Tag Archive for: Mainz

Mainzer Populismus: Volksbefragung als Willkür und Chance

05 Feb
5. Februar 2018

2018_02_07 – PM – BI Mainz für Gutenberg – Der Turm ist ein starkes Zeichen

Foto: Markus Kohz

Schärfere Version
vieregge (4)

Blog 169/ Februar 2018

Guten Tag,

zwei wichtige Bauten in Mainz wurden jahrelang nicht gepflegt und bedürfen dringend der Vollsanierung: das Rathaus und das Gutenbergmuseum.Für das Museum steht erst einmal nur eine kleine Summe (5 Millionen), für das Rathaus ein Vielfaches zur Verfügung. Die FAZ spricht von 60, die lokale Mainzer Zeitung am gleichen Tag (31.1.) von 70 Millionen und die CDU ist schon mit ihren Kostenschätzung, bei der Oberbürgermeister Michael Ebeling (SPD) mal mit 38 anfing, bei 100 Millionen. Und das alles, bevor der erste Spatenstich geschehen ist.

Das Rathaus ist als Bau sehr umstritten, viele Mainzer finden es grässlich. Das Gutenbergmuseum ist unbestritten. Aus einem Architekturwettbewerb wurde der 1. Preis für einen Vorschlag ausgelobt, vor das Museum und mit ihm unterirdisch verbunden einen sogenannten Bibelturm in der ersten Bauphase zu errichten. Damit soll die Aufmerksamkeit auf das Museum gezogen werden und es soll sichergestellt sein, dass während der Umbauphase (für die es noch keine Finanzierung gibt) die kostbarsten Museumsstücke gleichwohl besichtigt werden können- eben im Bibelturm. Das ist vor allem für den Mainzer Tourismus wichtig.

Nun hat das Stadtparlament beschlossen, dass zur Frage „Bibelturm-ja oder nein?“ die Bürger befragt werden sollen. Obwohl dazu ein Beschluss des Stadtparlaments vorliegt. Kosten der Bürgerbefragung: 400-500 Tausend Euro. Werden die Bürger gleichzeitig zur umstrittenen Rathaussanierung befragt? Die regierende Ampelfraktion SPD, Grüne und FDP:“Das ist nicht zielführend„. Bei der einen Frage fehlen dem Bürger, so wird behauptet, die Kenntnisse, bei der anderen nicht.So kann man beides ramponieren: die repräsentative Demokratie und den Bürgerentscheid. Das ist unverantwortlicher Opportunismus.

Ich bin für den Bibelturm
Kann man dem Bürgerentscheid auch etwas abgewinnen? Ja, denn so fragwürdig die Motive der Initiatoren, die sich von der Bürgerinitiative gegen den Bibelturm über die Maßen beeindrucken ließen, auch sein mögen: Der Bürgerentscheid ist eine Chance, die Bürger für stärkeres Engagement zugunsten der Mainzer Kultur zu gewinnen. Für den Bibelturm, für das Museum Gutenberg und für die Mainzer Kultur insgesamt. Es muss gelingen, Politik und Wirtschaft auf allen Ebenen zu das neue Gutenbergmuseum einzusetzen und zwar heftig und nachhaltig. Wir setzen mit dem Bibelturm auf einen Bilbao-Guggenheim-Effekt für Mainz.
Mit herzlichen Grüßen
Henning v. Vieregge

Mainzer Rathaus: Falsches Haus am falschen Ort oder Rettet das Gesamtkunstwerk!

01 Dez
1. Dezember 2017

Blog 164, Dezember 2017
Guten Tag, soll man es Pech oder Glück nennen, dass die Stadt Mainz zwar schon lange einen Dom, aber nie ein Rathaus hatte? So gab es weder, was den Ort, noch was die Gestaltung anging, ein Vorbild, als man in den sechziger Jahren beschloss, sich nun doch ein Rathaus zulegen zu wollen. Man wählte nicht die Stadtmitte, nicht die Nähe zum Dom, kein historisches Gebäude, von denen durchaus einige den zweiten Weltkrieg überlebt hatten, sondern entschied sich für einen Platz am Rhein jenseits einer viel befahrenen Ausfahrtsstraße. Dann sollte es kein Traditionsbau sein, aber auch kein Langweiler der Modernität, wie es etliche in der Stadt gibt. Am Ende entstand zwischen 68 und 70 ein Rathaus, das Anhänger der modernen Architektur ein Gesamtkunstwerk nennen und Kritiker, die in Mainz die Majorität bilden, ein falsches Haus am falschen Ort.
Nun, nach gut 40 Jahren, ist das Haus so marode, dass eine teure Totalsanierung – aufgerufen sind 60 Millionen Euro – her soll. Marode schon nach 40 Jahren? Architekturkritiker Dankwart Guratzsch , dem das Haus gar nicht gefällt, erinnert an die Bauhausler, die die Auffassung vertraten, Häuser sollten nach diesem Zeitraum durch andere ersetzt werden. Wenn dem so wäre, hätten die verantwortlichen Politiker dazu einen bedeutenden Beitrag geliefert, in dem sie das Haus durch verachtungsvolle Nicht-Pflege in die vorzeitige Klapperigkeit geschickt haben. Sogar Originalstühle und Originallampen des Erbauers, Arne Jacobsen, wurden noch vor wenigen Jahren per eBay vertickt.

