weit zu öffnen. Es reicht auch nicht, wenn die bekennenden Christen mal ausschwärmen. Notwendig ist die konsequente Öffnung gerade gegenüber den Menschen, die mit Kirche und Glauben wenig oder gar nichts anfangen können, sich aber sinnvoll betätigen möchten. Bindung entsteht durch gemeinsames Tun. Ein solches Vorgehen hat nicht in erster Linie den Staat, dessen  Repräsentanten und dessen Verwaltung, im Auge, sondern den bisher fremden, vielleicht auch fremdelnden Nachbarn. Es geht um seine Interessen. Sieht man sich Umfragen  unter den Kirchenmitgliedern beider großer Kirchen zum Thema Zivilgesellschaft an, kann man mit  Rupert Graf Strachwitz  zu dem Fazit kommen, dass  „Kirche in ihren Mitgliedern in der Zivilgesellschaft angekommen zu sein scheint[8].“ Allerdings gilt auch, wie Strachwitz detailliert ausführt, dass die Kirchen aus langer gewachsener Tradition „in vielerlei Hinsicht wie öffentlich-rechtliche Gebietskörperschaften (handeln), ohne solche zu sein und ohne über eine vergleichbare demokratische Legitimation zu verfügen[9].“  Heute seien zwar „Bekenntnisse deutscher Kirchenvertreter zur Zivilgesellschaft Ausnahmen[10]“, aber andererseits sieht Strachwitz „die großen Kirchen …auf dem Weg zu einem zivilgesellschaftlichen Selbstverständnis[11].“

  1. Macht die Bürger- und Zivilgesellschaft stark!

Klaus Dörners Buchtitel  „Leben und Sterben, wo ich hingehöre“ [12]bringt die Diskussion um lokales Engagement in Zeiten des demografischen Wandels  gut auf den Punkt. Der Autor beschreibt den  gewachsenen Gegensatz von Bürgerwunsch und Realität, bewirkt durch den  Wohlfahrtsstaat : die Verbringung alt und krank gewordener Menschen in Heime und das Sterben in Krankenhäusern entspricht ganz überwiegend nicht den Wünschen der Betroffenen. Das müsse verändert werden. Die Chancen dazu seien in den letzten Jahren gewachsen und würden  weiter wachsen. Da aber Familien und Staat  als unterstützende Instanzen schwächer werden, sei diakonisches Engagement in der Nachbarschaft  zunehmend gefordert.

 

Das Konzept einer Bürger- und Zivilgesellschaft geht räumlich und inhaltlich über diesen Ansatz hinaus. Herausgearbeitet wurde die eigene Handlungslogik  der durch überwiegend freiwilliges und kostenloses Geben von Zeit und Kompetenz charakterisierten  „dritten Arena“ Zivilgesellschaft[13]  (neben Staat und  Wirtschaft). Die Befürworter einer stärkeren Bürger- und Zivilgesellschaft ( neben den Genannten u.a.  Roth 2011, Embacher 2012 , Krüger/Sittler 2011)[14] setzen darauf, dass Bürgerengagement einzelne Institutionen und in der Summe die Gesellschaft lebenswerter macht.

 

Die vom Berliner Städtebauministerium geförderte ökumenische Aktion  – vielleicht besser  Themenplattform zu nennen-  ¨Kirche findet Stadt¨[15] zeigt, dass sich in beiden Kirchen Kräfte regen, die die Anschlussfähigkeit an diese Debatte suchen. Es geht auch hier vor allem um den nachbarlichen Sozialraum, das Quartier, den Stadtteil[16]. Treibende Kräfte kommen aus den beiden Wohlfahrtsverbänden der Kirchen, Diakonie und Caritas, die der Wiederverknüpfung von Mission und Diakonie im nachbarschaftlichen Handeln in einem neuen Mix von Haupt- und Ehrenamtlichen das Wort reden. Dieser Weg ist schwierig und heute eher Wunschbild als Realität.[17]  Stärkere Außenorientierung ist demgegenüber ein weitergehendes Wunschbild und Handeln nach dem Konzept von Corporate Social Responsibility (CSR) geht nochmals darüber hinaus.

