Brief aus Abu Dhabi

04 März
4. März 2026

347/März 2026
Guten Tag,
Wir hängen fest. Einen Tag früher und wir hätten die Vereinigten Emirate ganz normal verlassen können. Ein Freund hatte noch gesagt, hoffentlich greifen die Amerikaner den Iran nicht an. Das war vor drei Wochen. Er hatte Saudi-Arabien und die Emirate besucht und hatte dabei offenbar ein besseres Lagebild über die Situation erhalten als wir in Deutschland. Unsere Medien hatten über die fortschreitend positiven Gespräche zwischen den USA und Iran in Sachen Atomkontrolle berichtet. Man sei kurz vorm Durchbruch.
Unser Aufenthalt verlängert sich nun mindestens um eine Woche. Meine Tochter wohnt mit Blick auf den Arabischen Golf, die Iraner sprechen vom Persischen Golf. Irgendwo dahinter liegt Iran, die kürzeste Entfernung beträgt 336 km. Nachts, seltener am Tag, hören wir ein Wummern, eigentlich nur einen kurzen Bums. Wir lernen, dass dies ein gutes Geräusch ist: Der Abwehr ist es gelungen, eine Rakete oder eine Drohne abzuschließen. Ein amerikanisches System namens Thaad, besser als das Patriot System, wie stolz berichtet wird, scheint effizient zu funktionieren. Jenes Patriot System, dass die Ukraine so gerne hätte und wir nicht liefern, ist hier schon veraltete Technologie. Die transparente Berichterstattung der offiziellen Stellen schafft Vertrauen. Demnach wurden (letzter Zwischenstand) 186 ballistische Raketen bisher entdeckt und 172 erfolgreich abgefangen. Die anderen fielen ins Meer. Eine landete im Land ohne große Schäden zu verursachen. 812 Drohnen wurden entdeckt, 755 abgefangen, 57 sind innerhalb der VAE abgestürzt oder gelandet. Acht Kreuzflugkörper wurden erkannt und zerstört.
Was wir von den deutschen und englischen Medien mitbekommen, ist Panikmache. Berichtet wird von Urlaubern, die pleite oder todesängstlich sind und der Hölle der VAE nicht entkommen. Vor allem auf Dubai haben es die Medien abgesehen. Ende der Glitzerwelt, die Reichen und Schönen auf der Flucht. Natürlich im SUV, natürlich auf dem Weg zum Privatflugzeug. Die englische Presse jubiliert, weil es wohl nicht wenige britische Steuerflüchtlinge gibt, die in Dubai leben. Und in der Tat meldet KI 240.000 Briten in den Emiraten, gefolgt von Russland mit 150.000 und Frankreich mit 60 oder 65.000. Die Deutschen sind mit 12-15.000 Menschen eher vernachlässigbar . Es sind bei Leibe nicht alle Europäer Steuerflüchtlinge, wenn auch das Fehlen einer Einkommenssteuer attraktiv ist.
Ebenfalls zur Story eignen sich die Riesendampfer, die in Abu Dhabi oder Dubai festliegen. Angeblich dürfen die Kreuzfahrer nicht nur nicht von Bord, sondern auch nicht an Deck und sollen von den Fenstern wegbleiben. Wenn das so wäre, wäre eine unnötige Stresssituation unausbleiblich.
Aber auch hier in Amelies Wohnblock gibt es Ängstliche, Überängstliche und Panikmacher. Einige schlafen in ihren Autos im Parkkeller. Jemand will von Deportationsvorhaben der Regierung gehört haben. Ein anderer weist darauf hin, dass derartige Gerüchtemacherei strafbar sein könnte. Denn die emiratische Führung bemüht sich um business as usual. Die beiden Scheiche von Abu Dhabi und Dubai haben sich kürzlich in einer Mall getroffen und demonstrativ Tee getrunken. Alle Geschäfte sind geöffnet, die Schreckenseinkäufe sind schon wieder Vergangenheit.
Die ersten Flieger gen Europa sind erfolgreich unterwegs gewesen. Es waren Sonderflüge. Der Normalbetrieb nach Europa ist noch nicht wieder aufgenommen. Freunde wundern sich, dass wir nicht dabei waren. Ein Freund will mich erkannt haben. Der Doppelgänger ist entweder Ritterkreuzträger, einer der emiratischen Airlines oder er (Frauen und Kinder zuerst) konnte herausragende Leiden vorweisen.
Zu einem Sonderflug typisch deutschen Zuschnitts startete eine riesige Lufthansa-Maschine: leer. Man habe, heißt es, kein Personal zur Verfügung gehabt. Und ohne Personal keine Passagiere. Dass hier von renommierten Konkurrenten vermutlich Personal auf seinen Einsatz wartet und hätte angeheuert werden können, war offenbar kein Gesprächsthema. Man mag sich gar nicht wünschen, die ganze Litanei der Bedenkenträger der Lufthansa vorgeführt zu bekommen. Die Lufthansa war auch die erste Airline, die gleich für eine ganze Woche alle Flüge absagte.
Da lobe ich mir einen Menschen aus der WhatsApp Gruppe meiner Tochter, der ein Selfie herumschickte. Er unterm Küchentisch mit Stahlhelm auf dem Kopf, sein Hund zur Seite, mit einem Kochtopf auf dem Kopf. Ich könnte wetten, der Mann ist ein Engländer.
So, ich schließe den Bericht, weil wir jetzt spazieren gehen. Das Meer rauscht, der Wind ist heute ungewöhnlich stark und die Sonne scheint so wie gestern und morgen auch.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v.Vieregge

P.S. Wir werden die kommenden Tage nutzen, um nochmals Abu Dhabis Museen anzuschauen. Wer weiter das Gerücht verbreitet, in Abu Dhabi gäbe es nichts von Interesse, der ist schlicht uninformiert. Abu Dhabi ist ein musealer Hotspot geworden, nach Quantität und Qualität vielleicht auf engem Raum einmalig in der Welt: Zayed National Museum, Louvre Abu Dhabi, Natural History Museum, teamLabPhenomena, Abrahamic Family House. Fehlt nur noch, dass das Abu Dhabi Guggenheim Museum, der größte Guggenheim-Standort der Welt. geöffnet ist.

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