Das Haus selbst ist für die Beschäftigten eine Zumutung und für Bürger bei jedem Besuch eine Einübung in Obrigkeit. Ein Idealbau für geduckte Menschen, von außen und von innen. Aber das durchaus eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Nicht wenige Bürger plädieren für einen anderen Standort. Wer für das Haus ist, möchte nur unauffällige Veränderungen, alles andere sei Eingriff in das Gesamtkunstwerk. So der Denkmalschutz und so die Süddeutsche Zeitung vom 28.11.2017 unter der Überschrift „Bürgernaher Blödsinn“.Dass jede Generation das Recht und die Pflicht zur Weiterentwicklung auch von hochwertiger Architektur haben könnte, kommt bei der Puristen- Position nicht in den Sinn.

Was die Stadtführung will? Leitmotiv ist: Bloß keine Verantwortung für irgendwas. OB Ebeling (SPD) will die Bürger befragen. Alternativlos und mit der Drohung, wenn sie nicht Ja sagen, wird es noch teurer.

Ich habe in einem Leserbrief, den die FAZ abdruckte, geschrieben, was eine zeitgemäße Entwicklung des Mainzer Rathauses bedeuten könnte. So würde aus einem Rathaus-Käfig ein Bürger-Rathaus und bliebe immer noch ein Jacobsen-Bau.
2017 Leserbrief Rathaus

Mit besten Grüßen
Henning v. Vieregge

Eine Besonderheit im Lehrangebot der Hochschulen in Deutschland in Runde 6: Offene Denk-Werkstatt „Universität und Zivilgesellschaft“

10 Okt
10. Oktober 2014

Beitrag 73/ 2014 vom 10. Oktober 2014

 

Guten Tag,

sie ist  eine Besonderheit im Lehrangebot der deutschen Hochschulen und speziell im Lehrangebot für Ältere: die Werkstatt Universität und Zivilgesellschaft, angeboten vom Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In einem Basispapier, das von Semester zu Semester fortgeschrieben wird, habe ich dargelegt, um was es in der Werkstatt prinzipiell geht:

Was will die Werkstatt?

Studierende 50 Plus sind überdurchschnittlich gesellschaftlich interessiert und engagiert. Die Werkstatt will diesen helfen, den Wert ihres persönlichen gesellschaftlichen Engagements  und des ihrer Generation einzuordnen und dadurch für sich befriedigender und gesellschaftlich wirksamer zu machen. Sie will darüber hinaus Impulse für eine stärkere Beschäftigung der Universität Mainz zu den Themen Ehrenamt/bürgerschaftliches Engagement/Freiwilligenarbeit setzen. Es geht um Forschung, Lehre und praktische Ermöglichung. Die Werkstatt beschäftigt sich mit Grundsatzfragen der Freiwilligenbewegung, versteht sich aber auch als Brücke in die Praxis. Empfohlen wird als ein Beratungsergebnis, dem Beispiel anderer Hochschulen folgend, der Aufbau eines Service Learning Angebots für Studierende, im Einstieg in Zusammenarbeit mit Lehrenden einzelner Fachbereiche, in angepasster Form auch für die Studierenden 50 Plus.

Start in Runde 6

Am 5. November beginnt die neue Runde. Einige Plätze sind noch frei, deswegen nach der universitätsinternen Ausschreibung hier die weitere, offene Einladung. Ein Ausschnitt aus der Ankündigung:

Arbeit, Bildung, Engagement: Chancen einer Encore Career

Im Sommersemester 2014 hatte das ZWW in Kooperation mit dem Studium Generale eine Ringvorlesung unter dem Titel   „Durch Bildung zum wahren Selbst? Alter, Engagement, Lernen“ angeboten. Wir wollen die Werkstatt nutzen, um die Kernaussagen der Referentinnen und Referenten anhand der Vorträge und Präsentationen herauszuarbeiten und auf ihre Aussagekraft abzuklopfen. Ergänzende Literatur wird vorgestellt. Das Programm wird in der ersten Sitzung zur Diskussion gestellt; Abweichungen sind möglich.

Es geht in jedem Fall um lebenspraktische, wissenschaftliche  und gesellschaftspolitische Orientierung in der aktuellen Diskussion über Altern, Zweitkarriere, Engagement und Bildung.  Wer über den  Übergang ins dritte Lebensalter nachdenken möchte,  findet hier Anregungen, auch durch gemeinsamen Austausch.