 

  1. Das Hamburger Beispiel: Mehr Außenorientierung bitte

Aufschlussreich ist eine Initiative der Nordkirche.  Sie, 2013 für drei Jahre gestartet, Vorarbeiten seit 2011, heißt  „Stadt mitgestalten – Initiative zur Stärkung kirchlicher Arbeit in der Stadt“. Die Leitung liegt bei Frank Düchting, im Hauptberuf Studienleiter der evangelischen Akademie der Nordkirche[18].

Wenngleich die Initiative auch mit den Mitteln von Flyern, Tagungen, Broschüren mit Praxisbeispielen und einer eigenen Homepage[19] arbeitet, so sieht Düchting doch in der Direktkommunikation die aussichtsreichste Vorgehensweise. Er  spricht von aufsuchender, aktivierender Befragung, was heißen soll:  „Schlüsselpersonen und – gemeinden identifizieren, Beziehungen herstellen und die Problemlagen der Menschen in der Stadt gemeinsam bearbeiten.“[20]  Von den 130 Gemeinden sollen diejenigen, die bereits in der Stadt aktiv sind, visitiert und bestärkt werden. Unterschieden wird Stadtteil -kulturell, ökologisch – nachhaltig, sozialdiakonisch, interreligiös und politisch – gesellschaftlich. Die so in ihrer Außenorientierung unterschiedlich ausgerichteten Kirchengemeinden sollen in Cluster gebracht werden und damit in einen Austausch. Düchting geht davon aus, dass sich etwa 30 % aller Gemeinden von einem „der Stadt zugewandten Kirchenbild“ leiten lassen. “ Die anderen ca. 70 % sähen „Kirche eher als ein Gegenüber zur Stadt, als religiösen und spirituellen Ort der Gemeinschaft. Allenfalls sind diese Gemeinden diakonisch – caritativ unterwegs.“  Das ist es wieder, das „Licht auf dem Berg“!

Außenorientierung von Kirchengemeinden gehört seit jeher  zu den Kernaufgaben, aber es fehle der Kirche doch, ergänzend zu Seelsorge und Verkündigung, an Kontextkompetenz, „einer Kompetenz für das aktive sich Einlassen auf die jeweilige Umgebung“.  Ob eine Gemeinde außenorientiert ist oder nicht, lässt sich an Erkennungsmerkmalen herausfinden, die aus der Praxis heraus definiert wurden und werden[21]. Dabei geht um drei Suchbewegungen: Hat die Gemeinde (Pastor, KV, Haupt- und Ehrenamtliche) Kontakte in den Stadtteil hinein?[22] Hat die Gemeinde ein Leitbild, ein Konzept o.ä., welches Kirche für Andere oder mit Anderen als erstrebenswert beschreibt? Hat die Gemeinde zu dieser reklamierten Ausrichtung eine theologische und kirchliche Begründung erstellt und veröffentlicht?

Eine weitere eigenständige Kriteriensammlung, auf die die Hamburger Bezug nehmen, liefert  Paul Hermann Zellfelder[23] Er unterscheidet  sechs Formen gesellschaftsdiakonischen Engagements von Gemeinden: Raum geben, Forum sein, Partei ergreifen, institutionelles Engagement betreiben, Netzwerk bilden und Position beziehen. Zellfelder ergänzte jede der hier aufgeführten Engagementformen mit Beispielshinweisen. Im Sinne der beschriebenen aktivierenden Initiative handelt es sich bei allen aufgeführten Merkmalen gleichermaßen um vorfindbare wie  auch um wünschenswerte Charakteristika einer Kirchengemeinde.

 

  1. CSR auch für Kirchen

Es soll dafür plädiert werden, das Eigeninteresse der Kirche  mit der Forderung nach mehr Außenorientierung zu verbinden.  Bei Unternehmen  scheint es nicht schwer zu sein, das Eigeninteresse zu bestimmen: Das Unternehmen soll heute und in der Zukunft profitabel arbeiten, dann wird es Bestand haben. Bei der Kirche geht es um die Zukunftsfähigkeit von Glauben und Organisation, die sich wechselseitig bedingen. Bei dieser Formulierung ist klar, dass  die kirchliche Organisation kein Selbstzweck ist (und schon gar nicht in der bestehenden Ausformung), aber  Glauben ohne Organisation überlebt nicht. Die genauere Formulierung des Eigeninteresses sei der vertiefenden  Diskussion überlassen; es sollte ihr aber nicht ausgewichen werden.[24]. Sie ist hier in den Argumenten pro Außenorientierung und diese vor allem ausgerichtet auf die Arena Zivilgesellschaft  umrissen.

