Brief Nr. 3/2010: Der erste Enkel

19 Jan
19. Januar 2010

Zukunftssicherung beruhigt

Er liegt im Kindersitz und schläft. Jedes Mal, wenn eine dieser durch Wiederholung nicht lieblicheren Kindermelodien abbricht, drehe ich eilig, ich möchte sagen: eiligst, am Rädchen der Aufziehkugel, die in seinem Sichtfeld hängt, damit es ja mit der Melodie wieder von vorne losgeht. Dann schläft er nämlich noch etwas weiter, Ethan, halber Engländer, fünf Wochen, mein erster Enkel.

Andernfalls verzieht sich sein Gesicht und die Chance, ein Losheulen zu verhindern, sinkt sekündlich. Nun hilft nur noch Hochnehmen und Knuddeln. Wenn er freilich nach längerem Schnüffeln und Zutseln an meiner Wange nirgendwo eine Brustwarze findet, beginnt der Protest unwiderruflich. Er den schrägen Humor der Erwachsenen auf Kosten der Heranwachsenden erstmals zu spüren bekommen und findet es überhaupt nicht lustig. Und nur meine Tochter kann dann noch neue Friedfertigkeit stiften mit ihrem speziellen Angebot.

Er wurde im Wasser geboren und tauchte mit eleganter Langsamkeit, wie sein Vater immer wieder schwärmerisch berichtet, aus dem warmen Becken auf ins Leben. Er war gewünscht und wird geliebt von seinen Eltern, Tanten, Onkel, Großmüttern und Großvätern.

Worin aber liegt nun eigentlich sein Reiz für mich, den einen Großvater?

Eine Antwort ist gängig und muß dennoch nicht falsch sein: Enkelkinder können, anders als fremde und leichter als unmittelbar eigene, hemmungslos geliebt und verwöhnt werden. Die Kinder haben nichts dagegen und die Eltern können nicht viel dagegen tun.

Eine zweite Antwort gräbt tiefer. Es geht um die eigene Nachhaltigkeit. Wie sieht es aus mit uns, jedem von uns, sagen wir in 2060? Eine heute 31 jährige Journalistin stellte unlängst diese Frage und konstatierte: „Nationalspieler Lukas Podolski ist dann 75. Für Angela Merkel, Till Schweiger und Dieter Zetsche wird es eng“. (Melanie Amann „Bahn frei für die Generation Rollator“, Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 25.11.2009)

2060 bin ich 113, werde 114, wäre also etwas jünger als mein Großvater väterlicherseits heute. Daß ich von irgendwo irgendwie noch Anteil nehme, ist ein schöner Glaube, den zu glauben ich mich bemühe. Der Tod ist das einzig wirklich Unbekannte im Leben des Menschen, zitiert die Frisch-Tochter Ursula Priess in ihrem Buch „Sturz durch alle Spiegel“ ihren Vater.

Und dann heißt es: “Max …stellte aber fest, daß sich das Fortleben in der Erinnerung ausschließlich auf das Leben beziehe, das beendet ist, also ein rückblickendes Fortleben sei, und nicht mit Fortleben jenseits des Todes verwechselt werden dürfe, das tatsächlich unbekannt bleibe.“ (Zürich 2009:108)

Also immerhin , lieber Ethan, rückblickendes Fortleben deines Großvaters sicherst nun du. Ich erzähle meinen Kindern von meinem Großvater, Jahrgang 1888, und sie kennen meinen Vater, Jg.21, noch von Angesicht und Erleben und sie verehren meine Mutter, Jg.23, die Gott sei‘s gepriesen, noch eindrucksvoll das Familienregiment führt.

Summa summarum kann allein die mündlich überlieferte Erinnerungsbandbreite in einer Familie also sieben Generationen umfassen. Das ist eigentlich beeindruckend. Sind wir beeindruckt? Vielleicht dreht sich der Zeitgeist ja gerade wieder gegen allzu individualistisch-kurzzeitige Lebensfixierung. Vielleicht wollen wir in Zukunft wieder vererben, finden es natürlich, wenn wir am Ende unseren Kindern zur Last fallen und wollen keineswegs anonym beerdigt werden. Wir würden uns dann nicht nur im prallen Leben ernst nehmen, sondern auch als Glied einer Kette, die vor uns war und nach uns ist. Ethan, beeile dich ein bißchen beim Aufwachsen, darüber müssen wir mal reden…

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