Hier die Termine:

Termine  ab November  am 1. und 3. Mittwoch 16.30 bis 18.00 Uhr  

5. November, 19. November,  3. Dezember, 17. Dezember,   7. Januar, 21. Januar,  4. Februar

Ort: Forum 1, Alter Musiksaal, Raum 02 115 zum Auftakt, danach immer in der Neuen Mensa , Seminarraum II

Die Teilnahme an der Ringvorlesung ist keine Voraussetzung zur Teilnahme an der Werkstatt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeden Alters sind willkommen. Die Veranstaltung ist als Entgegenkommen des ZWW kostenfrei.

Mit herzlichen Grüßen rundum

Henning v. Vieregge

Der Robin Hood des Abfalls und die Mainzer Stadtspitze oder: Es geht doch auch vorbildlich. Wie Tübingen über bürgerschaftliches Engagement kommuniziert

09 Nov
9. November 2013

rainer_schaefer

Brief 54/2013

Guten Tag,

ich gebe zu, die Gefahr besteht, dass man dem eigenen Umfeld zu kritisch gegenübersteht und Dritten zu unkritisch. Hier in Mainz erlebe ich bei einem rotgrünen Bündnis durchweg Enttäuschendes zu Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung. Dabei wurde im Wahlkampf viel versprochen.  Da redete der SPD-Kandidat mit Emphase von der Wichtigkeit von Bürgerbeteiligung, jetzt als Oberbürgermeister vermuschelt er aufkommende Forderungen (Totalrenovierung oder Neubau Rathaus ?, Einkaufsklotz in der Innenstadt oder nicht?) und stößt nichts selber an. Der damalige Grünen-Kandidat prägte den geradezu aufrührerischen Slogan „Bürger, holt Euch Eure Stadt zurück!“. Als Stellvertreter des Oberbürgermeisters mit einer  Parteifreundin  als Gründezernentin.  wird gezeigt, wie der Spruch eigentlich gemeint war : „Bürger, holt Euch unsere Arbeit und macht sie so, wie wir wollen.“

Wenn Bürger beispielsweise  Grünanlagenpflege von der Stadt übernehmen sollen, freiwillig natürlich, sollen sie sich dabei bitteschön nach den Vorgaben des Grünamtes richten. Immerhin wird Freiwilligen, die schon länger Grünes pflegen, Straffreiheit zugesagt. Schließlich war solches Engagement bis eben verboten. Die Brunnen wurden im Juni letzten Jahres ohne jede Vorankündigung abgestellt und die Bürger aufgefordert, per Spende für Wasser marsch zu sorgen. Als vor wenigen Wochen ein Robin Hood des Abfalls , wie ihn die Lokalzeitung betitelte, auftauchte, der an den Straßenrändern Unrat sammelte, in rosa Säcke verpackte und abstellte, wurde er, der zunächst anonyme Wohltäter, von einem zuständigen Abfaller der Stadt über die Presse belehrt, dass sein Tun illegal sei und zudem Mehrarbeit produziere. 243 Säcke in zwei oder drei Tagen, eine Zumutung.  Die Lokalzeitung stellte ihn, den Unbekannten, einen Tag später dann als Rainer Schäfer vor, einen Hartz-Vierer mit Sendungsbewusstsein und Tatendrang, und Leser schrieben begeisterte Briefe. Weder der rote noch der grüne Bürgermeister noch die zuständige grüne Dezernentin mochten sich den Lesern anschließen. Sie stellten ihre nöhlende Verwaltung nicht in den Senkel. Sie bedankten sich nicht bei Rainer Schäfer, der noch eine halbe Woche weiter sammelte. und auf über 600 Säcke kam. Sie schwiegen unisono: Der Oberbürgermeister, die Bürgermeister, die zuständige Dezernentin, die sich  sonst jeden Tag gern mehrmals in der Zeitung finden. Die Mainzer Verwaltung forderte Robin Hood zur Kooperation auf, aber der erklärte, mit Bürokratie habe er es nicht so gern. Und verschwand nach einer Woche wieder Richtung Heimat.  Mehr Einsatz konnte er sich finanziell nicht leisten. Er lebte auf dem Campingplatz und ernährte sich von Konserven. Mainz, das sich Fasnacht für Fasnacht durch alle Sitzungen ob seiner Weltoffenheit und Fremdenzugewandtheit lobt, blieb an der Stadtspitze stumm, verärgert und zugeknöpft.

Geht es auch anders?  Der grüne OB Boris Palmer und seine Verwaltung zeigen in Tübingen, wie man es besser macht; die Verwaltungskommunikation pro Bürgerengagement in dieser Stadt ist vorbildlich. Man schaue sich nur an, wie respektvoll und umsichtig Bürger in die Grünpflege einbezogen werden, wenn sie es denn wollen. Boris Palmer hätte einen Rainer Schäfer als das behandelt, was er ist: als einen vorbildlichen Bürger in seinem zupackenden Eigensinn.  http://www.tuebingen.de/buergerengagement

Mit herzlichen Grüßen

Henning v. Vieregge

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