Warum wäre der Verzicht auf die Bestimmung des Eigeninteresses von Kirche in all ihren organisatorischen Gliederungen und Einheiten ein Fehler?  Die Antwort findet sich in der Übernahme oder Analogie des Corporate Social Responsibility (CSR) Konzepts  in der Version von Mark Kramer und Michael Porter[25]   Ihnen folgend ist es gerade  die Verbindung von Eigen- und Gemeinwohlinteresse , die den Wandel vom halbherzigen zum vollen Akteur von CSR bewirkt, weil nur so  Unternehmen gesellschaftliches Engagement,  „nicht länger defensiv formulieren, das heißt als moralische Sondersteuer für tatsächliche oder vermeintliche Sünden“, sondern als „eine Art Kuppelproduktion von unternehmerischem und gesellschaftlichem Nutzen[26] verstehen.

Unternehmen, die nur ihrem Eigeninteresse folgen, betreiben nicht CSR, sondern PR und Marketing in verschleierndem Gewand, „Zuckerguß-Caritas“, wie es Maritta Koch-Weser von Earth 3000 nennt[27]. Fehlendes Eigeninteresse beschränkt andererseits die Wirksamkeit, der Akteur sieht sich von Dritten (z.B. dem Staat per Gesetz) zu CSR Aktivitäten  gefordert und fordert sich nicht selbst. Kuppelproduktion heißt also: Kirchen sollen machen, was sie besonders gut können, und dies aber, ohne Eigennutz zum alleinigen Maßstab der Berechtigung und Wirksamkeit zu erheben.  Für eine Kirchengemeinde geht es also um die Verbindung von Eigen- und Gemeinwohlinteresse, Kirche für Andere ist auch Kirche für sich. Hier verbinden sich die beiden Bilder aus der Bergpredigt zu einer Synthese.

Kirche, die sich voll auf die Bürgergesellschaft einlässt, kann ihre Einflussgruppen – die weit über die Kirchenmitglieder hinausreichen- tatsächlich und glaubwürdig erreichen.  Es geht um die verbesserten Chancen der Wahrnehmung, der Relevanzzuschreibung und des Reputationsgewinns im schwieriger gewordenen Wettbewerb.  Voraussetzung ist natürlich, dass die eigene Klientel sich von der Vorstellung löst, „die Gesellschaft sei so säkular, dass man religiöse Anliegen in ihr überhaupt nicht artikulieren könne.“[28]  Cornelia Coenen-Marx ist unter Hinweis auf die jüngste Kirchenmitgliedschafts-Untersuchung der EKD der Auffassung, „dass das Engagement im kirchlichen Kontext eine Chance bietet“[29]. Bürgerschaftliches  Engagement könnte also beiden helfen, der  Bürgergesellschaft vor Ort, dem einzelnen Bürger, und der Kirche vor Ort, der Kirchengemeinde und ihrem Mitglied.  Freilich:  Die Nutzenvorstellung eines Engagements in der Gesellschaft, bei der Institution und Person auf den christlichen Prägestempel verzichten[30], auf die Führung ohnehin, ist erklärungs- und gewöhnungsbedürftig. Wer diesen Weg, das sei hier nochmals unterstrichen, für einen Aufruf zum Nur-Sozialengagement mit dem Absender Kirche hält, hat den Ansatz nicht verstanden. Es ist gerade das religiöse Eigeninteresse, das den Wert von Kirche und Religion als „Kosmos kreativen Eigensinns[31]“ ausmacht. Auf den Punkt gebracht: „Zivilgesellschaftliche Leistungsfähigkeit  hängt von der Stärke religiöser Kommunikation ab[32]. Wenn die skizzierte Entwicklung für Kirche und Gesellschaft zutrifft, ist dieser Weg, der empirisch kein Neuland sondern vielfach eingeschlagen ist,  jetzt verstärkt zu erproben. Was auf den verschiedenen Ebenen von Kirche zur Ermutigung  getan werden muss, ist innerkirchlich zu diskutieren.  Aber emotionaler Rückhalt für die Veränderer durch Kirchenleitung, wie ihn der zitierte anglikanische Bischof John Finney so trefflich  beschreibt, gehört in jedem Fall dazu, : „Und wenn ich heute eine Pfarrei besuche, dann stelle ich auch immer die Frage: Was probiert ihr denn heute gerade aus?“ [33].

Verstärktes Engagement von Kirche in der Zivilgesellschaft sollte von der Ausnahme zum  Mehrheitsweg werden – zum Vorteil von Kirche und Gesellschaft gleichermaßen.

 

 [1] Es handelt sich um ein mit dem Berliner Maecenata-Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft abgestimmtes Einzelforschervorhaben unter dem Richtungsstitel „Kirche und Zivilgesellschaft“. Es wird vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD, Hannover,  seit 2014 unterstützt. Ich stehe mit zwei angehenden Theologen, Juliane Rupp und Adrian Schleifenbaum (beide Heidelberg) im Diskussionsverbund. Sie haben im empirischen Teil abgestimmt auf die gleichen EKHN-Kirchengemeinden ihre theologischen Examensarbeiten verfasst.

[2]  So in einem Interview in Christ und Welt Nr.14/2015

[3] Ein Beispiel: Gemeinden, die Theologen aus eigenen Spenden finanzieren, sollen diese nicht Pastoren nennen dürfen.  Angebote dieser Gemeinden, gemeinsam mit der Kirchenleitung ein Anerkennungsprocedere zu erarbeiten, werden nicht aufgegriffen. Dabei wird es auch in Deutschland zukünftig, im Grunde schon heute, nicht ohne ehrenamtliche oder halb ehrenamtliche Pastoren gehen, will man lokale Präsenz nicht weiter verringern..Vergl. auch Henning von Vieregge, „Ehrenamt verändert Kirche- Konsequenzen eines Paradigmenwechsels, in: e Newsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 7/2013 vom 26.4.2013

 

[4] Die Literatur dazu ist so umfangreich wie die Besuche, zu denen bemerkt wurde, die Deutschen sollten endlich ihre eigenen missionarischen Hausaufgaben machen und aufhören, die englischen Gemeinden mit ständigen Besuchsreisen von der Arbeit abzuhalten. Dem Greifswalder Theologen Michael Herbst, Wachsende Kirche, Wie Gemeinden den Weg zu postmodernen Menschen finden kann, Gießen 2008, kommt das Verdienst zu, als einer der Ersten das Thema aufgegriffen zu haben. Zum aktuellen Stand vergl.. Philipp Elhaus, Christian Hennecke, Dirk Stelter, Dagmar Stoltmann-Lukas (Hrsg.), Kirche², Eine ökumenische Vision, Würzburg 2013

[5] in Fresh Expressions,  Anglikanische Antworten in postmodernen Kirchensituationen, abgedruckt bei Philip    Elhaus, Christian Hennecke (Herausgeber) Gottessehnsucht in der Stadt, Auf der Suche nach Gemeinden für     morgen Würzburg 2011 Dieser Abschnitt weitgehend wörtlich übernommen (S. 96f.)

 

[6] So die Überschrift im Sonntagsblatt, der Evangelischen Wochenzeitung für Bayern vom 16.3. 2014 in einem Beitrag über die EKD-Mitgliedsstudie „Engagement und Indifferenz“, Hannover 2014

[7] Es handelt sich um eine Eigenbroschüre der Herbert Quandt-Stiftung Bad Homburg. Die Untersuchung führte  im Auftrag der Stiftung infratest dimap durch. Den Text schrieb Uwe Meergans

[8] Rupert Graf Strachwitz, Kirchen auf dem Weg in die Zivilgesellschaft, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen Nr.1/ 2015 S. 35 mit Verweisen

[9]   Ebd.  S.32

[10] Ebd. 29

[11] Ebd.35

[12] Neumünster 2007, ders, Helfensbedürftig – Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert, Neumünster 2012,

 

[13] So Rupert Graf Strachwitz,,  Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement: Kultur- und ideengeschichtliche Anmerkungen zu zwei Seiten einer Medaille; in: Johannes Goldenstein (Hrsg.), Kompetenz und Konkurrenz – Haupt- und Ehrenamtliche in kirchlicher Verantwortung. Loccum 2013: Evang. Akademie (Loccumer Protokolle, Bd. 07/12), S. 69 – 82, ; ders. Achtung vor dem Bürger, Freiburg 2014

 

[14] Roland Roth, Bürgermacht, Eine Streitschrift für mehr Partizipation, Hamburg 2011, Serge Embacher, Baustelle Demokratie,  Hamburg 2012, Roland Krüger, Loring Sittler, Wir brauchen Euch! Wie sich die Generation 50 Plus engagieren und verwirklichen kann , HH 2011,

 

[15] Mehr dazu bei http://www.kirche-findet-stadt.de/

 

[16] Auf die unterschiedlich gepushten Begriffe von Städteplanern und beiden Kirchen gehe ich an dieser Stelle nicht ein. Für die evangelische Position exemplarisch Martin Horstmann, Elke Neuhausen, Mutig mittendrin, Gemeinwesendiakonie in Deutschland, Eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Berlin 2010 sowie Martin Horstmann, Heike Park, Gott im Gemeinwesen, Sozialkapitalbildung in Kirchengemeinden, Berlin 2014. Den Blick auf die Region lenkt auftragsgemäß das (EKD) Zentrum für Mission in der Region(ZMiR).  Christian Ebert, Hans-Hermann Pompe (Hrsg.), Handbuch Kirche und Regionalentwicklung, Leipzig 2014

[17] So berichtet Frank Düchting:“ Natürlich frage ich auch diakonische Akteure danach, wie sie in der Beratung, in der Pflege oder in der Unterstützungsarbeit stadtteilorientiert arbeiten können. Wenn es ganz gut geht – und das   ist in meinen Gesprächen bisher die absolute Ausnahme – dann arbeiten Kirchengemeinden und Diakonische     Einrichtungen im und für den Stadtteil eng zusammen.“ (Düchting, (2013)

[18] Mir ist bewusst, dass auch aus anderen Teilkirchen Aktivitäten in diesem Themenfeld stattfinden, aber diese Aktion ist gut dokumentiert und ich danke Frank Düchting für seine Unterstützung..

[19] http://www.stadtmitgestalten.de/

[20] Zitiert aus dem Vortrag Düchtings bei einer Strategietagung der Aktionskirche findet Stadt am 17.9.2013 im Bundesbauministerium, Berlin, nachzulesen http://www.akademie-nek.de/h/die_stadt_mitgestalten_107.php unter „Die Stadt mitgestalten“ (Zugriff 7.5.2015)  Auch die nachfolgenden Zitate stammen aus diesem Vortrag.

[21] Zitiert aus einem internes Paper der Initiative mit der Überschrift  „Gemeinde im Quartier-Erkennungsmerkmale“

[22] Die „aktiven Kontakte“ werden spezifiziert:

  • offene, transparente, einladende Strukturen haben;
  • dauerhafte Kooperationen pflegen mit anderen Kirchen / Religionsgemeinschaften, sozialen, diakonischen und / oder staatlichen Einrichtungen zum Wohle des Quartiers;
  • diakonische Angebote für spezielle Zielgruppen, über die eigenen Gemeindeleute hinaus;
  • Beteiligung an Festen, Aktionen und anderen bewohnerorientierten Veranstaltungen im Quartier;
  • interreligiöse und / oder interkulturelle Öffnung, Kontakte, Arbeitszusammenhänge;
  • engagiert in der cicil- society des Quartiers: Bürger- und Einwohnervereine, Kultureinrichtungen, Sport- und andere Verbände, Bücherhallen;
  • an Stadtteil- und Bezirksgremien beteiligt sein (JHA; Fachausschüsse; Stadtteil- oder Quartiersbeiräte; Beiräte im Rahmen von Förderprogrammen (RISE)
  • Übernahme von Konfliktmoderationen; Gesprächspartner sein;
  • Räume für Stadtteilaktivitäten anbieten und aktiv mitgestalten;
  • aktive Kontakte zu Schulen (über Religionsunterricht hinaus), Jugendeinrichtungen, Kitas;
  • kulturelle Angebote für den Stadtteil;
  • aktive Kooperationen im kulturellen, sozialen und historischen Kontext (Stadtteilkultureinrichtungen, Geschichtswerkstätten, freie Theater und Kunsträume); eigene Räume dafür anbieten und mitgestalten.

 

[23] Paul Hermann Zellfelder, gesellschaftsdiakonischen Bedeutung von Kirchengemeinden, in Volker Hermann /Martin Horstmann (Hrsg.), Wichern III – Gemeinwesendiakonische Impulse, Neukirchen 2010, S. 66-75, hier S.70

[24] Es wäre schade, wenn diese Diskussion unterbliebe, weil sie mit dem Hinweis auf die auftragsgemäße Rolle der Kirche (= Gottes-und Nächstenliebe) zugedeckt wird. Entsprechend soll dann Kontextorientierung zum Selbstverständnis einer Gemeinde gehören und keineswegs mit Marketing oder Mitgliedergewinnung (Mission) von Kirche zusammengebracht werden. So Frank Düchting, Auftrag zur Bewährung, Ms 8 S., Mai 2015 S1, 4

[25] Der Shared-Value-Ansatz stammt von den Harvard-Wissenschaftlern

Michael Porter und Mark Kramer. Harvard Business Review 12/2006 Mehr dazu bei  https://hbr.org/2006/12/strategy-and-society-the-link-between-competitive-advantage-and-corporate-social-responsibility (Zugriff 7.5.2015)

 

[26] Frank Trümper, Perspektive Zivilgesellschaft, Gesellschaftliche Verantwortung als

kollektiver Lernprozess, in Michael Wedell (Hrsg.), Die Bank in der Gesellschaft,

Das Engagement der Dresdner Bank, Frankfurt 2009, S.45

 

 

[27] Maritta Koch-Weser zit. nach Henning von Vieregge, Der Ruhestand kommt später, Frankfurt 2012, S. 231

[28] Karl Gabriel, Kirchen zwischen Institution und Bewegung, in : Forschungsjournal Soziale Bewegungen Nr. 1/2015 S.22

[29] Cornelia Coenen-Marx, Engagement und Berufung: Die Kirchen als profilierte Bündnispartner in der Zivilgesellschaft, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1/2015, hier zit. nach Ms. S.6S. 6

[30] Gabriel (Anm.33. S. 22) spricht vom notwendigen Verzicht  auf „eine Sonderrolle jenseits der Zivilgesellschaft las Letztgaranten und Wächter der gesellschaftlichen Totalität, als Träger einer die Gesellschaft als Ganzer integrierenden Zivilreligion.“

[31] Gerhard Wegner, Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung, Leipzig 2014 S.10

[32] Wegner (Anm.32) S.7

[33] Was auf den verschiedenen Ebenen von Kirche zur Ermutigung  getan werden muss, kann hier nicht diskutiert werden., Aber emotionaler Rückhalt von Veränderern durch Kirchenleitung gehört in jedem Fall dazu, wie es John Finney so schön beschreibt: „Und wenn ich heute eine Pfarrei besuche, dann stelle ich auch immer die Frage: Was probiert ihr denn heute gerade aus?“ Finney (Anm.5 ), S.99

 

Brief Nr. 4/2010: Leben und sterben wo ich hingehöre – Eine Begegnung mit Klaus Dörner

09 Feb
9. Februar 2010

Klaus Dörner beim Gespräch in seiner Hamburger Wohnung

„Leben und sterben wo ich hingehöre“. Ich sage ihm, ich finde den Titel Ihres Buches hinreißend. Die zentrale Aussage eines Buches in sechs Wörtern. Das könne jeder verstehen. Er habe an dieser Zeile fast so lange gefeilt wie am Buchtext, antwortet Klaus Dörner. Und nun würde er zumeist auch unter dieser Überschrift zu Vorträgen eingeladen. Was zeige, daß sie trage. „Er hat 70 Veranstaltungen im ersten Halbjahr 2010“, erzählt seine Frau, als Dörner für ein Telefonat aus dem Zimmer ist. Helfen Sie ihm dabei?, will ich wissen. „Ich halte ihm den Rücken frei“, sagt sie. Um mit 76 Jahren so viele Veranstaltungen kreuz und quer in der Republik zu machen, brauchst du jemanden, der dich so unterstützt, denke ich mir. Und dann brauchst du Vitalität und eine Botschaft, die die Leute neugierig macht. So wie mich. Ich habe Klaus Dörner beim Bremer Kirchentag erlebt, wie er einen Saal voller Grauköpfe zum Tosen brachte. Dabei sind seine Aussagen unbequem. Ich war fasziniert und habe ihn angerufen und um ein Gespräch gebeten. Er lud mich in seine Wohnung in Hamburg Eppendorf ein, bestimmter Tag bestimmte Uhrzeit. Im November sprachen wir, nun ist Februar.
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